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Brief an den Ausschuss der Deutschen Jugendverbände

Berlin, 31.12.1923

Zur Jahreswende seufzt das deutsche Volk unter hartem Druck und quälendem Elend. Die wirtschaftliche Not weiter Volkskreise wird erschwert durch die lähmende Ungewißheit über das zukünftige Schicksal unseres Landes.

Dennoch ist die Hoffnung im deutschen Lande noch nicht erstorben, die Hoffnung auf einen Aufstieg, auf eine bessere Zukunft. Diese Hoffnung aber hat ihre besten und stärksten Wurzeln in dem Vertrauen auf den Willen und die Kraft der deutschen Jugend.

Das junge Deutschland hat dieses Vertrauen bisher gerechtfertigt. Es hat seinerzeit die Grenzen unseres Landes schützen helfen, es hat erst in jüngster Zeit mit erfreulicher Einmütigkeit und Geschlossenheit sich für des Reiches Einheit und Geschlossenheit eingesetzt; es hat in Selbstzucht und in Erkenntnis der Notwendigkeit Einfachheit und Schlichtheit zum Grundsatz des persönlichen Lebens erhoben; es hat in den letzten Wochen mit bescheidener Selbstverständlichkeit die Not im Volke zu lindern gesucht; es hat inmitten eigener materieller Sorgen und Kümmernisse doch nicht versäumt, seine seelischen Triebkräfte zu stärken und Heimatliebe und Heimatkultur zu pflegen.

Deutsche Jugend! Erhalte und stärke in Dir diesen Gemeinsinn und diesen Idealismus! Das deutsche Volk kann nur leben und eine geachtete Stellung unter den Völkern einnehmen, wenn es seine Geschicke in einer freien und friedliebenden Demokratie selbst bestimmt. Diese Selbstbestimmung wird aber nur dann lebendige und dauernde Kraft des ganzen Volkes werden, wenn die junge Generation die dafür nötigen Eigenschaften durch die deutsche Jugendbewegung in sich heranbildet: Gesundes Nationalgefühl, staatsbürgerliche Gesinnung, das Bewußtsein der Verantwortung vor der Gemeinschaft, soziales Mitempfinden und nicht zuletzt die Achtung vor der Weltanschauung und der ehrlichen Überzeugung andersdenkender Volksgenossen.

Deutsche Jugend: Wenn Du in solcher Gesinnung und mit solchem Wollen die Schwelle des neuen Jahres überschreitest, wirst Du selbst am meisten mit dazu beitragen, daß aus den düsteren Jahren der Vergangenheit und aus der Schwere der Gegenwart heraus der Weg des deutschen Volkes allmählich wieder aufwärts führt zu freudiger Arbeit in einem geeinten und freien Deutschland.


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