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Reichspräsident und Genosse

Ansprache. Dessau, 6.12.1922

Genossen und Genossinnen! Ich empfinde eine große Freude darüber, daß ich bei meinem Besuche in Dessau Gelegenheit finde, alte Kampf- und Parteigenossen begrüßen zu können, um so mehr, da die Parteigenossen Anhalts zur Elitetruppe der gesamten Partei Deutschlands gehören. Die Entwicklung der Partei hing und hängt ab von den wirtschaftlichen Verhältnissen der einzelnen Bezirke und den Führern der Partei. Mit besonderer Freude habe ich stets nach Anhalt geblickt, wo die Parteibewegung nach einem Gesichtspunkte geführt wird, der uns die politische Macht und die Freiheit des Volkes sichert. Wir Alten, die aus der Zeit des Sozialistengesetzes den steilen Weg bis 1918 gegangen sind, werden nicht ungeduldig, wenn es nicht so schnell vorwärts geht, wie wir hofften. Nach der Revolution ist es in der Partei stürmischer geworden und mancher Mißmutige hat sich von uns getrennt. Daß uns das nicht erspart bleiben würde, war vorauszusehen. Nichtsdestoweniger sind wir auf dem richtigen Wege. Unsere Aufgabe ist es, den Staat zu retten und ihn zu formen im Interesse des arbeitenden Volkes.

In Deutschland ist ganz systematisch die Demokratie zum Siege gekommen wie in keinem Lande der Erde. Unsere Mission ist es, die errungenen Erfolge zu verteidigen. Wir in Deutschland haben eine vierzigjährige Schulung der Arbeiterklasse hinter uns. Hier muß sich zeigen, daß die Geschichte sich nicht systematisch wiederholt, sondern daß die Arbeiterklasse fest mit dem Staatsleben verbunden ist.

Wirtschaftlich haben wir nicht das schaffen können, was wir ersehnten. Als ich mein Amt antrat, war Deutschland ein ausgemergeltes Land. Am zweiten Tage nach meinem Amtsantritt erfuhr ich, daß Deutschland nur noch für drei Wochen Brotgetreide besaß. Deshalb war es meine wichtigste Aufgabe, Brot für das deutsche Volk zu schaffen. Wir haben seitdem wirtschaftlich von der Hand in den Mund gelebt und kämpfen bitter um unsere Existenz. Unser Ziel ist es, gesunde Verhältnisse zu schaffen und die Interessen des deutschen Volkes zu wahren.

Unangenehme Erscheinungen im politischen Kampfe lassen sich trotz des besten Willens des Einzelnen nicht vermeiden.

Hoffentlich dauert die Zeit nicht lange, bis wir wieder in der Regierung sind!

Die äußeren Aufgaben zu lösen, ist nicht minder schwer als die inneren. Das Schwert des Gegners hängt dauernd über unserem Kopfe. Wir müssen bestrebt sein, soweit als möglich unsere Verpflichtungen zu erfüllen. Wenn trotzdem Gewalt und Willkür herrschen, muß sich die deutsche Arbeiterklasse bewußt sein, daß es um die Existenz unseres Volkes geht. Wir müssen auf dem Posten sein, damit wir nicht dem Sklavenjoche unterliegen. Ich habe oft den Wunsch gehabt, wieder in den Reihen meiner Kampfgenossen zu stehen.

Aber als Sozialdemokraten haben wir gelernt, dort stehen zu bleiben, wohin wir gerufen worden sind. Ich rechne auf das Vertrauen der deutschen Arbeiterschaft und meiner Kampfgenossen. In diesem Gedanken wollen wir unser Ziel verfolgen, und in diesem Sinne danke ich Ihnen und wünsche der Sozialdemokratischen Partei Anhalts auch weiterhin Glück und Erfolg.


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