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Die Jahresschau deutscher Arbeit

Ansprache bei ihrem Besuch. Dresden, 23.6.1924

Zum dritten Male haben Sie hier in dem prächtigen Rahmen dieser an deutscher Kunst so reichen Stadt die »Jahresschau Deutscher Arbeit« veranstaltet, zu dem Zwecke, aus dem vielverzweigten Gebiete der deutschen Wirtschaft jeweils einen Abschnitt in seinen besten Erzeugnissen vorzuführen und so dem Inlande wie dem Auslande alljährlich deutsche Wertarbeit einzelner Industriezweige zu zeigen. Sie haben für die diesjährige Ausstellung die Textilindustrie gewählt, die für die deutsche Wirtschaft, ganz besonders aber für das industrielle und gewerbliche Leben des Freistaates Sachsen eine bedeutsame Rolle spielt. Was wir heute auf diesem Gebiete sahen, hat uns gezeigt, daß die deutsche, im besonderen die sächsische Textilindustrie, in der Erzeugung hochqualifizierter Arbeit wertvolle Fortschritte erreicht hat und trotz aller Not und Schwierigkeiten der vergangenen Jahre wie der Gegenwart den festen Willen bekundet, gerade durch gute deutsche Erzeugnisse, durch Wertarbeit auf dem Weltmarkt wieder volle Geltung und Beachtung zu erringen.

Dieser Wille, gute deutsche Arbeit wieder in die Welt zu bringen und dadurch unseren Export zu steigern, ist lebhaft zu begrüßen, besonders in diesen Tagen der wirtschaftlichen Schwierigkeiten und Krisen. Die für unsere Wirtschaft so lebenswichtige Kreditfrage ist zum erheblichen Teile eine Exportfrage, erst wenn die Exportbasis breiter ist, wird auch die Zuführung ausländischer Kredite sich steigern. Dieses Ziel der Belebung unseres industriellen und gewerblichen Lebens und der Stabilität unserer gefährdeten Wirtschaft werden wir nur erreichen können durch die Lösung der die Entfaltung unserer Kräfte im Innern und nach außen so schwer hemmenden internationalen Schwierigkeiten, durch die Öffnung des Weges zum ungehinderten Warenaustausch mit den anderen Völkern und zum gleichberechtigten freien internationalen Wirtschaftsverkehr. Sie wissen, meine Herren, daß die Reichsregierung und der Reichstag trotz Bedenken in Einzelheiten in dem Sachverständigen-Gutachten die Grundlage einer Lösung sehen, die neben der Befreiung der inneren Wirtschaft von drückenden Schranken, neben der Herstellung der Wirtschaftseinheit, unserer nach Ausfuhr drängenden Industrie den Weg ins Freie geben kann; nur in dieser Erwartung können wir es wagen, die großen Lasten zu tragen, welche die Durchführung dieses Gutachtens uns allen auferlegen wird. Wenn so die Hindernisse zur Entfaltung unserer Wirtschaft beseitigt werden können, dann werden auch der tatkräftige und vorwärtsführende Geist der Männer der deutschen Industrie und das hochqualifizierte Schaffen des deutschen Arbeiters, die beide wir hier auf dieser Jahresschau mit freudigem Stolze wahrgenommen haben, sich frei entwickeln und der deutschen Wertarbeit unter besseren Bedingungen ihre alte Geltung und Schätzung wiedererringen können.

Die Wirtschaft ist eines der Fundamente unseres staatlichen und nationalen Lebens; aber sie steht nicht für sich allein, sie ist nicht Selbstzweck: sie ist eng verflochten mit allen anderen schaffenden Kräften, verbunden mit dem Staate, seiner Sicherung, seiner stetigen Entwicklung und seiner Autorität, abhängig vom Gedeihen oder Abstieg der Nation. Deshalb muß auch die Wirtschaft durchdrungen und beseelt sein vom Gedanken der Schicksalsgemeinschaft, von dem Geiste der alle Interessen und alle Schichten des Landes umfassenden Zusammengehörigkeit der Deutschen. Wenn uns auch Weltanschauungen, politische Ansichten und widerstreitende wirtschaftliche Fragen trennen, stärker als sie muß in uns allen das Bewußtsein leben, Glieder eines Volkes zu sein. Diesen Geist weiter zu verbreiten, bitte ich auch Sie aus der Industrie und Wirtschaft dieses Landes; pflegen Sie ihn im Bestreben nach ehrlichem Ausgleich der Interessen und nach wahrer in sozialem Geiste geführter Gemeinschaft der Arbeit. Denn nur als ein Volk, das in den großen, entscheidenden Fragen zusammensteht, können wir den harten Weg der Zukunft mit Erfolg gehen. Daß auch die kommenden Jahre schwer und opferreich für uns alle sein werden, wollen wir uns nicht verhehlen; zu besonderem Optimismus haben wir keinen Anlaß, aber auch nicht zum Verzagen; die Sorgen des Tages sollen und dürfen uns den Glauben an die Zukunft unseres Volkes und seine Aufgabe in der Welt nicht rauben.


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