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1918.

Aufzeichnungen aus dem Nachlaß

Friedensgerüchte. 23.1.1918

Haussmann teilt mir streng vertraulich mit, daß er in letzter Zeit zweimal in der Schweiz gewesen sei. Das erstemal in Genf. Dort traf er mit einem Amerikaner zusammen, den er im Beisein eines Österreichers sprach. Beides sehr ernste politische Persönlichkeiten, Man machte ihn aufmerksam auf die in Aussicht stehenden Reden Lloyd Georges und Wilsons und war über deren Tendenz unterrichtet. Lloyd George habe Friedensneigung, man habe ihm für seine Rede einen Friedenspassus nahegelegt. Lloyd George hatte diese Partie aber Wilson zugeschoben. Tatsächlich stimme die Stelle in Wilsons Rede, mit der er sich an die Reichstagsmehrheit wende, sinngemäß mit dem überein, was ihm damals – also bevor die Rede gehalten wurde – mitgeteilt worden sei. Das Ergebnis der Aussprache war ein Vorschlag von der anderen Seite, es solle demnächst eine Aussprache zwischen drei Vertretern der Arbeiterpartei, der Liberalen und Konservativen aus England und drei Vertretern der Mehrheitsparteien des Reichstages in der Schweiz stattfinden. Und zwar solle es sich dabei um maßgebende Parlamentarier handeln. Man sprach auch über die in Betracht kommenden Personen. Für Deutschland wünsche man (außer Haussmann) Erzberger und Ebert – mich anstatt Scheidemann, weil ich nicht so im Verdacht der Regierungsfreundlichkeit stehe, auch nicht so sehr festgelegt sei. Haussmann hatte sich bereit erklärt, dem Vorschlag näherzutreten, wenn wirklich aus England einflußreiche Parlamentarier kämen. Neben Henderson oder einem ihm gleichstehenden Arbeiterparteiler war Lord Backmeister oder ein gleichwertiger Abgeordneter genannt. Falls diese Voraussetzungen zuträfen, solle man ihn nach einem verabredeten Code benachrichtigen, dann wolle er an die in Betracht kommenden deutschen Abgeordneten mit dem Vorschlag herantreten.

Als Haussmann mit mir sprach, war diese Nachricht eingetroffen.

Ich sagte grundsätzlich zu, machte aber zur Bedingung, obgleich die ganze Sache streng vertraulich behandelt werden sollte, mit Scheidemann darüber zu sprechen.

(Hinzufügen muß ich noch, daß der deutsche Gesandte sich zustimmend geäußert habe. Haussmann sagte mir auch, daß er den Plan vorher nicht formell der Regierung unterbreiten wolle, es genüge, wenn man Solf einweihe.)

Scheidemann, mit dem ich sofort sprach, erklärte sich ohne weiteres mit dem Vorschlag Haussmann einverstanden. Nur hielt er es für erforderlich, den Kanzler oder Kühlmann formell von dem Vorhaben zu informieren!

Haussmann, mit dem ich gleich danach sprach, meinte, der Kanzler oder Kühlmann würden die Sache Ludendorff unterbreiten, der sie wahrscheinlich durchkreuzen werde. Er wolle sich aber noch einmal die Anregung überlegen.

Am nächsten Tag sagte mir Haussmann, er habe Hertling schriftlich Mitteilung gemacht.

Am 26. Januar teilte mir Haussmann mit, daß gegen Erzberger Bedenken geltend gemacht würden. Seine Auslandsverhandlungen und seine damit verbundene Wichtigtuerei besage nichts. Das Gerede vom Erzberger-Frieden bekäme neue Nahrung, auf Ludendorff wirke Erzberger wie rotes Tuch. Man plane in gewissen Kreisen gegen Erzberger einen großen Coup, er habe ihm einen Wink gegeben – das sei ihm um so angenehmer, als er bereits über die Sache mit Erzberger gesprochen, der sofort zugestimmt habe.

Ich erklärte ihm, daß ich auf Erzberger großes Gewicht lege. Seine Wichtigtuerei gefalle mir zwar auch nicht, auch müsse absolute Diskretion während der Verhandlung gewahrt werden. Kämen Pressemitteilungen dazwischen, habe die Sache keinen Wert. Haussmann meint, mit Erzberger ginge es nach Lage der Dinge nicht, man müsse sich über einen anderen Zentrumsmann verständigen. Wie sei es mit Belzer? Er sei seinerzeit mit in Bern gewesen (Deutsch-Französische Konferenz) und stehe fest zur Reichstagsentschließung. Da ich Belzer persönlich gar nicht kenne, machte ich geltend, daß ich mit einem mir persönlich fremden Herrn eine solche Aktion nicht unternehmen möchte. Ich schlug Fehrenbach vor. Haussmann fürchtete, daß ihn seine Eigenschaft als Vorsitzender des Haushaltsausschusses hindere. Das konnte ich nicht gelten lassen, mit dem Haushaltsausschuß habe die Aktion nichts zu tun. Gegen den von Haussmann vorgeschlagenen Graf von Gelen, der sehr gute Beziehungen zu Hertling haben solle, verhielt ich mich ablehnend.

Nachmittags teilte mir Haussmann mit, Kühlmann sei mit Fehrenbach einverstanden. Erzberger habe er offen Mitteilung gemacht, dieser habe Fehrenbach auch sehr befürwortet. Bussche, der unterrichtet sei, ordne die Paßangelegenheit. Über die Abreise bzw. den Tag des Zusammentreffens in Bern mache er mir schriftlich Mitteilung.

Abends sprach ich mit Fehrenbach. Er meinte, wir sollten noch etwas zurückhalten, man müsse absolute Sicherheit haben, daß es sich um eine ernste Sache handle. Bussche, der dazu kam, meinte, der Vertrauensmann Haussmanns müsse sehr argwöhnisch beurteilt werden. Es handle sich um den Amerikaner Worldt, der schon einmal als Freund Wilsons in Aktion getreten sei, nachher habe es sich herausgestellt, daß er Wilson persönlich gar nicht kenne. Außerdem habe ein Journalist die Hände im Spiel, der vor dem Krieg in Berlin war. Der Admiralstab habe ihm sehr vertraut, sei aber von ihm hineingelegt worden.

Fehrenbach war danach noch abgeneigter, er wolle von daheim Haussmann schreiben. Ich verhielt mich bei dieser Unterhaltung passiv.


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