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Die Industrie und die Arbeiter

Ansprache beim Empfang des Präsidenten des Reichsverbandes der Deutschen Industrie. 7.1.1920

Ich bin vollkommen Ihrer Ansicht, daß der deutschen Industrie eine überaus wichtige Bedeutung beim Wiederaufbau unseres Wirtschaftslebens zukommt. Ja, ich gehe noch weiter, ich erblicke in der möglichst raschen Wiederbelebung und möglichst vollen Entfaltung unserer gewerblichen Produktion die wichtigste wirtschaftliche Gegenwartsaufgabe überhaupt, ohne deren Erfüllung nicht nur die Lebenshaltung der ganzen Nation, sondern unmittelbar das Leben von Millionen deutscher Volksgenossen bedroht ist.

Ausgehend von der Erwägung, daß die Erfüllung der Lebensnotwendigkeiten des deutschen Volkes heute allen anderen Aufgaben voranzugehen hat, habe ich zusammen mit der Reichsregierung bisher alles aufgeboten, um sowohl die von Ihnen gar nicht erwähnten äußeren, als auch die inneren Voraussetzungen dieses Zieles zu schaffen. Die Regierung ist sich dabei jedoch klar darüber, daß die Erreichung dieses Zieles im Innern nicht nur von der möglichst freien Betätigung der Unternehmer, sondern auch von anderen Bedingungen abhängt, deren Erfüllung in gleicher Weise Voraussetzung des Erfolges ist.

Eine dieser Voraussetzungen ist die Hebung der stark gesunkenen Arbeitsbereitschaft und Arbeitsfreudigkeit der Arbeitnehmer. Die Reichsregierung ist einerseits entschlossen, jeder unberechtigten Arbeitsverweigerung im Interesse der Allgemeinheit und im Interesse der Arbeitnehmer selbst mit allen Mitteln entgegenzutreten. Sie erblickt aber andererseits ihre Aufgabe auch darin, durch Erfüllung der berechtigten Forderungen der Arbeiter die Arbeitsbereitschaft und Arbeitsfreudigkeit so zu fördern, wie es zur Wiederbelebung und vollen Entfaltung der gewerblichen Produktion erforderlich ist. Sie hält sich dabei in den Grenzen, die durch unsere wirtschaftliche Lage gezogen sind.

Diesem Ziele dient insbesondere das Betriebsrätegesetz, das einem stark hervortretenden und grundsätzlich berechtigten Wunsche der Arbeiter entgegenkommt und in den durch die Verhältnisse gezogenen Grenzen bestimmt ist, neben der Steigerung der Arbeitsfreudigkeit im gemeinsamen Interesse der Arbeitgeber und Arbeitnehmer unnötige Arbeitsstreitigkeiten und Betriebsstockungen zu verhüten und Schlimmerem vorzubeugen. Ich verweise hierbei auf das Vorgehen Englands, das sich gezwungen sieht, denselben Weg zu beschreiten. Auch dieses Beispiel, wie die Geschichte der inneren Entwicklung Englands überhaupt, bestätigt mir aufs neue die Ansicht, daß es im Interesse der Unternehmer selbst liegt, Maßnahmen, die dem Wandel der Zeiten und dem neuen Geist sozialer Fortentwicklung in der ganzen Welt, nicht nur in Deutschland, entsprechen, freiwillig auf sich zu nehmen, statt sich bis zuletzt dagegen zu wehren und sie sich erst aufzwingen zu lassen. Von diesem Standpunkt aus dürfen wir wohl auch von der Arbeitgeberschaft verständnisvolle Würdigung der rein sachlichen Bestrebungen der Regierung erwarten.

Voraussetzung des Wiederaufsteigens Deutschlands ist aber auch die Gesundung unserer durch den Krieg völlig zerrütteten Finanzen. Ohne diese Gesundung kann die volle Entfaltung unserer Produktionsfähigkeit weder erreicht noch wirksam werden. Die finanzielle Lage Deutschlands fordert gebieterisch durchgreifende Maßnahmen. Ohne große Opfer des Einzelnen ist auch hier das Ganze bedroht. Die Reichsregierung hat bei ihren Steuerprojekten die gewerbliche Produktion nach Möglichkeit geschont. Sie ist auch bei ihren weiteren Maßnahmen entschlossen, die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Produktion unter allen Umständen aufrechtzuerhalten.

Mit diesem Ziele im Auge sehe ich aus Ihren Darlegungen nicht ohne Bedauern, daß Sie der schweren Situation, in der sich die gegenwärtige Regierung befindet und von Anfang befunden hat, nicht gerecht werden, wenn Sie ohne nähere Begründung auf eine Reihe von Mängeln – die Schäden des Verkehrswesens, die Überfülle der Ämter, auf übermäßigen Gebrauch der Notenpresse u. a. m. – hinweisen. Ich muß es mir versagen, auf alle Einzelheiten einzugehen. Aber Sie vergessen, von welcher Grundlage aus wir an den Wiederaufbau Deutschlands herangetreten sind. Wir haben diese Aufgabe übernommen in der schwersten Not, in der sich je ein Volk befunden hat: Nach einem mehr als vierjährigen Krieg mit einem unseligen Abschluß, der nicht nur die materiellen, sondern auch die moralischen Kräfte des Volkes völlig erschöpft hatte; unter dem Druck eines Waffenstillstandes, der durch seine Bedingungen und fast noch mehr durch seine nie vorhergesehene und nicht vorhersehbare Dauer in alle Regierungsmaßnahmen die Unsicherheit eines fremden Willens hineintrug. Es mußte das Werk der neuen Verfassung bewältigt werden, die erst die Handhabe gab, für die Fülle der neuen Aufgaben die neuen Organe zu schaffen, und die Grundlage bot, um das Wirtschaftsleben der Nation in die neuen Bahnen zu lenken, um das Finanzwesen aus der Schuldenwirtschaft zur Deckung der Ausgaben auf Grund der Steuerkraft des Volkes zu führen. Und zu alledem die Notwendigkeit, die Nation sich selbst wiederfinden zu lassen, sie der moralischen Gesundung entgegenzuführen und den einzelnen Menschen ebenso wie die Gesamtheit zur Erkenntnis unserer Lage und des Geistes der neuen Zeit zu bringen.

Ich habe bei Eintritt in das neue Jahr die Erwartung ausgesprochen, daß ein jeder an seiner Arbeitsstätte für den Wiederaufbau unseres Vaterlandes das Äußerste tun möge. Ich habe dabei vorausgesetzt, daß jeder bereit ist, dem allgemeinen und wohlverstandenen eigenen Interesse diejenigen Opfer zu bringen, die jedem von uns auferlegt werden müssen.

Die Reichsregierung verfolgt weder eine einseitige Produktions- noch eine einseitige Konsumentenpolitik. Sie betrachtet vielmehr als ihre Pflicht, die Interessen aller Berufszweige zu einem gerechten Ausgleich zu bringen. Es ist schwer, vom Standpunkt des Einzelnen aus die Zusammenhänge des Ganzen richtig einzuschätzen und abzuwägen. Für eine ehrliche Kritik bin ich und die Reichsregierung stets dankbar. Den Vorwurf einseitiger Interessenpolitik aber muß ich mit Entschiedenheit zurückweisen. Von der vaterländischen Gesinnung der deutschen Industrie erwarte ich, daß sie in richtiger Würdigung aller Schwierigkeiten und Hemmungen den bitteren Notwendigkeiten der allgemeinen Lage gerecht wird.

Mit der Reichsregierung werde ich auch in Zukunft die Sorge für die Hebung der gewerblichen wie der landwirtschaftlichen Produktion Deutschlands als die wichtigsten Aufgaben betrachten. Ich rechne darauf, daß Arbeitgeber und Arbeitnehmer in gleicher Weise und im allgemeinen Interesse die Regierung in der Durchführung dieser schwierigen Aufgabe unterstützen. Jede Mitarbeit – von welcher Seite sie auch kommen mag, – an dem großen Ziele, unser Volk aus der großen Not herauszuführen und unsere Nation vor dem Äußersten zu bewahren, wird von mir und der Regierung dankbar begrüßt und dankbar angenommen werden.


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