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Ansprache bei der Totenfeier

23.11.1919

Wir stehen alle unter dem tiefen, erschütternden Eindruck der Stunde. Mit Grauen denken wir daran, wie die blühende Jugend und die beste Manneskraft Europas im grausamen Ringen auf den Schlachtfeldern hinsank. Unser Herz krampft sich bei dem Gedanken an die entsetzliche Zeit brennender Sorge um den Gatten, den Vater, die Söhne und Brüder, die draußen standen. Und wieviele sind nicht wieder heimgekehrt, ruhen in West und Ost und Süd in fremder Erde. In tiefer Ehrfurcht neigen wir das Haupt vor den Gräbern unserer Lieben. Unsägliches haben sie gelitten und alles geopfert für uns. Unauslöschlicher Dank namens des Vaterlandes! Nie werden wir sie vergessen! In der Geschichte unseres Volkes, in unseren Herzen werden sie fortleben.

Wir gedenken in dieser Stunde auch derer, die zwar ihr Leben glücklich aus dem Männermorden gerettet haben, aber mit gebrochener oder vernichteter Schaffenskraft heimgekehrt sind. Wir denken an die Witwen und Waisen der Gefallenen. Das Wort von der Ehrenpflicht des Vaterlandes gegen sie muß zur Tat werden! So arm auch unser Land geworden ist, so niederdrückend auch die uns aufgebürdeten Lasten sind, der Pflicht gegen die Kriegsverletzten und Kriegshinterbliebenen muß das Vaterland in erster Linie und unter allen Umständen gerecht werden. Die Reichsregierung – dessen darf ich Sie versichern – sieht in der Erfüllung dieser Pflicht ihre heiligste Aufgabe. Alles, was möglich ist, soll geschehen, um die Opfer des Krieges vor Not und Elend zu schützen, um ihnen das Leben lebenswert zu machen.

Nicht zuletzt gedenken wir der Hunderttausende unglücklicher Brüder, die heute noch als Kriegsgefangene in fremder Gewalt schmachten. Herzzerreißend ist ihr Los. Alle erdenklichen Versuche und alle möglichen Bemühungen, sie zu befreien, sind bisher an dem Nein des Gegners gescheitert. Deshalb richte ich auch in dieser Stunde den dringendsten Appell an die Menschenpflicht und den Gerechtigkeitssinn aller Völker, uns zu helfen in diesem Kampfe um unser Fleisch und Blut! Unsere unglücklichen Brüder in Gefangenschaft sollen gewiß sein, daß wir stündlich ihres Unglücks gedenken, und nicht erlahmen werden im Kampfe für sie, bis ihnen die Stunde der Befreiung schlägt.

Mögen die Völker und alle Volksgenossen, angesichts dieses Martyriums, angesichts der Hekatomben von Menschenopfern dieses entsetzlichsten aller Kriege, den Krieg verabscheuen und bekämpfen als das grausamste Verbrechen an der Menschheit. Menschlichkeit und Kultur gebieten, an Stelle von Gewalt und Unterdrückung Freiheit und Recht zu setzen. Die Vergewaltigung und Unterdrückung von Völkern war immer der Fluch der Welt! Nur die wahre, alle Völker umfassende und durchdringende Demokratie kann der leidenden Menschheit den Frieden geben. Der Völkerversöhnung und der Völkergemeinschaft muß die Zukunft gehören. Wohl ist der Weg dorthin weit und schwierig, verzagen dürfen wir aber nicht. Geloben wir, die Erkämpfung dieses hohen Ideals zu unserer Lebensaufgabe zu machen, dann ehren wir am würdigsten unsere Toten!


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