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Die Not der Nordmark und das Volksbewußtsein

Rede. Flensburg, 7.9.1922

Mit lebhafter Teilnahme habe ich aus Ihren Worten die schweren Sorgen entnommen, die in wirtschaftlicher und geistiger Beziehung auf der Stadt Flensburg und dem Grenzlande lasten. Über das Maß der allgemeinen Not des deutschen Volkes hinaus ist gerade Ihr Dasein hier durch die Auswirkung des Versailler Vertrages in der neuen Grenze schwer erschüttert, Ihr Wirtschaftsleben ist ernstlich gestört: das Hinterland ist Ihnen entrissen, Ihr Handel unterbrochen, Ihre Industrie, besonders auf den Werften, schwer gefährdet. Sie haben selbst mit großer Tatkraft die wirtschaftliche Umstellung auf die neuen Lebensbedingungen der Stadt in Angriff genommen; die Hilfe des Staates und des Reiches hat Ihnen hierbei nicht gefehlt und wird Ihnen auch künftig nicht versagt sein. So wollen wir hoffen, daß unverzagter Arbeitswille und treues Zusammenarbeiten aller Kräfte der großen wirtschaftlichen Schwierigkeiten Herr werden wird, die Sie jetzt noch bedrücken.

Aber es sind nicht die Güter wirtschaftlichen Lebens allein, die durch den Machtspruch des Versailler Vertrages über die Nordmark in Not gekommen sind; auch deutschem Volkstum und deutscher Kultur sind hier schwere Wunden geschlagen und drohende Gefahren entstanden; deutsche Volksgenossen sind wider ihren Willen und trotz ihrer Proteste von uns abgetrennt worden, und auch jetzt noch wird in den deutsch verbliebenen Teil Schleswigs immer wieder politische Beunruhigung hineingetragen, die das Volksbewußtsein und den Gemeinschaftsgeist mancher Bewohner dieses Landes gefährden. Sie, meine Herren von Stadt und Land hier, und wir, die preußische Staats- und Reichsleitung, wir wollen es als unsere gemeinsame Aufgabe ansehen, mit den geistigen Waffen einer zielbewußten kulturellen Deutschtumspflege allen Versuchen und Verlockungen entgegenzutreten, wir wollen in opferbereiter Arbeit die jahrhundertealte deutsche Kultur dieses Landes erhalten und, wo es nottut, festigen. Ich freue mich aufrichtig, von Ihnen, Herr Oberbürgermeister, gehört zu haben, wie hier und in ganz Schleswig mit eigener Kraft durch freie Volkspflege der geistige Zusammenhang des deutschen Volkstums gefördert und gestärkt wird, und unser aller Wünsche begleiten Sie in Ihrer Heimatsarbeit.

Die besten Grundlagen unserer Hoffnung auf wirtschaftlichen und geistigen Wiederaufbau sind die großen Mächte der Heimatstreue und der Vaterlandsliebe. Unvergessen wird dem ganzen deutschen Volke das gewaltige Treubekenntnis zum Reiche sein, das Schleswig in seinen Abstimmungstagen abgelegt hat und das uns aufs neue mit diesem Grenzland im Gefühle fester Zusammengehörigkeit eint. In Ihrem heimattreuen Festhalten an diesem deutschen Boden und in diesem unserem Bewußtsein unlösbaren Zusammenhalts mit der Nordmark ist uns die Zuversicht gegeben, daß wir die Nöte der Gegenwart überwinden und den Weg in eine günstigere Zeit uns bahnen.


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