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Gegen Terror und Gewalt

Rede in einer Volksversammlung im Zirkus Busch. 15.12.1918

Die Reichskonferenz der Arbeiter- und Soldatenräte ist berufen, um den Sieg der Revolution zu festigen. Die Arbeiter- und Soldatenräte sind in den Tagen der Revolution impulsiv entstanden, für ihre Tätigkeit fehlte es an einheitlichen Grundsätzen und Wegen. Es ist deshalb begreiflich, daß in den ersten Tagen und Wochen der Republik Fehlgriffe vorkamen. Auch bei der jungen Republik geht's ohne Kinderkrankheiten nicht ab. Unser Land befindet sich aber nach den furchtbaren Kriegsjahren in einer so ernsten Situation, daß die Kinderkrankheiten schnellstens überwunden werden müssen, wenn wir nicht zugrunde gehen sollen. Es machen sich bedrohliche Erscheinungen geltend, die mit Demokratie und Sozialismus nichts zu tun haben, sondern zu ihnen im schärfsten Gegensatz stehen; Erscheinungen, die von der deutschen Sozialdemokratie stets grundsätzlich und scharf bekämpft worden sind. Das ist die Anarchie! Sie versucht mit Terror und Gewalt die Verwaltung in Gemeinde, Staat und Reich lahmzulegen, wütet wahnwitzig gegen die Weiterführung unseres Wirtschaftslebens, sucht die Herbeiführung des Friedens und Wiederanknüpfung friedlicher, wirtschaftlicher Beziehungen zur Welt unmöglich zu machen. Sie kennt nur ein Ziel: Das Phantom der Weltrevolution. Das Leben des eigenen Volkes, die wirtschaftlichen und politischen Sicherungen seines Bestandes, die Selbstbehauptung der Arbeiterklasse Deutschlands sind jenen Elementen gleichgültig.

Aufgabe der Reichskonferenz muß es sein, hier einen dicken Trennungsstrich zu ziehen. Hier kann es nur ein Hüben und Drüben geben; hier geht's um Sein oder Nichtsein. Wollen wir nicht politisch und wirtschaftlich jämmerlich zusammenbrechen, soll der Sozialismus, dem wir alle ein Leben voll Hingabe und zähester Arbeit geopfert haben, für alle Zeit von der Geschichte nicht gebrandmarkt werden, dann muß die selbstmörderische Anarchie, wo sie sich zeigt, mit aller Entschlossenheit bekämpft werden. Gewiß, es drohen uns auch Gefahren von rechts, mit denen wir aber spielend fertig werden, wenn die Arbeiter und Soldaten einig sind. Deshalb muß auf der Reichskonferenz Klarheit geschaffen werden über die Aufgaben der Arbeiter- und Soldatenräte, die nach einheitlichen Richtlinien für das ganze Reich geführt werden müssen. Nicht Hemmungen oder gar Unterbindungen des staatlichen Lebens durch willkürliche örtliche Eingriffe in die Organisation und Verwaltung des Reichs, sondern tatkräftige Mithilfe muß die Losung sein.

Die Hauptarbeit der Reichsleitung bestand bisher in der Aufräumung von Hindernissen. Zu positiver, schaffender Arbeit, großzügigen, politischen und wirtschaftlichen Maßnahmen konnten wir nicht genügend kommen. Ohne ein gewisses Maß von Bewegungsfreiheit, ohne Initiative und Entfaltung von Energie können aber auch in der sozialistischen Republik die Interessen des Volkes nicht gesichert werden. Wir müssen deshalb darauf bestehen, daß hier völlige Klarheit und absolute Sicherheit geschaffen wird, nur dann können wir die Verantwortung künftig noch tragen.

Ebenso unerläßlich ist Sicherung des Bestandes der Republik gegen jeden Angriff, von welcher Seite er auch kommen mag. Was nützen uns alle demokratischen, Wirtschafts- und sozialen Maßnahmen, wenn uns die Macht zu ihrer Durchführung fehlt? Diese Macht soll die Volkswehr sein, deren Schaffung die Reichsleitung schon vor zwei Wochen beschlossen hat, deren Schaffung in die Wege geleitet und schnellstens durchgeführt werden muß. Diese Sicherung muß auch für die Nationalversammlung geschaffen werden, um alle Angriffe auf ihre Souveränität niederhalten zu können. Aus dem ganzen Reiche haben wir von zahlreichen Arbeiter- und Soldatenräten und anderen Körperschaften Kundgebungen erhalten, in denen dringend ein früherer Termin für die Nationalversammlung verlangt wird. Nach genauer Prüfung bin ich der Meinung, daß ohne Überstürzung und ohne Schädigung irgendwelcher Rechte der Wahltermin schon vier Wochen früher angesetzt werden kann. In der Prüfung und Erledigung dieser hochwichtigen Frage liegt die größte Aufgabe der Reichskonferenz. Ich erhoffe von ihr gute Arbeit. Voll Vertrauen sehe ich ihr entgegen, weil ich sicher bin, daß die große Mehrheit der Delegierten ebenso wie die Reichsleitung erfüllt sein wird von dem alten Schlachtruf: »Mit uns das Volk, mit uns der Sieg!«


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