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Die deutsche Demokratie, der Traum langer Jahrzehnte

Ansprache an die Weimarer. 21.8.1919

Mein erstes Wort an das deutsche Volk nach dem 9. November ging dahin, daß bald eine Verfassunggebende Nationalversammlung berufen werden solle.

Was damals Zukunftsmusik schien, heute ist es schon geschichtliche Vergangenheit, ist es Tat und Wirkung geworden. Die deutsche verfassunggebende Nationalversammlung hat das Werk vollendet, das ihr den Namen gegeben hat. Die Verfassung ist in Kraft getreten, als erster habe ich heute auf sie und in die Hände des Nationalversammlungs-Präsidenten den Eid geleistet.

Weimarer! Ich werde diesen Tag und seine Bedeutung nie vergessen! Aber auch Ihr sollt Euch an diese Stunde erinnern. Zum ersten Male hat heute das Volk sich selbst in Pflicht und Eid genommen; kein Auftrag von unverantwortlicher Stelle, keine Berufung von oben her ist durch seinen Schwur auf die Verfassung bekräftigt worden, sondern in die Hand des ersten Mannes der Volksvertretung habe ich Treue gelobt in dem Amt, das mir diese Volksvertretung anvertraut hat. Ein Volk, gleich und gleichberechtigt an Haupt und Gliedern: das soll der heutige Tag vor allen Deutschen bezeugen!

Vor uns steht das Wahrzeichen Weimars, das Doppelstandbild der zwei Weimarer Großen. Für uns, die wir den Traum langer Jahrzehnte, die deutsche Demokratie, vollenden durften, gesellt sich zu diesen zwei erlauchten Häuptern ein drittes Haupt, das Haupt Ludwig Uhlands. Von ihm, dem unsterblichen Redner der Frankfurter Paulskirche, stammen die mannhaften, unerschrockenen Verse vom guten, alten Recht, für dessen Wiederherstellung er gegen Willkür und Rechtsbruch kämpfte! Kein neues, willkürliches, nach Parteigründen zugeschnittenes Recht haben wir in der Verfassung geschaffen. Wir sind vielmehr aufs Neue vom alten Recht ausgegangen, das verschüttet lag, vom Rechte, das mit uns geboren, vom Rechte, das dem Volke vorenthalten war und nun vom Volke selbst errungen und gesichert worden ist! Darum sagen wir mit Ludwig Uhland: Das gute alte Recht, das aller Verfälschungen und Erzwungenheiten entkleidet, ist heute Allgemeingut und Erbe des Deutschen und soll es bleiben für immer!

In diesem Sinne und Glauben erneuere ich vor Euch den Schwur der Treue zum Volk und zum Volksrecht! Ihr alle habt Anspruch auf diesen Treueid, Bürger, Bürgerinnen und Soldaten, die ihr alle Mitinhaber und Mitverteidiger dieses Rechtes seid. Laßt uns zusammenstehen in dem harten Lebenskampf unseres Volkes, ruft mit mir zum Gelöbnis dieser unlösbaren Gemeinsamkeit, daß es von hier, vom Herzen Deutschlands, vom Schauplatz unvergänglicher geistiger Taten, hinausklingt ins ganze deutsche Vaterland, in Städte und Dörfer, in Fabriken und Werkstätten: Unser geliebtes deutsches Volk, es lebe hoch!


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