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Sechs Reden zur Besetzung von Baden und vom Ruhrgebiet

Karlsruhe, 12.2.1923

I.

In dieser Zeit neuer schwerer Nöte unseres Vaterlandes und unserer gemeinsamen engeren Heimat habe ich das lebhafte Bedürfnis empfunden, hierher in das Badener Land zu kommen und gemeinsam mit dem Herrn Reichsminister des Innern und dem Reichsschatzminister mit Ihnen als berufenen Vertretern des öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens dieses Landes Fühlung und Aussprache zu suchen. – Unter dem Deckmantel der Ausführung des Friedensvertrages haben uns unsere Gegner trotz unseres durch die Tat bekundeten guten Willens die Jahre seit dem Waffenstillstand zu einem qualvollen Leidensweg gemacht. Was Frankreich und mit ihm Belgien aber jetzt unternommen haben, ist beispiellose schnöde Gewalttat, die den Friedensvertrag offen verletzt, die Rechte der Völker wie der Menschen mit Füßen tritt und mit allen Mitteln militärischer Gewalt Krieg führt gegen wehrlose Männer, Frauen und Kinder. Deutsches Land, von deutschem Volke bewohnt, bearbeitet und genutzt seit Tausenden von Jahren, ist von fremden Truppen in willkürlichem Mißbrauch der Macht besetzt worden, das Ruhrgebiet unter dem Vorwand, Deutschland sei mit einigen Prozenten der uns diktierten, unerfüllbar hohen Kohlenlieferungen im Rückstande, badisches Gebiet mit der seltsamen Begründung, Deutschland habe zwei internationale Luxuszüge eingestellt. Kann man sich einen schärferen Hohn auf das Völkerrecht denken als diese Begründung? Um einige tausend Tonnen Kohlen mehr zu bekommen, setzt man gegen die Bergarbeiter der Ruhr ein kriegsmäßig ausgerüstetes Heer in Bewegung, das Gewalttat und Bedrückung in ein friedliches, fleißig schaffendes Land trägt, wegen zwei Luxuszügen, die aus Gründen der Kohlenersparnis ausfielen, wird das schöne und fruchtbare Land am Hange des Schwarzwaldes unter französische Bajonette gebracht! Wo bleiben da Recht und Freiheit, wo bleiben Menschen- und Völkerrechte, von denen jenseits des Rheines während und nach dem Kriege soviel die Rede war? Ist das der Sinn des Diktats von Versailles, daß jede der Siegermächte das ohnmächtig gemachte Deutschland willkürlich vergewaltigen und knechten kann? Gegen diesen Gewaltakt erheben wir hier erneut vor dem deutschen Volks und vor der ganzen Welt feierlichen Protest. Voll Empörung protestieren wir gegen das, was an der Ruhr geschehen ist und was in den jüngsten Tagen über badisches Land hereingebrochen ist. Wir legen Verwahrung ein gegen die Bluttaten, die körperliche und geistige Bedrückung und Bedrängung einer friedlichen, arbeitsamen und hart duldenden Bevölkerung, wir rufen die Welt zum Zeugen dessen an, was tagtäglich an Handlungen der Brutalität, an Akten unmenschlicher Willkür in dem besetzten Gebiet geschieht. –

Uns Deutschen aber, die wir alle Söhne einer Muttererde und eines Vaterlandes sind, ist es heilige Pflicht, zusammenzustehen mit unseren unterdrückten Brüdern und Schwestern, ihnen Hilfe zu leisten, wenn sie es ablehnen, den Eindringlingen Sklavendienste zu leisten, ihnen zu helfen, die harten Tage der Fremdherrschaft zu überwinden. Mit Gefühlen tiefer Dankbarkeit gedenken wir der Beamten, der Arbeiter und der Unternehmer, die in aufopfernder Treue ihre Freiheit und ihre Existenz eingesetzt haben und täglich neu einsetzen, um die gegnerischen Anschläge zu vereiteln. Was sie damit für das deutsche Volk getan haben, wollen wir ihnen nie vergessen! In diesen Tagen, wo fremde Gewalt in unser Land hereingebrochen ist, muß alles zurückstehen, was an Weltanschauung und politischer Ansicht uns trennt. Die Opferwilligkeit, die sich in den Spenden zur Ruhrhilfe so glänzend bekundet, soll auch unser Handeln und Denken beherrschen; wir müssen persönliche Gefühle und Interessen unterordnen dem Großen und Ganzen, dem deutschen Schicksal.

Dem badischen Volke, gegen das sich der jüngste Einbruch und neue Bedrohung unserer Gegner richtet, gilt heute im besonderen unser Gruß. Wir vertrauen, daß es in der gleichen besonnenen Ruhe und zielbewußten Festigkeit wie unsere Brüder am Rhein und an der Ruhr dem Unwetter Trotz bietet. Der Schlag, der hier gegen uns geführt wird, richtet sich gegen das Höchste, was wir aus Krieg und Zusammenbruch gerettet haben, gegen die Einheit des Reiches; auch er wird – dessen sind wir gewiß – zerschellen am festen Willen und der sicheren Treue des badischen Volkes; die Zeiten, wo man Nord und Süd in Deutschland trennen konnte, sind vorbei: Unerschütterlich ist allen Deutschen das Bewußtsein, Söhne eines Volkes und Glieder eines Reiches zu sein; nie wird fremde Gewalt das trennen, was Rasse, Sprache und Kultur in harter Geschichte zusammengeschmiedet haben. Jeder Deutsche ist sich heute des Ernstes der Stunde bewußt; jeder von uns weiß, es geht um die Zukunft des Reiches, um den Bestand der Deutschen Republik. Wenn wir in diesen Schicksalstagen alle Kräfte zusammenschließen, werden wir auch dieser Anschläge auf unser nationales Leben Herr werden; in dieser entschlossenen, zähen Abwehr erhoffen und erwarten wir – trotz allem – eine bessere Zukunft unseres schwergeprüften Volkes im Bewußtsein unserer Einigkeit und unseres Rechts, im Kampf um unsere Freiheit!

II.

Karlsruhe, 12.2.1923

Wir müssen gegen einen mit allen militärischen Machtmitteln ausgerüsteten Gegner den Kampf als wehrloses Volk führen, nur mit den Waffen des Rechts, des Geistes und der Arbeit. Hierzu brauchen wir Einigkeit und die Mitarbeit aller. Nur als einiges Volk mit einigem Willen können wir das Ziel erreichen, das da heißt: Freiheit und Zukunft unseres Volkes. Lang lebe Deutschland!

III.

Mannheim, 13.2.1923

Wir sind nach Baden gekommen, um nicht nur vor Ihnen, sondern auch vor der ganzen Welt zu bekunden, daß die Reichsleitung und mit ihr das ganze deutsche Volk entschlossen und einmütig hinter dem badischen Volke stehen und mit ihm das Schicksal teilen, das in den letzten Tagen über Baden hereingebrochen ist. Wir haben gestern in Karlsruhe Gelegenheit gehabt, mit den Vertretern des Landes, der Staats- und Gemeindebehörden, mit den Vertretern aller Wirtschaftsorganisationen des Landes über die Lage zu sprechen, und wir stehen noch in dieser Stunde unter dem tiefen Eindruck, den wir in Karlsruhe empfangen haben. Die Kundgebung am Nachmittag in der Festhalle war getragen von feierlichen Erklärungen der Vertreter aller Schichten des Landes, daß sie entschlossen sind, zäh und fest den Bestrebungen der eingedrungenen Fremdlinge ihren Widerstand entgegenzusetzen. Wir stehen unter dem Eindruck der großen spontanen Kundgebung, wie sie gestern abend auf dem Schloßplatz in Karlsruhe sich entwickelt hat, wo neben dem schlichten Arbeiter der mit goldenen Bändern geschmückte Student stand, umrahmt von einem dichten großen Kreis der Karlsruher Bevölkerung, wo wieder einmütig und nachdrücklich bekundet wurde, daß Baden nur eine Pflicht kennt: In dieser Stunde treu zum Reiche zu stehen und alle Kraft zusammenzunehmen, um das Schicksal, das ihm widerfahren ist, zu überwinden.

Der Gegner hat vielleicht den Plan, gerade mit dem Schlag, den er gegen Baden geführt hat, die Einmütigkeit und Geschlossenheit des Reiches zu stören und im Reiche Gedanken der Zerstückelung des deutschen Volkes und des Deutschen Reiches zu wecken. Wir sind nach den Eindrücken, die wir gestern empfangen haben, fest überzeugt, daß kein Gedanke davon sein kann, die Treue Süddeutschlands, die alte Treue der Badener zum Reich zu erschüttern. Wir sind fest überzeugt, daß wir uns in den Stürmen der nächsten Zeit sicher gerade auf die Treue des badischen Volkes verlassen können.

Wir sind nach Mannheim gekommen, weil wir uns sagten, hier liegt der Brennpunkt des wirtschaftlichen Lebens Badens, hier liegt der Brennpunkt des Landesverkehrs. Hier ist zu befürchten, daß sich der Kampf wirtschaftlich am stärksten, am fühlbarsten für unser Volk geltend macht. Wir dürfen uns kein Hehl darüber machen, daß der Kampf, den wir führen, ein wirtschaftlicher Kampf ist. Wir setzen unsere geistigen und technischen Fähigkeiten ein in einen Kampf, wo der Gegner mit brutalen Mitteln der Gewalt uns entgegentritt. Wir werden schwere Opfer bringen müssen, und insbesondere wird sich das in Mannheim geltend machen. Es ist auch möglich, daß der Gegner die Hand nach dieser Stadt ausstrecken wird. Da ist es mir ein Bedürfnis, gerade in Mannheim im Namen der Reichsregierung zu erklären, daß wir ohne Vorbehalt entschlossen und bereit sind, dem Lande und auch Mannheim bei allen diesen Eingriffen, bei allen den Schäden, die daraus entstehen können, mit unserer ganzen Kraft brüderlich zur Seite zu stehen, zu helfen und auszugleichen.

Ebenso sind wir fest überzeugt, daß jeder Bürger, sei er Industrieller, Techniker, Arbeiter und nicht zuletzt Beamter, daß sie ihren Mann stehen, daß sie überzeugt sind, daß ein solcher Kampf nur geführt werden kann, wenn der Einzelne bereit und gewillt ist, persönlich Opfer zu bringen.

So glaube ich, daß uns dieser aufgezwungene Kampf, den wir nicht gesucht haben, der uns aufgezwungen wurde trotz unseres durch die Tat bekundeten Willens, nach unserer Möglichkeit zu leisten, was wir können, daß uns dieser Einbruch in unsere heimische Erde, in unser geliebtes Vaterland, zusammenschweißt zu einer einheitlich geschlossenen Nation, zu einer Einheit, die gewillt ist, ihr Bestes, und wenn es sein muß, ihr Letztes an das Vaterland zu setzen, und so hoffe und wünsche ich, daß es gelingt, in diesem Kampfe die Rechte und Lebensbedingungen unseres hartgeprüften Volkes zum Siege zu führen unter der Devise: Für die deutsche Freiheit, für die deutsche Zukunft!

IV.

Darmstadt, 13.2.1926

Ein großer Teil des Hessenlandes ist seit dem Waffenstillstand von dem Gegner besetzt. Wir wissen, wie schwer die Last der Fremdherrschaft ist, die auf diesem Lande liegt, wie insbesondere Mainz unter der übermäßig hohen Garnison leidet, wie überall die rücksichtslos durchgesetzten großen Ansprüche an Quartiere die Wohnungsnot der einheimischen Bevölkerung ins Ungeheuerliche steigern, und sehen täglich, welche Gefahren dies für unsere Volksgesundheit mit sich bringt. Trotz der bisherigen Erfolglosigkeit unserer Bemühungen weisen wir immer wieder auf die unerhört hohen Kosten, die zwecklos verschleuderten Summen hin, die dem Reiche durch die überflüssigen Zivilbeamten und die vielen Militärpersonen mit ihrem Anhang, durch die die deutschen Friedensgarnisonen um das zwei- bis dreifache übersteigende hohe Truppenzahl, ihre Unterhaltung und ihre rücksichtslosen Requisitionen entstehen; die Beschlagnahme von Schulen für militärische Zwecke ist auch jetzt noch, fast vier Jahre nach dem Friedensschluß, in solchem Umfange aufrecht erhalten, daß an vielen Orten ein geordneter Schulbetrieb nicht möglich ist. Mit wachsender Sorge verfolgen wir, wie immer neue wertvolle Flächen Ackerlandes der Landwirtschaft des besetzten Gebietes und damit der Volksernährung entzogen werden für zwecklose Flug-, Exerzier-, Schieß-, Sport- und Spielplätze. Wir geben auch hier der lebhaften Entrüstung der Bevölkerung über die mit zynischer Rücksichtslosigkeit durchgeführte Einrichtung der französischen Bordelle Ausdruck und können es nicht verstehen, wie die Kulturwelt schweigen kann zu diesem uns aufgezwungenen Schmutz; wie sie schweigen kann zu den vielen Sittlichkeitsverbrechen, der Verseuchung der Bevölkerung durch Geschlechtskrankheiten und anderes mehr. Daß die Verwendung farbiger Truppen niederster Kultur als Aufseher über eine Bevölkerung von der hohen geistigen und wirtschaftlichen Bedeutung der Rheinländer eine herausfordernde Verletzung der Gesetze europäischer Zivilisation ist, sei auch hier erneut anklagend in die Welt hinausgerufen.

Zu diesen Bedrückungen, die seit über vier Jahren auf dem besetzten Gebiet und seinen Bewohnern lasten, hat fremde Machtwillkür jetzt neue Drangsale ersonnen. Beamte, die tun, was ihnen Pflicht und Eid gebieten, Bürger, die die Interessen ihrer Landsleute wahrnahmen, Männer, die als erwählte Vertreter ihrer Mitbürger zu Ehrenämtern in Staat und Gemeinde berufen sind, werden in der rücksichtslosesten Weise von fremden Bajonetten aus ihrer Heimat verjagt. Die Rachsucht der Gegner macht nicht vor den Frauen und Kindern, nicht vor Schwerkranken halt. Mit tiefer Entrüstung gedenke ich der unmenschlichen Ausweisung des verdienten Oberbürgermeisters Dr. Külb von Mainz, der schwerkrank aus dem Hospital von rohen Soldatenfäusten wie ein Verbrecher abgeschoben wurde, an die rücksichtslose Vertreibung des zweiten Bürgermeisters von Mainz, den Präsidenten des hessischen Landtags, Herrn Adelung. Wo bleibt da die Achtung vor den Rechten des Volkes, die Achtung vor der demokratischen Idee, wenn die erwählten Vertrauensmänner des Volkes durch rohes Faustrecht an der Erfüllung ihres Amtes verhindert und aus der Heimat vertrieben werden? Das, was hier geschieht, ist alles andere als ein Ruhmesblatt in der Geschichte eines Volkes, das einst Demokratie und Menschenrecht auf seine Fahnen schrieb.

Tiefe Dankbarkeit bringt die Leitung des Reichs, bringt das ganze deutsche Volk den Männern entgegen, die in treuer Pflichterfüllung in ihrem Amte, ihrem Berufe die Würde des deutschen Volkes und die Interessen ihrer Mitbürger so treu gewahrt haben, die lieber Freiheit und Heimat geopfert haben, als sich fremdem Joch zu beugen. Unsere Gegner glauben, die Bevölkerung des besetzten Gebietes ihrer Herrschaft gefügiger zu machen, wenn sie die Beamten und die übrigen Vertreter öffentlicher Interessen aus der angestammten Heimat verjagen. Sie werden sich auch hier täuschen. Der Gemeingeist der seit Jahren hart duldenden Bewohner des besetzten Gebiets, ihr unverbrüchliches Festhalten am deutschen Volkstum, der Heimat und dem Reiche, wird ihnen die Kraft geben zu dem festen Willen, sich nimmer in fremder Sklaverei zu ducken. Uns anderen aber erwächst die Pflicht, in enger Notgemeinschaft mit allen Kräften uns zusammenzuschließen, um mit vereintem Willen unseren bedrängten Brüdern und Schwestern in voller Hingabe beizustehen und ihnen Stärkung und Hilfe zu geben, soviel wir können; in diesem Zusammenschluß eines Volkes in Not sind wir stark genug, allen Anschlägen auf unsere Freiheit, auf deutsches Land und seine Söhne zu trotzen, bis nach der Finsternis der Gewalt der helle Tag des Rechts kommt!

V.

Leipzig, 7.3.1923

Die Leipziger Messe, die lange schon in Umfang und Bedeutung an der Spitze sämtlicher Messen der Welt steht, findet trotz des schweren politischen und wirtschaftlichen Drucks, der auf Deutschland lastet, auch in diesem Jahre wieder in erweiterter räumlicher Ausdehnung statt. Sämtliche Meßhäuser sind bis auf den letzten Platz besetzt, und die weiten Hallen der Technischen Messe haben in dem neuen Hause der Elektrotechnik eine Erweiterung erhalten; zum ersten Male wird hier heute in einer glänzenden Sammelausstellung hochwertiger Erzeugnisse der Welt vor Augen geführt, was deutscher Erfindergeist und deutsche Arbeit auf dem Gebiete der Elektrotechnik in den letzten Jahren geschaffen haben. So bot sich uns bei unserem Rundgang durch die Messe eine reichhaltige Musterschau dar; sie gab uns Zeugnis von der hohen Qualität und Mannigfaltigkeit deutscher Arbeit und dem unermüdlichen Erfindungsgeiste deutscher Industrie, die vereint unsere Volkswirtschaft erhalten und immer wieder neu beleben. Was wir an Eindrücken des Tages heute von hier mitnehmen, ist uns aber mehr als das Bild der Industrie- und Handelstätigkeit unseres Landes. Die Frühjahrsmesse des Jahres 1923 zeigt in eindringlicher Sprache, daß das deutsche Wirtschaftsleben trotz der schweren Opfer, die es auf Grund des Versailler Friedensdiktats leisten mußte und nach Möglichkeit geleistet hat, zäh und mutig um sein Dasein ringt, zeigt auch, daß es unter Aufgebot der wissenschaftlichen Forschung und allen technischen Könnens seine Leistungsfähigkeit zu steigern sucht. Die Messe ist ein Beweis für das, was Deutschland für die Neuregelung und die Wiederherstellung der durch Krieg und Nachkriegszeit gestörten und unterbrochenen Weltwirtschaft beizutragen vermag und beizutragen gewillt ist, wenn es in Ruhe und Frieden arbeiten kann. Wiedergesundung der Weltwirtschaft ist aber Lebensfrage aller Völker! Um so mehr werden es die vielen hier anwesenden Vertreter des Wirtschaftslebens des Auslandes verstehen, welche Empörung das deutsche Volk in allen seinen Schichten erfüllt, wenn es sehen muß, wie seit Wochen fremdes Kriegsvolk in unserem wichtigsten höchstentwickelten Industriegebiete haust, alles hemmend und niederdrückend, was dort produktive Arbeit leistet und tatkräftig schafft an der großen Aufgabe der weltwirtschaftlichen Gesundung.

Ein Überfall, einzig dastehend in der neueren Geschichte der Völker, unerhört in seiner Leichtfertigkeit, ist mitten im Frieden, vor den Augen einer Welt, die von Völkerversöhnung und Gerechtigkeit spricht, gegen uns, ein wehrloses Volk, ausgeführt worden. Unter dem Vorwand, Wiedergutmachungen zu erlangen, suchen unsere Gegner politische Eroberungspläne durchzusetzen. Jahrhundertalte Gedanken von Gebietserweiterung und Unterjochung deutscher Stämme sollen verwirklicht werden. Diese phantastischen Pläne wollen sie erreichen durch Zerreißung der wirtschaftlichen Zusammenhänge, durch Zermürbung unserer Volkswirtschaft: Mit Reitpeitsche und Bajonett wollen sie eines der höchstentwickelten Industriegebiete der Welt, das Ruhrgebiet, sich dienstbar machen. Sie werden einsehen müssen, daß mit Gewalt, mag sie auch noch so waffenstarrend sein, das Wirtschaftsleben eines hochentwickelten Gebietes zwangsweise nicht umgestellt und geregelt werden kann. Nie und nimmer wird es unseren Gegnern gelingen, das Ruhrgebiet zu ihrer wirtschaftlichen Beute und die Männer, die seine Werte geschaffen haben und erhalten, zu ihren Sklaven zu machen. Nur eines kann ihre mit aller Härte und Rücksichtslosigkeit dort hausende Militärwillkür erreichen und durchsetzen: Die Zerstörung von Werten, die jahrhundertlange friedsame und harte Arbeit geschaffen hat, die nicht nur für unser Vaterland, sondern für die Wirtschaft der ganzen Welt von hoher Bedeutung sind; sie kann das vernichten, was das industrielle Leben unseres Landes erhält und uns allein instandsetzen kann, Reparationen zu leisten, aber sie kann es nicht eigener Beutesucht dienstbar machen.

Es ist mir Pflicht, auch hier in dieser Versammlung der Vertreter aller Kreise unseres Wirtschaftslebens in Stolz und Dankbarkeit der Männer in Baden, Pfalz, Hessen, im Rheinland und Ruhrgebiet, der Beamten, der Arbeiter und Unternehmer zu gedenken, die in aufopfernder Pflichttreue barbarische Gewalt abwehren und ihr und unser Recht auf die heilige Muttererde verteidigen. Schwer leiden sie unter brutaler Gewalt und rücksichtsloser Willkür. Ungebeugt und fest ist aber ihr Entschluß, unerschütterlich auszuhalten, bis dieser frevelhafte Anschlag auf Existenz und Souveränität der deutschen Republik, auf unsere Freiheit und unser Leben gebrochen ist. Hinter ihnen steht geschlossen und opferbereit das ganze deutsche Volk. Dem Aufgebot der Gegner an militärischer Macht, ihren Versuchen roher Vergewaltigung, ihren Mißhandlungen, Freiheitsberaubungen und Plünderungen, all den tausendfachen Quälereien des enttäuschten und nervös gewordenen Eroberers kann das deutsche Volk in zäher Entschlossenheit und brüderlicher Einheit nur eins entgegensetzen, seinen festen Willen und sein gutes Recht. Wir wollen nicht Sklaven sein auf der freien Erde unserer Väter! Dieser Wille ist stärker als Waffen! Dieser Wille ist unser Weg zum Leben, zur Freiheit und zur Zukunft. Dieses Ziel werden wir aller Willkür zum Trotz erkämpfen und erringen, wenn wir einig im Willen zusammenstehen.

VI.

Hamm, 18.3.1923

In diesen für unser Volk so schicksalsschweren Tagen habe ich und haben mit mir die hier anwesenden Minister des Reiches und Preußens das lebhafte Bedürfnis empfunden, mit den berufenen Vertretern des wirtschaftlichen und öffentlichen Lebens des Ruhrgebietes in persönliche Aussprache zu treten. Wir sind hierhergekommen, einmal, um Ihnen mit unserem Dank für Ihre Haltung die Versicherung zu erneuern, daß das ganze Vaterland bereit ist, die schwere Last, die Sie an der Ruhr im Interesse unseres Volkes tragen, mit Ihnen zu teilen, weiter aber auch, um hier mit Ihnen zu raten und zu taten, wie Reich und Staat die Schäden, die die uns aufgedrungene Abwehr im Einbruchsgebiet hervorgerufen hat, lindern und heilen können.

Nicht leichtfertig und nicht durch eigene Schuld sind wir in diesen Kampf geraten; wir haben ihn wahrlich nicht gesucht. Seit dem Friedensdiktat von Versailles war die Reichsregierung bestrebt und gewillt, von den unerträglichen Bedingungen das zu erfüllen, was in ihren Kräften stand, immer bereit, auch die größten Opfer zu bringen, um die Besetzung weiteren deutschen Gebietes, insbesondere dieses wichtigen Industriegebietes zu vermeiden. Die schier unerfüllbar hoch festgesetzte Kohlenlieferung von jährlich 14¾ Millionen Tonnen haben wir unter Anspannung aller Kräfte zu leisten versucht. Ich verweise dabei besonders auf die von den Bergleuten, trotz ungenügender Ernährung und schlechten Gesundheitsverhältnissen, geleisteten Überschichten. Unter schwerster Belastung der eigenen Wirtschaft und unter Verweisung eines großen Teiles des Eisenbahn- und Industriebedarfs auf Einfuhr englischer Kohle haben wir die Lieferung bis auf einen geringen Rest erfüllt. Auch in den Holzlieferungen waren wir nur in geringem Maße im Rückstand und hatten überdies die Lieferung der restlichen Festmeter bis zum 31. März d. J. zugesagt. Wir hatten im ehrlichen Bestreben, die Reparationsfrage einer vernünftigen Lösung zuzuführen, die der Leistungsfähigkeit unserer Wirtschaft wie den gegnerischen Ansprüchen auf Wiederherstellung Rechnung tragen sollte, im Dezember in Paris positive Vorschläge gemacht, hinter denen der ernste Wille und die ganze Kraft der deutschen Volkswirtschaft stand. Sie wissen, daß unsere Vertreter nicht angehört und unsere Vorschläge nicht entgegengenommen worden sind. Wir haben noch mehr getan. Um den immer wieder auftretenden politischen Verdacht, als wollten wir unseren westlichen Nachbar am Rhein bedrohen, zu beseitigen, hat die Reichsregierung im reinen Willen, dem Frieden und einer ehrlichen Verständigung zu dienen, sich zu langfristigen völkerrechtlichen Bindungen bereit erklärt. Auch dieser Vorschlag ist zurückgewiesen worden. Wir können also mit ruhigem Gewissen vor aller Welt feststellen, daß Deutschland es nicht war, das diese Auseinandersetzung verschuldet oder gar gesucht hat. Die Unruhestifter, die Schuldigen an diesem Konflikt, der immer weitere Wellen schlägt und heute schon ganz Europa in Mitleidenschaft zieht, sitzen da, wo man schon seit Jahrhunderten nach der Rheingrenze strebt, wo man deutsche Stämme und Gebiete wie Negerkolonien mit Gewalt an das eigene Land anschmieden will, wo man die Ruhrbesetzung schon lange beschlossen hatte, ehe man sich die Ziffern der Kohlen- und Holzlieferungen zurechtgemacht hat.

Dieser Einbruch eines fremden Heeres in ein friedliches und arbeitsames altes Kulturgebiet, heuchlerisch der Welt als Entsendung einer Ingenieurkommission mit geringer militärischer Bedeckung angekündigt, ist der leichtfertigste Bruch von Recht und Moral, den die neuere Geschichte kennt, durch nichts veranlaßt und begründet, wirtschaftlich ein vollkommener Wahnsinn. Dieser Einbruch ist die krasse und fast unverhüllte Äußerung des französischen politischen und wirtschaftlichen Imperialismus. So wurde dieser ruchlose Einbruch auch von den Männern und Frauen an der Ruhr gleich erkannt. Sie wußten, daß unter dem fadenscheinigen Vorwand von Reparationszielen deutsches Land und deutsche Arbeit fremder Beutesucht dienstbar gemacht werden sollten, daß das deutsche Wirtschaftsleben und die deutsche Einheit in höchster Gefahr standen. Ohne daß es auch nur einer Aufforderung der Regierung bedurft hätte, schlossen sie sich in einigem und entschlossenem Widerstand zusammen. Das ist gerade das Große an dieser Abwehr, daß sie nicht erst befohlen oder angeordnet zu werden brauchte. Kein Plan über Organisation und Methode dieser Abwehr lag vor. Aus dem Boden der Heimat, aus dem zähen Willen seiner Bewohner, aus eigener politischer und wirtschaftlicher Erkenntnis entstand spontan und allerorts die Front des Widerstandes gegen militärische Vergewaltigung. Sie haben durch diese Haltung, durch diesen impulsiven Willen der Einzelnen, der zusammenfloß zu dem Willen eines Volkes, der Welt gezeigt, daß die Macht der Idee größer und stärker ist als die Idee der Macht.

Mit nüchterner Überlegung, Entschlossenheit und zähem Willen zur Selbstbehauptung, gestützt auf unser unerschütterliches gutes Recht, leisten Sie einer bis an die Zähne bewaffneten Militärmacht Widerstand. Zähneknirschend ertragen Sie brutale Gewaltakte, ohne sich durch alle diese rohen, geradezu sadistischen Quälereien zu Unbesonnenheiten hinreißen zu lassen. So haben Sie mit der Macht des eisernen Willens den Erfolg erkämpft. Nichts hat der Gegner erreicht, alle seine Methoden sind fehlgeschlagen. Das dankt Ihnen heute mit bewundernder Anerkennung das ganze deutsche Volk! Das ganze Volk, das einig und geschlossen hinter seinen Brüdern im Ruhrgebiet steht.

In herzlicher Bewegung gedenken wir aller derer, die in diesem Abwehrkampf im Vordertreffen stehen, der Beamten des Reiches, des Staates und der Kommunen und der Männer der Schutzpolizei, gegen die sich mit besonderem Haß die brutale Roheit einer enttäuschten Soldateska richtet, der Eisenbahner aller Dienstzweige, die eher Freiheit, Haus und Hof dahingehen, als sich fremdem Joche beugen, der Schiffer und Transportarbeiter, die verächtlich auf alle Lockungen und Bedrohungen blicken, der in zähem und entschlossenem Willen zusammenstehenden Bergleute, der Führer des Bergbaues und aller Arbeitgeber und Arbeitnehmer, die die Not und Last dieses passiven Widerstandes tragen. Was von der Ruhr gilt, gilt vom Rhein, von Hessen, der Pfalz und Baden. Allen danke ich im Namen des Reiches aufs herzlichste. Nie wird und darf Deutschland vergessen, welch' große Dienste die Kämpfer an Ruhr und Rhein dem Vaterland in schwerster Zeit geleistet haben.

In Trauer und Empörung gedenken wir aber auch der erschreckend zahlreichen toten Volksgenossen, die eine brutale, Recht und Gesetz mit Füßen tretende fremde Militärwillkür ermordet hat, die einem unmenschlichen Militärterror zum Opfer gefallen sind. Ihrer Hinterbliebenen zu gedenken, ihnen unsere Fürsorge zuzuwenden, soll eine Ehrenpflicht des ganzen Volkes sein.

Mit freudiger Befriedigung können wir feststellen, daß die Pflicht, den Bedrängten im Einbruchsgebiet helfen zu müssen, und der Wille, ihnen nach Kräften beizustehen, in allen Schichten des deutschen Volkes lebendig sind; auch diese Opferfreude ist eine impulsive, wie der Wille zur Abwehr von selbst entstanden in allen Kreisen des Volkes. Groß ist die Fülle der Spenden und Gaben, die aus dem ganzen Reiche, von vielen Deutschen jenseits unserer Grenzen und zahlreichen Deutschfreunden im Auslande täglich zusammenfließen. Allen diesen Gebern sei herzlicher Dank gezollt für die Bekundung ihrer Zusammengehörigkeit zu den Brüdern in Not und ihre Hilfsbereitschaft, die wir auch weiter brauchen. Wir hoffen zuversichtlich, daß diese Opferbereitschaft nicht erlahmt, sondern erstarkt. Jeder neue Druck, jede neue Gewalttat der Gegner muß mit neuer Hilfe für die Bedrückten erwidert werden. Besonders erfreulich ist, daß hier im Hammer Revier, wie in den anderen deutschen Kohlenbezirken, die Bergleute im Bewußtsein, auch in äußerster Arbeitsleistung dem deutschen Wirtschaftsleben zu helfen, mit den Überschichtenleistungen in die Bresche springen. Ihnen danke ich dafür besonders herzlich.

Schwer liegt die Hand des fremden Eroberers auf dem Gebiet, das bisher nur den Pulsschlag friedlicher Arbeit kannte; groß ist die Not an vielen Orten und in vielen Familien, insbesondere da, wo die Willkür der fremden Gewalthaber die arbeitsamen Bewohner des Landes zur Arbeitslosigkeit gezwungen, wo sie Beamte und Arbeiter aus den Wohnungen verjagt, wo sie Verkehr und Versorgung verhindert haben. Sie dürfen überzeugt sein, daß Reich und Preußen alles tun werden, um jeder Not zu steuern und jeder Zermürbung der Bevölkerung, wie sie der Gegner systematisch betreibt, entgegenzuwirken. Kein Opfer wird uns zu groß sein, wenn es gilt, der Not zu wehren, insbesondere die Ernährung sicherzustellen. Wo sich aber statt Gemeinsinn und Opferbereitschaft Gewinnsucht Einzelner zeigt, wo Preistreiberei und Wucher sich breit machen, muß gegen solches Schmarotzertum mit aller Schärfe vorgegangen werden. Wer in dieser Zeit unserer schwersten Not seine persönlichen Interessen nicht denen der Gesamtheit unterordnet, handelt verbrecherisch.

Bis jetzt ist der fremde Anschlag auf diesen durch Recht und Arbeit geheiligten Boden unserer Väter abgewehrt, am eisernen Willen der Männer der roten Erde zerschellt. Aber noch zeigt der Gegner keine Bereitschaft zu freier und gerechter Verständigung, zu der die deutsche Regierung immer bereit war und bereit ist. Noch herrscht bei ihm der Geist militärischer und wirtschaftlicher Diktatur. Niemand von uns kann darüber im Zweifel sein, was es bedeuten würde, wenn wir uns den Machtgelüsten Frankreichs unterwürfen; dann wäre es geschehen um Bestand, Selbstbestimmung und Zukunft der Deutschen Republik, um die wirtschaftliche und soziale Stellung der deutschen Arbeiter und ihre Weiterentwicklung, die dem französischen Kapitalismus ein Dorn im Auge ist. Wir wissen, welche Folgen es für unsere Volkswirtschaft hätte, wenn dieses Land der Kohle dauernd unserer Industrie, unserer Arbeit entzogen wäre, daß es dann zu Ende wäre mit der Selbständigkeit und Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft, mit der unser Dasein aufs engste verknüpft ist; die Lebensmöglichkeit vieler hunderttausend deutscher Arbeiter wäre vernichtet. Diese Erkenntnis gibt uns den festen Willen und die Kraft, auszuhalten in der Abwehr. Auf uns allein gestellt, müssen wir diesen schweren Kampf weiterführen; wir können ihn nur führen mit der Waffe des passiven Widerstandes, gestützt auf unser gutes Recht, auf unseren festen, unbeugsamen Willen. Bei Euch, Ihr Männer von der Ruhr, liegt die Last der Abwehr, aber auch ihre Kraft! Auf Euch vertraut Deutschland, haltet aus, seid wie bisher tapfer, fest, ruhig und besonnen. Dann ist unserer gerechten Sache der Erfolg sicher. Und dazu: Glückauf!


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