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Zwei Begrüßungen der heimkehrenden Kriegsgefangenen

26.9.1919

I.

Euch, die Ihr heimkehrend heute die Schwelle der Heimat überschritten habt, entbiete ich im Namen des Deutschen Reichs, im Namen des deutschen Volkes tiefbewegt Willkommen und Gruß. Schwer und bang waren unsere Sorgen um Euch, die wir um des Vaterlandes willen in Not und Kummer wußten. Um so stärker ist jetzt unsere Freude, Euch aus Fremde und Not zurückerhalten zu haben.

Nach langen und bitteren Jahren der Trennung kehrt Ihr heim, nach schweren Tagen des Kampfes und der Gefahr und nach noch schwereren Zeiten der Gefangenschaft, der Unterdrückung, der harten Fron unter fremdem Joch und unter unerbittlichem Zwang haßerfüllter Feinde. In bitterem Schmerz empfanden wir in den Tagen der Trennung mit Euch Eure Leiden und alle Euch angetane Schmach. In tiefer Trauer gedenken wir der vielen, denen das Morgenrot der Heimkehr ins Vaterland nicht mehr leuchtete, die unmenschlicher Behandlung, harter Sklavenarbeit, ungesunden Verhältnissen und dem Mangel menschlicher Fürsorge im Feindesland erlegen sind und deren Los weder unsere unermüdlichen Bemühungen und Beschwerden noch die menschenfreundlichen Bestrebungen neutraler Staaten abwenden konnten.

Deutschland, das heute seine langentbehrten leidgeprüften Söhne begrüßt, kann Euch nicht mit rauschenden Festen und jubelndem Empfang feiern. Durch den verlorenen Krieg mit seinen unerhört harten Friedensbedingungen, durch wirtschaftliche Not schwer bedrückt, empfängt Euch die Heimat in stiller, wehmütiger Freude, aber mit sorgender Liebe.

Das Haus der Heimat, das Ihr heute wieder betretet, ist ein anderes geworden, als das Ihr verließet. Das deutsche Volk hat sich eine neue Form staatlichen und wirtschaftlichen Lebens geschaffen. Bedrohen auch noch schwere Wolken und Erschütterungen den neuen Bau unseres Volkstums, so dürfen wir doch hoffen, daß in späteren Jahren wir und kommende Geschlechter frei und glücklich in ihm leben werden. Angestrengte Arbeit jedes einzelnen für sich und die Gesamtheit ist aber die unerläßliche Vorbedingung dieser besseren Zukunft. Hierbei mitzuschaffen und mitzuwirken fordere ich auch Euch, heimkehrende Brüder, mit meinem Willkommen auf; helft die Heimat, um deretwillen Ihr so viel gelitten und die Euch durch dieses Leid noch teurer geworden ist, wieder aufrichten und erhalten, für Euch, für Eure Familien, für Deutschland! Ehren, Glanz und Gold kann Euch das verarmte Vaterland nicht bieten, aber freie Entfaltung aller Kräfte, Arbeit und ein menschenwürdiges Dasein will es allen geben, die sich zu ihm bekennen.

Seid nochmals willkommen, herzlich willkommen in der alten Heimat und im neuen Deutschland!

II.

Die junge Deutsche Republik, zu der sich das alte Reich in schmerzlichem und bitterem Kampfe umgestaltet hat, braucht jede entschlossene und ausdauernde Kraft, wenn sie wieder zu einer wahrhaften, schützenden und nährenden Heimat werden soll. Aber neben dem Tagewerk, an das die bittere Not der Volksgemeinschaft ruft, steht in dem neugestalteten Deutschland ein zweites: die Freiheit in der Freiheit. Freiheit der Gesinnung, volle staatsbürgerliche Gleichberechtigung verbürgen die neue Verfassung. Wie immer man zu Einzelfragen steht: Verteidigen Sie vom ersten Tage im alten Vaterlande ab das gleiche Recht für alle als das Bollwerk gegen jede Diktatur. Wenn Sie den Segen kameradschaftlichen Zusammenhaltens, den Sie durch harte Jahre schätzen gelernt haben, mit hineintragen in unser zerklüftetes Volk, dann dürfen wir in Ihnen die Vorkämpfer der höchsten Freiheit sehen: der Freiheit, die Achtung vor der Ansicht und Überzeugung der Nächsten hat und auch im politischen Gegner den Landsmann und Schicksalsgenossen sieht. Wirken wir alle in diesem Sinne, dann muß es wieder in Deutschland vorwärts und aufwärts gehen, trotz alledem.


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