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Eberts Bekenntnis zur Landesverteidigung

Zeugenaussage im Magdeburger Prozeß.

Von Beginn des Krieges bis zu seinem Ende habe ich mich rückhaltlos auf den Boden der Landesverteidigung gestellt und in diesem Sinne gehandelt. Ich habe dies durch verschiedene Reden im Reichstag und außerhalb desselben zum Ausdruck gebracht. Während des ganzen Krieges war ich Gegner des Streiks der Arbeiter der Kriegsindustrie. Gegen einen solchen Streik habe ich mich in meiner Rede auf der Reichskonferenz der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands im Jahre 1916 ganz besonders scharf ausgesprochen. Der Streik der Munitionsarbeiter Berlins im Jahre 1918 ist ohne Zutun und ohne Einvernehmen mit der Sozialdemokratischen Partei ausgebrochen. Auch persönlich hatte ich mit der Vorbereitung des Streiks weder direkt noch indirekt etwas zu tun, ich bin von ihm vielmehr völlig überrascht worden. Charakteristisch ist eine damals erschienene Flugschrift, die zum Massenstreik aufforderte und in der u. a. gesagt wurde: »Sorgt dafür, daß die Gewerkschaftsführer, die Regierungssozialisten und andere ›Durchhalter‹ unter keinen Umständen in die Vertretungen gewählt werden. Hinaus mit den Burschen aus den Arbeiterversammlungen! Diese Handlanger und freiwilligen Agenten der Regierung, diese Todfeinde des Massenstreiks, haben unter den kämpfenden Arbeitern nichts zu suchen.« Am Vormittag des 28. Januar 1918 erschienen im Bureau der Sozialdemokratischen Partei aus zahlreichen Berliner Betrieben in schneller Folge Arbeiterdelegationen, die über den ausgebrochenen Streik berichteten und wünschten, der Vorstand der Sozialdemokratischen Partei solle Vertreter in die Streikleitung entsenden, um Schlimmeres zu verhüten. Namens der Parteileitung habe ich demgegenüber geltend gemacht, der Streik sei ohne Zutun oder Fühlungnahme mit der Sozialdemokratischen Partei entstanden. Die Streikenden hätten bereits eine Streikleitung gewählt und bestimmte Forderungen aufgestellt. Danach könne niemand der Leitung der Sozialdemokratischen Partei zumuten, nachträglich eine Verantwortung zu übernehmen. Die erschienenen Arbeiterdelegierten stellten dann die Frage, ob die Parteileitung eine Delegation in die Streikleitung entsenden würde, wenn die Delegiertenversammlung der Streikenden darum ersuchen würde. Diese Frage wurde nach längerer Aussprache bejaht. Maßgebend war dabei für die Parteileitung, zu verhüten, daß durch den Streik die Interessen des Landes geschädigt würden, und durch Verhandlungen mit der Regierung zu versuchen, ihn möglichst bald zum Abschluß zu bringen. Eine Kommission der Arbeitervertreter ging dann in die Delegiertenversammlung der Streikenden, um ihnen davon Mitteilung zu machen. Diese Versammlung hatte aber gerade einen ähnlichen Antrag mit geringer Mehrheit abgelehnt. Bei nochmaliger Behandlung der Frage bekämpfte der Abgeordnete Ledebour den Eintritt von Vertretern der Sozialdemokratischen Partei in die Streikleitung aufs heftigste und erklärte, wenn die Versammlung zustimme, sei der Streik verloren. Der Antrag wurde aber mit großer Mehrheit angenommen. Darauf hat der Vorstand der Sozialdemokratischen Partei die Herren Otto Braun, Scheidemann und mich mit seiner Vertretung beauftragt. Unser Eintritt in die Streikleitung erfolgte unter der den Arbeiterdelegierten gegenüber erklärten Voraussetzung, daß die Streikleitung in paritätischem Sinne umgestaltet, das heißt, daß die Sozialdemokratische Partei in gleicher Zahl in ihr vertreten sein solle, wie die Unabhängige Sozialdemokratische Partei, und daß eine nochmalige Beratung der bereits aufgestellten Forderungen ermöglicht werde. Zu diesen Beratungen ist es aber nicht gekommen. Am selben Tage, am 29. Januar, wurden alle Versammlungen, auch die der Delegierten der ausständigen Arbeiter, verboten. Auch den Mitgliedern der Streikleitung wurde jede Zusammenkunft unter Strafandrohung untersagt. Am nächsten Tage wurde der »Vorwärts« unterdrückt und am gleichen Tage alle Bureaus der Gewerkschaften im Gewerkschaftshause geschlossen. Es bestand danach keinerlei Möglichkeit, mit den streikenden Arbeitern zu einer Verständigung zu gelangen. Am 31. Januar haben sich die Streikenden in großen Massen auf Straßen und öffentlichen Plätzen versammelt. Bei einer solchen Gelegenheit habe ich zu den Streikenden gesprochen und sie dabei nachdrücklich zur Ruhe und Besonnenheit ermahnt. Zwischendurch wurde versucht, durch Verhandlungen mit der Regierung eine Möglichkeit zum Streikabschluß zu finden. Zu örtlichen Verhandlungen kam es nicht, weil die Regierung wegen der Zusammensetzung der Arbeiterdelegation allerlei formalistische Schwierigkeiten machte. Der Streik ist dann nach etwa einer Woche beigelegt worden. Ich bin noch heute der Meinung, daß der Streik in wenigen Tagen beigelegt gewesen wäre, wenn sich die Reichsregierung nicht auf ihren formalistischen Standpunkt versteift hätte und wenn es mit ihr zu sachlichen Verhandlungen gekommen wäre. Es haben nämlich zu gleicher Zeit in Danzig, Köln und München ähnliche Streiks stattgefunden. In Danzig verhandelten der Festungskommandant und der Regierungspräsident mit den Streikenden, mit dem Erfolg, daß der Streik in wenigen Tagen beigelegt war. In Köln hat neben dem Oberbürgermeister Adenauer der Regierungspräsident v. Stark mit den Streikenden verhandelt. Letzterer hat sogar in einer Versammlung der Streikenden sich mit ihnen über ihre Forderungen auseinandergesetzt. In München war den Streikenden sogar ein Demonstrationszug gestattet. Der damalige bayerische Ministerpräsident v. Dandl hat sich am 1. Februar in der Kammer der Abgeordneten mit dem Streik beschäftigt und dabei unter anderem, zu den Sozialdemokraten gewendet, folgendes gesagt:

»Ich danke es Ihnen, wenn Sie jetzt die Führung der Sache in die Hand genommen haben, weil ich von Ihnen erhoffe, daß sie dadurch in ruhige Bahnen gelenkt wird, und daß dadurch der Ausstand, der uns tatsächlich vor dem Ausland schwer schädigt, wiederum beruhigt und zu Ende gebracht wird.«

Die Redaktion des »Vorwärts« leitete das Blatt selbständig. Es bestand eine Preßkommission, in der auch ein Vertreter des Parteivorstandes saß. Diese Preßkommission besprach ab und zu mit der Redaktion die Haltung des Blattes. Diese Preßkommission war aus Vertretern der Berliner lokalen Instanzen zusammengesetzt. Jedenfalls hat der Vorstand der Partei die Artikel des »Vorwärts« auch immer regelmäßig erst zu sehen bekommen, wenn sie erschienen waren. Wenn es daher zutreffen sollte – was ich nicht weiß –, daß der »Vorwärts« in jenen Streiktagen zum Durchhalten des Streikes aufgefordert hätte, so hat die Parteileitung dafür keine Verantwortung. Ich habe zu den Streikenden im Treptower Park, in dessen unmittelbarer Nähe ich wohnte, kurz gesprochen. Ich habe – soweit ich mich der Vorgänge bei dieser Rede noch erinnere – unter anderem über die versuchten Verhandlungen mit der Regierung berichtet und habe zur Ruhe und Besonnenheit ermahnt. Ich habe nicht aufgefordert, die Arbeit wieder aufzunehmen. Das konnte ich bei der Erregung, die damals unter den Streikenden herrschte, nicht. Hätte ich es doch getan, dann hätte ich nur Öl ins Feuer gegossen. Die Forderungen der Streikenden waren wirtschaftliche und auch politische. Mir ist nichts davon bekannt, daß die Partei etwa, nachdem in Berlin der Streik zu Ende war, beschlossen hätte, den Streik anderswo ins Werk zu setzen, und daß etwa der jetzige Oberpräsident Noske so etwas in Chemnitz versucht hätte.

Ich bin mit der bestimmten Absicht in die Streikleitung eingetreten, den Streik zum schnellsten Abschluß zu bringen und eine Schädigung des Landes zu verhüten.

Ich kann auf das bestimmteste erklären, daß die Leitung der Sozialdemokratischen Partei in Fragen der Munitionsarbeiterstreiks in ihrem Innern den Standpunkt gehabt hat, den sie äußerlich vertreten hat, daß sie diese Streiks also verurteilt hat.


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