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Probleme von Groß-Berlin

Ansprache an den Berliner Magistrat. 10.11.1922

Mit lebhaftem Interesse bin ich den Darlegungen gefolgt, die Sie, Herr Oberbürgermeister, uns über die letzte Entwicklung der Stadt Berlin, über ihren Werdegang zur Gemeinde Groß-Berlin und über ihre Sorgen und Nöte gaben. Wir müssen mit der Tatsache rechnen, daß in ganz Deutschland die Städte, besonders die Großstädte, durch die Lasten des Krieges und die der Nachkriegszeit in immer größere finanzielle Schwierigkeiten geraten sind; auch diejenigen Städte, die sich – wie Berlin – durch eine gute Selbstverwaltung und einen gewissen Wohlstand auszeichneten, sind davon nicht verschont geblieben. Für Berlin kommen noch die besonderen Lasten und Sorgen hinzu, die aus den gerade hier stärker aufgetretenen Nachwirkungen des Krieges, der im Kriege gesteigerten Industrialisierung und ihrer Folgeerscheinung, dem Zuzug von vielen Tausenden von Landsleuten aus verlorenen Gebieten und dem Ausland, dem Zustrom Fremder aus dem Osten, der Erwerbslosenfürsorge, der Wohnungsnot, der Not weiter Kreise des Mittelstandes und anderen Erscheinungen, entspringen. Daß Magistrat und Stadtverordnete trotz dieser Nöte des Tages das große Werk des Zusammenschlusses von Groß-Berlin gewagt haben, daß sie trotz der Schwierigkeiten in der Aufbringung der Mittel die Aufgaben der sozialen Fürsorge nicht vernachlässigt haben, zeugt von zielbewußter Tatkraft und sicherem Vertrauen auf die Zukunft. Halten Sie auch jetzt an diesem Vertrauen fest, so schwer es auch oft wird, in der harten Arbeit des Tages und den zermürbenden Kämpfen mit den Nöten und Sorgen die Festigkeit in der Zuversicht zu bewahren, daß wir trotz allem aus dem Dunkel der Gegenwart den Weg in eine bessere Zukunft unseres Volkes finden werden. Fester Zusammenschluß aller schaffenden Kräfte, Pflichtbewußtsein und äußerste Pflichttreue aller im Dienste des Volksganzen sind dazu unerläßlich im engen Kreise der Selbstverwaltung wie im ganzen großen Vaterlande. Dem Schmarotzertum muß überall, wo es sich zeigt, energisch zu Leibe gegangen werden. Seien Sie überzeugt, daß auch das Reich den wirtschaftlichen Nöten der großen Städte Verständnis und volle Aufmerksamkeit entgegenbringt, daß es in den Grenzen, die die eigene Notlage ihm zieht, zur Hilfe bereit ist. Wenn es dem Reiche gelingt, sich wiederaufzurichten, werden auch die Städte wieder aufleben und der sie jetzt belastenden Sorgen Herr werden. Dann wird auch dem neugeschaffenen Selbstverwaltungskörper Groß-Berlin mit seiner Bevölkerung von über vier Millionen Menschen eine innere und äußere Gesundung und eine gedeihliche Weiterentwicklung beschieden sein!


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