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Bayern und das Reich

Zwei Reden in München. 12.6.1922

I.

Ich darf dem bayerischen Gesamtministerium zunächst meinen herzlichen Dank aussprechen für die freundliche Einladung zum Besuche der Deutschen Gewerbeschau, die mir Gelegenheit geben wird, diese mit so großer Anerkennung aufgenommene und von ihren Besuchern gerühmte Schau qualifizierter deutscher Arbeit in der kunstberühmten Hauptstadt Bayerns zu besuchen. Daß ich bei meiner Anwesenheit hier des weiteren auch die Möglichkeit habe, mit Ihnen, meine Herren vom bayerischen Gesamtministerium, wie mit den anderen politischen Führern des Landes alte Bekanntschaft wieder zu erneuern und neue persönliche Beziehungen zu finden, ist mir eine besondere Freude. Ihnen, Herr Ministerpräsident, darf ich ferner herzlichst danken für die freundlichen Worte der Begrüßung, die Sie namens der bayerischen Staatsregierung an mich zu richten die Liebenswürdigkeit hatten. Sie, Herr Ministerpräsident, wissen, und ich kann es bei dieser Gelegenheit erneut versichern, daß ich stets besonderen Wert darauf gelegt habe, persönlich gute Beziehungen zwischen der Leitung des Reichs und der Länder, insbesondere der größeren Länder, zu pflegen; dies gilt in ganz besonderem Maße für das Verhältnis des Reiches zu Bayern, das als zweitgrößter Bundesstaat, räumlich von der Reichshauptstadt entfernt, in mancher Beziehung andere Verhältnisse aufweist wie die übrigen deutschen Länder. Die gegenseitige persönliche Berührung der maßgebenden Persönlichkeiten, wechselseitiges Verständnis und Kenntnis der Verhältnisse sind die Gewähr dafür, daß auf der einen Seite die aus der engen wirtschaftlichen und kulturellen Zusammengehörigkeit sich ergebenden Notwendigkeiten nicht verkannt werden und auf der anderen Seite geschichtlich gegebene Besonderheiten des Landes nicht bestritten und die Möglichkeit der Pflege der Stammeseigenart nicht verkümmert werden.

Ich für meine Person habe von Beginn meiner Amtsführung an einen besonderen Wert gelegt auf ein enges Zusammenarbeiten der Reichsleitung mit der bayerischen Regierung, und ich werde, solange ich mein Amt führe, auch künftig in diesem Sinne wirken; diese Zusammenarbeit muß begründet sein auf der Grundlage gegenseitigen Verständnisses und Vertrauens, und ich möchte auch auf dieses Verhältnis das Wort Goethes anwenden, das Sie, Herr Ministerpräsident, unlängst bei Ihrer Etatrede auf die innerpolitischen Verhältnisse Bayerns angewendet haben, nämlich, daß »die angenehmsten Gesellschaften diejenigen sind, in welchen eine heitere Ehrerbietung der Glieder gegeneinander obwaltet«. Diese Achtung voreinander, die dem anderen Teile auch da Gerechtigkeit widerfahren läßt, wo sich die beiderseitigen Interessen und Wünsche entgegenstehen, und diese Ehrerbietung vor den Rechten des anderen Teils, wie sie Geschichte und Verfassung geben, soll, soviel an mir liegt, stets auch die Beziehungen Bayerns zum Reiche beherrschen.

II.

Ich bin der Einladung der bayerischen Staatsregierung, aus Anlaß der Deutschen Gewerbeschau Ihre schöne Hauptstadt zu besuchen, gern gefolgt, nicht allein, um aus dieser Ausstellung eigene Eindrücke über die Leistungsfähigkeit deutschen Gewerbes mitzunehmen, sondern auch, um bei diesem Anlaß erneut in persönliche Fühlung zu treten mit den gewählten Vertretern des bayerischen Volkes und mit der bayerischen Regierung. Diese persönliche Berührung wird uns hier Gelegenheit geben, alle die schwierigen und sorgenvollen Fragen, die die Reichsleitung wie die Regierungen der Länder bewegen, auf der Grundlage gegenseitigen Vertrauens zu besprechen und die zahlreichen persönlichen Fäden, die uns wechselseitig verbinden, zu festigen. Über das Verhältnis des Reiches zu Bayern ist in den letzten Jahren gar viel gesprochen und geschrieben worden, ich meine, fast zu viel; über Einzelheiten und Tagesverstimmungen wurde oft die fundamentale Tatsache übersehen, über die wir alle einig sind: daß das Land Bayern einerseits als »Mitglied des Deutschen Reiches« – wie seine Verfassung sagt – fest zu dieser Zusammengehörigkeit hält und kein ernsthafter Mensch in Bayern diese nationale Gemeinschaft zu verleugnen denkt und daß andererseits die im Reiche maßgebenden politischen Kräfte durchaus nicht gesonnen sind, dem Lande Bayern und seinem so bodenständigen Volke die Selbständigkeit und die Bestätigung seiner Eigenart zu versagen, auf die es nach der Entwicklung deutscher Geschichte und auch nach der Weimarer Verfassung Anspruch hat. Wenn auch die Verfassung des Deutschen Reiches von 1919 teils in Fortführung schon früher begonnener Entwicklung, teils unter dem schweren Druck äußerer Verhältnisse in größerem Umfange Aufgaben und Zuständigkeiten der Länder in die eigene Hand des Reiches übernommen hat, so ist doch der bundesstaatliche Charakter und damit die staatliche Selbständigkeit der Länder erhalten geblieben, und auf diesem Rechtsboden müssen und werden sich auch alle Beziehungen des Reiches zu Bayern in verständnisvollem gegenseitigen Einvernehmen regeln lassen. Ich für meine Person und auch die Reichsregierung in ihrer Gesamtheit würdigen die Bedeutung, die Bayern als das zweitgrößte Land des Deutschen Reiches, als ein Staat starker wirtschaftlicher Kräfte, als Stätte alter Kultur und Geschichte für das Reich hat; diese Bedeutung liegt aber gerade in der engen Verbindung und Vereinigung, die in gegenseitiger Ergänzung das Wirtschaftsleben Bayerns auch seine kulturellen Kräfte mit den anderen Zentren wirtschaftlicher und geistiger Kräfte im Norden und im Westen zusammenfaßt und gerade in der Not unserer Zeit zusammenhält. Ebensowenig wie man die Tatsache und die Notwendigkeit dieser durch die neuzeitliche Entwicklung gegebenen engen Zusammengehörigkeit der gesamten deutschen Wirtschaft und die durch die Geschichte gewordene Gemeinschaft der Kultur unserer Nation übersehen kann, ebensowenig kann und soll man auch andererseits daran denken, dem bayerischen Volke die Möglichkeit einzuengen, sein aus den tiefsten Quellen des Volkstums fließendes, durch Jahrhunderte gewahrtes Stammes-Eigenleben fortzuführen. Und auf dieser Liebe zum Stammes-Eigenleben, auf diesem Heimatbewußtsein beruht schließlich ja auch das Gefühl der Zusammengehörigkeit mit den anderen deutschen Stämmen zur Einheit der Nation, zum geschlossenen Deutschen Reich. Mehr als je soll uns gerade in unseren Zeiten des Zwanges und der Not, die alle Deutschen zu einer Gemeinschaft schweren Schicksals gemacht hat, dieses Bewußtsein nationaler Einheit beleben, dieser Gedanke der unlösbaren Gemeinschaft, die uns allein die Macht und die Stärke gibt, die uns zu helleren Tagen führen kann.


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