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34. Das Paradies der Zukunft

Die Indianer waren wie gewöhnlich morgens zuerst auf den Beinen und fingen die Maultiere wieder ein, die sich nachts ziemlich weit vom Lager entfernten, wenn sie nicht, wie es im Walde stets aus Vorsorge geschah, in der Nähe der Feuer festgebunden waren. Dann weckten die Burschen ihre weißen Herren und machten sie auf ein neues Schauspiel aufmerksam: ganz in der Nähe weidete ein Rudel stattlicher Pampahirsche, deren Geweih nicht mehr als drei Zinken aufwies, und nicht weit davon ästen einige Sumpfhirsche, die, einen Meter hoch und zwei Meter lang, die größten aller südamerikanischen Hirsche sind. Es waren meist Sechs- und Achtender.

Der Morgen graute noch kaum; sonst hätten sich diese Tiere, die ein Nachtleben führen, nicht mehr blicken lassen.

Schulze wollte sofort auf die Hirschjagd, aber Friedrich bat, die hübschen, harmlosen Tiere nicht unnötig zu »erschrecken«, und der Gelehrte ergab sich drein, denn er hatte wenig Hoffnung, sich den scheuen Tieren unbemerkt so weit nähern zu können, als es ihm notwendig erschien, um einen Schuß aus seiner »nie fehlenden« Büchse zu wagen.

Nach einem kurzen Morgenimbiß ging es wieder dem Walde zu. Dieser zeigte sich viel weniger dicht als alle bisher durchquerten Waldungen: sonst war es fast nur in der Nähe der Flußufer möglich, im Urwald rasch vorwärts zu kommen. Hier aber hinderte kein undurchdringliches Dickicht den Weitermarsch, auch wenn man sich weiter vom Ufer entfernte.

Bei Sonnenaufgang hatte die kleine Karawane bereits eine ziemliche Strecke zurückgelegt und lagerte sich auf einem kahlen Felsen am Ufer des Stromes.

»Horch!« rief plötzlich Friedrich. »Das klingt ja wie die Töne einer entfernten Orgel aus dem Innern der Erde herauf!«

Ulrich lachte. »Wer die Glocken von Atlantis vom Meeresgrunde herauf vernimmt, der mag auch von unterirdischen Orgeln träumen!«

»Nein, nein! diesmal ist es keine Phantasie; sei einmal ganz still! Da! – hörst du's?«

In der Tat vernahm nun auch Ulrich die Orgelklänge, die ganz deutlich wurden, wenn man das Ohr unmittelbar an den Felsboden legte.

»Was ist denn das?!« wandte sich Schulze fragend an die Indianer.

»Das sind Musikfelsen, Hexenwerk!« erwiderte Matatoa.

»Da sieht man wieder euch ungebildete Natursöhne!« schalt der Professor ärgerlich. »Wenn ihr etwas nicht begreift, seid ihr gleich damit fertig: da heißt es einfach ›Hexenwerk, Teufelsspuk!‹ und damit gebt ihr euch zufrieden. Es fehlt euch durchaus an wissenschaftlichem Sinn und Interesse. Ich will euch die Sache wissenschaftlich erklären, wie ich sie mir im Augenblick zurechtlege. Ihr versteht es freilich doch nicht, aber meine jungen Freunde werden es sofort begreifen. Wir haben es hier offenbar mit einer Naturmerkwürdigkeit zu tun wie bei der ägyptischen Memnonsäule: Seht, diese Felsplatte ist voll tiefer schmaler Öffnungen; durch den außerordentlichen Temperaturunterschied, der erzeugt wird, wenn sich der Felsen unter den Strahlen der aufgehenden Sonne erwärmt, entsteht ein gewaltiger Luftzug in diesen Löchern, und die dehnbaren Glimmerplättchen, die in den Felsspalten von der ausströmenden Luft in zitternde Bewegung versetzt werden, geben zitternde Klänge von sich, während die Löcher selber je nach ihrer Tiefe und Weite die verschiedensten orgelartigen Töne hervorbringen; das ist also eine eigentliche Naturorgel, die bei Sonnenaufgang ihren Morgenchoral hören läßt.«

Noch lange lauschten sie den geheimnisvollen Klängen, bis diese mit der zunehmenden Erwärmung des Felsens allmählich erstarben.

Obgleich sich Schulze, dessen Hand so ziemlich geheilt war, ermattet und fiebrig fühlte, drängte er nun doch zum Aufbruch, damit sie nicht in die Mittagshitze hineinkämen.

Es ging nun vielfach zwischen gewaltigen, schwarzen Granitblöcken von allen möglichen Formen hindurch. Die bleiglänzenden Klippen, die sich an dieser Stelle auch im Strombette häuften, ragten hoch aus dem Erdboden empor. Sie waren meist völlig glatt geschliffen; offenbar hatte die Strömung des Orinoko, die früher einen mehrfach breiteren Raum eingenommen haben mußte als zurzeit, diese leuchtende Glätte, vielleicht vor Jahrhunderten, hervorgezaubert. Heute noch vollzog sie mitten in ihrem Lauf eine ähnliche Arbeit an den schwarzen Riesenfelsen, an denen sie laut tosend vorbeischoß.

»Es läßt sich denken,« bemerkte Schulze, in die kochenden Strudel und brausenden Wasserfälle hinabblickend, »wie außerordentlich schwierig es ist, zu Schiff diese Stromschnellen zu überwinden; ich zweifle nicht daran, daß wir hier am Ufer in einer Stunde einen Weg zurücklegen, zu dem eine gutbemannte Pirogue fünf bis zehn Stunden brauchte! Wir befinden uns hier am Raudal de Cariben, den Stromschnellen von Cariben, die ganz besonders hinderlich für die Flußfahrt sind.«

»Ah!« rief Friedrich aus. »Dort seht hin! Sollte man nicht meinen, da stünde eine ganze Reihe zerfallener Burgen und Schlösser, die mit ihren Ruinen, Mauern und Türmen die Zinnen schroffer Felswände krönen?«

Ja, das war ein romantischer Anblick: sowohl an den Ufern als im Flusse selber erhoben sich in der Ferne mächtige Massen aufeinandergetürmter Granitblöcke, teils wie zyklopische Mauern, teils wie Dolomiten, auf denen zackige Ruinenformen sich gegen den leuchtenden Himmel abhoben.

Beim Näherkommen gewannen die gewaltigen Gebilde noch an Zauber und Mannigfaltigkeit; da sah man Säulen mit schön abgerundeten Felskugeln auf der Spitze; daneben erschienen zierliche gotische Fensterbogen, dann wieder kuppelförmige kahle Steine mit glattgeschliffenen Wänden.

Im Süden ragten hoch aus dem Wald empor drei völlig vereinzelte gewaltige Felsriesen: alles machte den Eindruck, als sei hier eine herkulische Kraft tätig gewesen, die sich im Schaffen der mannigfaltigsten Kunstwerke gefallen habe, und doch waren es zufällige Gebilde einer jungfräulichen Natur!

Diese Felsbildungen sind das Wahrzeichen des Zusammenflusses zweier mächtiger Ströme; denn bald befanden sich unsere Freunde an der Stätte der früheren Jesuitenmission Santa Teresa, gegenüber der Mündung des Rio Meta, des bedeutendsten Nebenflusses des Orinoko.

Angesichts der überwältigenden Großartigkeit dieser Landschaft lagerten sich die entzückten Reisenden zur Mittagsrast.

»Dies ist die Piedra de Paciencia, der Felsen der Geduld!« erklärte Schulze, auf einen mächtigen Felsblock mitten im Strome zeigend. »Man nennt ihn so, weil die Piroguen, die den Orinoko hinauffahren, oft zwei Tage und noch mehr brauchen, um aus den Strudeln zu kommen, die diesen Stein umkreisen.«

Der Wald am jenseitigen Ufer gewann ein freundlich lachendes Aussehen durch die vielen goldgelben Blüten, die sich aus dem dunkeln Grün der Baumkronen vordrängten; der Fluß selber zeigte sich voller Leben: besonders unterhaltend war es, den silberglänzenden langschnäbeligen Delphinen zuzusehen, die fortwährend sprungweise aus den Fluten auftauchten. Zuerst erblickte man den Kopf, dann den bläulichen Rücken, oft auch den im Sonnenglanz schillernden hellen Bauch, und zuletzt erhob sich der schöngeformte Schwanz hoch in die Luft, während schon der Kopf wieder im Wasser verschwunden war.

»Das sind liebenswürdige Geschöpfe,« meinte Ulrich. »Sie führen offenbar ihre anmutigen Kunststücke eigens zu unserer Unterhaltung vor!«

»Gewiß! Die reinste Künstlervorstellung!« bestätigte Schulze.

Am Ufer marschierten gemessenen Schrittes die bunten Reiher und die »Garzones Soldatos« umher, und hier und da sah man den Rücken eines Krokodils, das bewegungslos wie ein Baumstamm auf dem Wasser dahintrieb.

»Nichts ist merkwürdiger,« bemerkte Schulze, »als die wilde Einsamkeit dieser Gegend. Wir befinden uns an einer Stelle, die an handelspolitischer Bedeutung vielleicht die großartigste der ganzen Welt ist: die Quellen des Meta liegen südlich von Santa Fe de Bogota ganz in der Nähe der Quellen des Magdalenenstromes, und der Fluß ist beinahe bis dorthin schiffbar: auch die Quellen des Guaviare, des südlichsten großen Zuflusses des Orinoko, liegen ganz nahe, und wenn wir bedenken, daß andererseits der Cassiquiare den Orinoko durch den Rio Negro mit dem Amazonas verbindet, mit der bedeutendsten Wasserstraße unseres Planeten, so sehen wir hier einen Punkt, der ein Gebiet erschließt, das an Ausdehnung weit unseren europäischen Weltteil übertrifft. Und welche Fülle der wichtigsten Handelswaren könnten diese gewaltigen Landstrecken liefern: das Andengebirge, die weiten Llanos des Meta und Guaviare, der Urwald – alles wird durch diese Wasserwege zugänglich gemacht; da bedarf es keiner Kanäle und Eisenbahnen, die Natur selbst hat das Land für die großartigste Kultur, für den unbeschränktesten Handel vorbereitet.

»Und nun? Nicht einmal ein Dörflein steht an dieser einzigartigen Stelle, ja, den Mündungen des Orinoko und des Amazonenstromes selber fehlt es an bedeutenden Handelstädten! Sollte man es glauben, daß diese von der Natur wie keine anderen bevorzugten Gebiete vor mehreren Jahrhunderten entdeckt wurden und noch beinahe so brach liegen wie nach den ersten Jahrzehnten ihrer Entdeckung?«

»Ja, das ist wirklich unglaublich,« stimmte Ulrich bei, »namentlich wenn man bedenkt, wie in den Vereinigten Staaten die Großstädte wie Pilze aus dem Boden schossen, wo sich nur irgendeine besonders günstige geographische Lage vorfand.«

»Und dabei,« fügte Friedrich hinzu, »mußte die Besiedlung in Nordamerika mit ungleich größeren Schwierigkeiten kämpfen, als sie ihr hier drohen: wie sanft sind doch die Indianer des Südens im Vergleich zu den grausam-listigen Skalpjägern, mit denen es die Bahnbrecher der Kultur in den Urwäldern und Prärien der Neuen Welt im Norden zu tun hatten.«

»Sie werden sehen,« nahm Schulze wieder das Wort, »die Zeit wird nicht mehr fern sein, wo die auswanderungslustige Menschheit sich diesem wahrhaften Dorado zuwendet; vielleicht breitet sich schon in wenigen Jahrzehnten dort drüben am Meta- und Orinokoufer eine Millionenstadt aus, und die glücklichen Ansiedler werden zu Reichtümern gelangen, wie sie Nordamerika niemals in solcher Fülle und in so kurzer Zeit seinen Pflanzern bot.«

»Und was für großartige Entdeckungen und Funde stehen der Menschheit noch bevor,« bemerkte Friedrich begeistert, »wenn durch die immer weiter in die Urwälder vordringenden Ansiedlungen all die geheimnisvollen Wildnisse erforscht werden, die keines Weißen Fuß bis jetzt betreten hat!«

»Wie viele plagen sich in der Heimat ab, ein glückloses Leben hindurch, die hier alles in Hülle und Fülle haben könnten, wenn sie nur auf dies Paradies aufmerksam gemacht würden oder so viel Mut und Verstand besäßen, einmal den Anfang mit der Bewirtschaftung dieser üppigen und reizvollen Landstriche zu machen!« sagte Schulze nachdenklich.

»Weißt du was, Ulrich?« rief Friedrich, ganz Feuer und Flamme. »Wir führen es aus! Wir kehren nach Deutschland zurück und erlassen einen Aufruf an alle die Armen und Elenden, die es mit uns wagen wollen; dann kaufen wir hier die weite Einöde und gründen Städte und Dörfer nach Herzenslust. Den neuen Ansiedlungen geben wir eine treffliche Verfassung, so daß in kurzer Zeit hier ein kleines Paradies auf Erden entstehen soll!«

»Wenn nur das böse Fieber nicht wäre!« klagte der Professor, der sich immer unwohler fühlte.

Ein Ruf Unkas' riß die Deutschen aus ihren Betrachtungen: in der Nähe ergoß sich ein Flüßchen in den Orinoko; seine flachen Ufer waren ziemlich sumpfig und von einigen Pfützen oder Lagunen gesäumt. In einer dieser Wasserlachen wälzte sich ein plumpes Tier, das einem jungen Nilpferd glich, jedoch mit dem Kopf eines Schweines und einem in einen Rüssel auslaufenden Oberkiefer.

»Das ist ein Tapir!« rief Schulze lebhaft und griff als unverbesserlicher Jäger schon wieder zum Gewehr.

Der Tapir aber schien aufmerksam geworden zu sein; er verließ seinen Tümpel und trottete dem Strome zu. Es machte einen so komischen Eindruck, wie er den wunderlich geformten Kopf beinahe zwischen die Vorderbeine klemmte, daß Ulrich und Friedrich unwillkürlich lachen mußten und der Professor in ihre Heiterkeit einstimmte, obgleich es ihn verdroß, daß ihm die Jagdbeute wieder entging.

Der Tapir aber plumpste in das hochaufspritzende Wasser und ließ sich nicht mehr blicken.

Nun ging die Reise weiter; der Orinoko zeigte eine Zeitlang eine breitere, klippenfreie Wassermasse; dann verengte er sich wieder am Raudal de Tabaje, durch den er sich mit lautem Getöse in mächtigen Fällen hindurchzwängte.

Hier war wiederum eine verlassene Mission, San Borja: diese war zweimal gegründet worden, zuerst von den Jesuiten, dann von den Franziskanern. Aber sie hatte beide Male nur kurzen Bestand. Die freiheitliebenden Guahibo fürchteten zu sehr die Sklaverei und entliefen wieder in ihre Wälder; denn die Guahibo lassen sich am schwersten seßhaft machen und das Joch der Knechtsarbeit auflegen: sie nähren sich lieber von faulen Fischen, Tausendfüßlern und Würmern, als daß sie sich entschlössen, das Land zu bebauen. Daher geht das Sprichwort unter den Indianern: »Ein Guahibo ißt alles auf der Erde und unter der Erde.« Ja, noch mehr, sie essen sogar die Erde selbst, nämlich eine besondere Lehmart, die sie für einen Leckerbissen halten.

Da Schulze bald über heftiges Fieber und große Mattigkeit klagte, wurde noch vor Sonnenuntergang ein Platz zum Übernachten ausgesucht.


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