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Die letzten Kriegsmonate

Aufzeichnungen aus dem Nachlaß.

Ende Juli 1918 verbrachte ich einige Wochen im bayrischen Vorgebirge, Es überraschte mich, daß die Stimmung der Bevölkerung in dieser rein ländlichen Gegend ohne politische Beeinflussung von außen her und trotz geringer Ernährungsschwierigkeiten stark zum Frieden um jeden Preis neigte. Nach näherer Information fand ich, daß die schweren Kriegsopfer in den kleinen Gemeinden der Bevölkerung viel mehr zum Bewußtsein kamen als in den Städten; sie standen im Mittelpunkt der täglichen Unterhaltung. Die Urlauber erzählten über die Verhältnisse an der Front, über die zunehmende Stärke der Gegner und die Aussichtslosigkeit der Fortsetzung des Krieges. Dabei wurde sehr viel geklagt über die Behandlung der Mannschaften durch die Offiziere. Über die Notwendigkeit der zwangsweisen Organisation der Volksernährung und der sonstigen Kriegswirtschaft fehlte es an jeglicher Aufklärung der Bevölkerung; über die »Berliner« Kriegsgesellschaften wurden die ungeheuerlichsten Geschichten erzählt. Überall begegnete man der Auffassung, der Krieg nehme nur ein Ende, wenn das Volk selbst Schluß mache. Bestärkt wurde diese Auffassung durch die fortgesetzten ungünstigen Nachrichten von der Westfront. Wie mir in München versichert wurde, war überall in Süddeutschland die gleiche Stimmung.

Mitte August fanden im Hauptquartier Beratungen mit den Österreichern statt, an denen auch Kaiser Karl teilnahm. Wie immer ist diese Zusammenkunft mit großer Wichtigkeit in der Presse angekündigt worden, während über Zweck und Ergebnis nichts verlautete. Es begann in der Presse das übliche Rätselraten, vielfach wurde behauptet, es handle sich um Polen, das deutsche Volk solle von den Militärs wieder einmal vor eine vollendete Tatsache gestellt werden. Einige Blätter verlangten deshalb die Berufung des Haushaltsausschusses des Reichstags. Da ich Vorsitzender dieses Ausschusses war, fuhr ich nach Berlin, um nichts zu versäumen.

In Berlin sprach ich zunächst mit meinen Freunden im Parteivorstand, Scheidemann war in der Schweiz. Alle waren der Meinung, man müsse schnell zum Frieden kommen, wenn die Katastrophe vermieden werden solle. Der Reichskanzler war gar nicht in Berlin, sein Vertreter von Payer, mit dem ich sprach, beurteilte die militärische Situation recht ungünstig; auch er sprach sich für schnellen Frieden aus. Widerstände von militärischer Seite seien nicht mehr zu befürchten, doch hielt er die Berufung des Haushaltsausschusses für verfrüht; er empfahl zunächst eine Besprechung mit den Fraktionsvorsitzenden. Gröber war nicht in Berlin, deshalb hatte ich mit Erzberger eine längere Rücksprache. Die Situation beurteilte auch er ungünstig, von einem rückhaltlosen Bekenntnis zum Völkerbund mit obligatorischer Schiedsgerichtsbarkeit versprach er sich Friedensmöglichkeiten. Mit allgemeinen Erklärungen sei allerdings nichts zu machen, man müsse mit einem bis ins Einzelne durchgearbeiteten Programm hervortreten, zu diesem Zwecke habe er ein Buch über den Völkerbund in Arbeit. Ob die Reichsregierung das erforderliche Vertrauen habe, sei ihm sehr zweifelhaft.

Eine von mir berufene gemeinsame Sitzung der Vorstände der Sozialdemokratischen Partei und der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion, die sich in diesen Tagen ebenfalls mit der Situation beschäftigte, kam zu dem Ergebnis, daß vor allem über die Wiederherstellung Belgiens Klarheit geschaffen werden müsse, weiter sei Zustimmung zum Völkerbund mit Abrüstung und Schiedsgerichtsbarkeit und die Bereitwilligkeit zur Räumung aller besetzten Gebiete notwendig. Die Ruhe im Innern sei nur aufrecht zu erhalten, wenn schnellstens die Demokratisierung Preußens und des Reiches durchgeführt würde.

Die Besprechung mit den Fraktionsvorsitzenden hat von Payer zum 21. August berufen. Gröber, von Westarp, Stresemann, Wiemer und ich waren geladen. Hintze berichtete über die Verhandlungen im Hauptquartier. Über Polen sei eine Verständigung mit Österreich noch nicht herbeigeführt, aber zu erwarten. Der Kaiser habe eine Personalunion abgelehnt. Die militärische Lage sei sehr ernst, doch nicht hoffnungslos. Österreich habe erklärt, es sei am Ende seiner Kraft, auch die übrigen Verbündeten seien in schlechter Lage. Man sei sich einig gewesen, alle diplomatischen Mittel anzuwenden, um zum Frieden zu kommen. Geeignete Schritte seien bereits eingeleitet. Gröber warnte vor überstürzten Friedensschritten, während ich lebhaft für schnellen Frieden eintrat und erneut nachdrücklich die zur Katastrophe drängenden Verhältnisse im Innern besprach. Im Anschluß an diese Aussprache legte Kriege die Zusatzverträge zum Brester Frieden vor; er bat um die Zustimmung der Fraktionsvorsitzenden. Die Regierung würde dann abschließen und im Spätjahr beim Reichstag dafür Indemnität nachsuchen. Ich sprach entschieden gegen die Verträge und das in Aussicht genommene Verfahren. Bei der ganzen Situation sei der Brester Vertrag nicht zu halten, damit fielen auch die Zusatzverträge. Man solle sich durch die versprochenen Goldzahlungen der Russen nicht blenden lassen, schließlich müßten wir sie doch wieder herausgeben. Der Brester Vertrag habe den Widerstand der Gegner Deutschlands gestärkt, der Abschluß der Zusatzverträge verschärfe diese Wirkung in einer Situation, wo wir dringend auf die Friedensbereitschaft der Gegner angewiesen seien. Kriege berief sich mir gegenüber auf die bereits vorliegende Zustimmung der Russen. Ich erwiderte, diese könnte mich in meiner Beurteilung nicht beeinflussen, maßgebend seien für mich die deutschen Interessen, und zwar nicht nur die augenblicklichen, sondern die zukünftigen. Hintze war zurückhaltend. Er erklärte sich zwar gegen die Zusatzverträge, sie seien aber lediglich die Konsequenz des Brester Vertrages. Kriege suchte nach einer Verständigung mit mir und bat schließlich um eine Besprechung mit dem gesamten Fraktionsvorstand. Am nächsten Tag war ich mit einigen Kollegen bei ihm, in einer langen Rede suchte er die Abmachungen schmackhaft zu machen. Dabei betonte er nachdrücklich seine guten Beziehungen zu den Russen. Besonderes Gewicht legte er auf einen Brief von Tschitscherin an ihn, den er uns mit großem Behagen vorlas. Tschitscherin nahm Bezug auf die gemeinsame Arbeit in Brest, lobte Kriege in hohen Tönen und bedauerte, daß es ihm nicht möglich war, mit ihm zusammen auch an der Beratung über die Zusatzverträge teilnehmen zu können. An unserer Stellung wurde durch diese Besprechungen nichts geändert; die Fraktion stimmte später meiner Stellungnahme zu.


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