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Einkehr, Selbstzucht und soziales Pflichtbewußtsein

Rede. Dessau, 6.12.1922

Ist Ihr Land auch keiner der größten Bundesstaaten, ist es doch für das Reich bedeutsam durch wertvolle Zweige der Volkswirtschaft, durch Bergbau, Industrie und Landwirtschaft. Im Herzen Deutschlands gelegen, hat es wichtige Aufgaben zu erfüllen, Aufgaben, die nicht nur auf wirtschaftlichem, sondern auch auf kulturellem Gebiete liegen. Wir haben heute die Freude gehabt, in der Philantropin-Ausstellung der Landesbücherei einen sehr interessanten Ausschnitt der hier in Dessau beginnenden modernen Schul- und pädagogischen Bewegung des 18. Jahrhunderts zu sehen, wir haben im Laufe des Tages in den Junkers-Werken ein glänzendes Bild modernster Technik und technisch-wissenschaftlicher Forschungsarbeit gesehen, in den Einrichtungen des Konsumvereins ein Stück vorbildlicher sozialer Selbsthilfe kennengelernt und sollen morgen die bergbaulichen und chemischen Produktionsstätten des Landes besuchen. Schon daraus ergibt sich die wirtschaftliche, kulturelle und soziale Vielgestaltigkeit Ihres Landes. Erfreulicherweise hat Ihr Land nach dem Zusammenbruch im November 1918 eine verhältnismäßig ruhige und stetige Entwicklung gehabt, die es vor Erschütterungen und Krisen bewahrte; dieser Zustand, der neben dem ruhigen und arbeitsamen Sinn der Bevölkerung der besonnenen und tatkräftigen Führung der Landesregierung zu verdanken ist, ist von segensreichem Einfluß auf das Wirtschaftsleben hier gewesen, und ich kann nur wünschen, daß es auch künftig so bleiben möge.

Sie alle wissen, vor welch schicksalsschweren Fragen und Entscheidungen die Reichsregierung und mit ihr das gesamte deutsche Volk steht; wieder soll in den nächsten Wochen versucht werden, der Lösung des Reparationsproblems näherzukommen; erneut sollen Verhandlungen beginnen, die zeigen werden, ob Vernunft und Frieden in der Welt die Oberhand über Feindschaft und Gewalt errungen haben und dem deutschen Volke das zugestanden wird, worauf es Recht hat: als tüchtiges Volk aufrecht und in friedlichem Zusammenwirken mit den Völkern der Erde sein Leben zu leben. In tiefem Mitgefühl verfolgen wir die Leiden und Sorgen unserer Brüder im Rheinland; treu und unerschütterlich halten wir zu ihnen, wie sie trotz der Bedrückungen treu zum Reiche stehen; niemals können diese Bande gelöst werden, die uralte Volksgemeinschaft, die zweitausendjährige Kultur und Geschichte geschmiedet haben. Daß wir ehrlich bereit sind, jede Leistung, die wir tragen können, auf uns zu nehmen, hat die Reichsregierung in ihrer Note vom 13. November, die im Einklang steht mit dem Gutachten unparteiischer ausländischer Sachverständiger von Weltruf, das hat der Reichskanzler erneut vor dem Reichstag bekundet. Pflichttreue Mitarbeit aller Deutschen und selbstlose Opferwilligkeit jedes Einzelnen nach Maßgabe seiner Kräfte sind nötig, wenn wir das Ziel der Lebensmöglichkeit unseres Volkes, der Gesundung Deutschlands und Europas, erreichen wollen. Mehr denn je ist heute das Schicksal jedes Einzelnen mit dem des Vaterlandes verknüpft; geht Deutschland zugrunde, ist auch der Einzelne, mag er nichts oder viel besitzen, nicht mehr als ein verwehtes Blatt. Die Entwertung unseres Geldes und die damit verbundene Teuerung bedrohen weite Kreise unseres Volkes mit Verelendung und gefährden aufs äußerste unser ganzes Kulturleben. Einkehr, Selbstzucht und soziales Pflichtbewußtsein sind heute dringender denn je geboten. In dieser Zeit der Not müssen wir uns alle mit dem Bewußtsein der Gemeinschaft untereinander und mit dem Vaterlande erfüllen. Das Gebot der Pflichten gegeneinander und gegenüber unserem Volke muß uns leiten, in der Erfüllung dieser Pflichten müssen wir persönliche Wünsche und Interessen zurückstellen. Nur wenn uns dieser Geist beseelt, werden wir den Kampf um die Zukunft des deutschen Volkes führen und bestehen.


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