Emanuel Geibel
Gedichte
Emanuel Geibel

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Das Mädchen vom Don.

                Mein Freund Gregor, mit dem ich manchen Tag
Verschwärmt einst zu Athen, wo damals er,
Der nordischen Gesandtschaft zugesellt,
Bei müß'ger Zeit mit mir die Alten las,
Besuchte letzten Herbst, da südwärts schon
Die Schwalben wanderten, mich unverhofft
Im still gewordnen Bad am Ostseestrand.
Ein sehnlich Ruhbedürfnis hatt' auch ihn
Dorthin geführt, und bei verwandter Stimmung
Und gleichem Freimut fiel es uns nicht schwer,
Das alte Bündnis zu erneu'n. Wir sahn
Beim ersten Gruß, daß fünfundzwanzig Jahr
Uns nicht verwandelt hatten, nur gereift,
Und bald in trautem Austausch, wie vordem,
Verplauderten wir wieder Tag für Tag
Des Abends Neige, nun der Gegenwart
Streitfragen prüfend, nun ins Zauberland
Erinnrungsreicher Jugendtage schwärmend.
In solcher Stunde – während überm Meer
Der Vollmond aufstieg und die Brandung fern
Herübergrollte – lenkt' er das Gespräch
Einst auf ein Mädchen, das er zu Athen
Gekannt und das auch mir begegnet war,
Wiewohl nur flüchtig. Doch es zählt' ihr Bild
Zu jenen, deren Reiz man schwer vergißt,
Sah man sie einmal nur. Nicht ungerührt
Vernahm ich drum ihr wechselvoll Geschick,
Und wie's der Freund erzählt, erzähl' ich's nach.
———
Sie war die Nicht' im Hause. Früh verwaist
Und arm an Gut nur, wuchs sie bei den reichen
Verwandten auf, des Oheims Liebling zwar,
Allein der stolzen Bas' im Aug' ein Dorn;
Denn sie war schön gleich ihr, fremdart'ger nur
In ihrem Reiz, der an die Märchenwelt
Hochasiens mahnte. Schlug die Wimpern sie
Des mandelförm'gen Auges plötzlich auf,
So war's wie Blitz; man dacht' an Turandot.
Zum Rätsel wölbten sich die feinen Brau'n,
Und wenn sie's losband, floß ihr blauschwarz Haar
Bis zu den Knöcheln. Gerne sah's der Ohm
Und hieß sein artig Nixlein sie vom Don;
Doch wenn er gütig war und sie mit Schmuck
Behängt' und prächt'gen Stoffen, peinigte
Die Base sie mit Launen, ließ von ihr,
War die leibeigne Zofe nicht zur Hand,
Das Haar sich strählen und den Ballstaat rüsten,
Und schmollt' und schalt um jeden kleinen Fehl.
So wuchs sie auf geliebkost und gequält,
Prinzeß in der Gesellschaft, Aschenbrödel
Am eignen Herd. Doch trug sie Glanz und Druck
Mit gleicher Spannkraft, wie zur Frühlingszeit
Die herbe Knospe Sonn' und Regenguß
Erträgt und fortschwillt. Niemals fand ich sie
Verstimmt noch müde; nur verschloß sie sich,
Wie sie vom Kind zur Jungfrau leis' erwuchs,
Gemach in Schweigen, flüchtig Lächeln ward
Ihr silberhelles Lachen, feuchtern Glanz
Gewann ihr Aug', und wenn sie, spät noch wach,
Am Flügel träumte, wühlten ihre Hände
Anstatt in muntern Weisen, wie vordem,
In Chopins dunkeln Zaubermelodien.

So stand's, als ich nach Mittag einst im Herbst,
Da Bas' und Oheim auf Besuch zur Stadt,
Von unserm Sommerlandsitz am Kephiß
Mit ihr hinausritt. Auf den Feldern rings
Lag silbernes Gespinst, das Purpurlaub
Der Rebenhänge brannt' im Sonnenschein,
Und vom Gebirg her durch die Pinien zog
Der Wellenschlag der himmlisch reinen Luft.
Entzückt aufatmend, lachte sie mich an,
Und hob den Zaum und gab dem Roß die Gerte,
Und sausend flogen wir dahin am Wald
Und übers Blachfeld, wo der Heidegrund,
Elastisch, Flügel unsern Rennern lieh,
Dem alten Kloster zu, das halb zerstört,
Von Schwalben nur bewohnt und wilden Tauben,
Im wald'gen Kessel lag. Zum Reden gab
Der hast'ge Ritt nicht Zeit, doch trunken hing
Mein Blick am Bild der schönen Reiterin,
Wie sie in ihres Stamms entfesselter
Nomadenlust den biegsam schlanken Leib
Im Sattel wiegt' und jauchzt' und wilder stets,
Den Schleier hoch im Wind, voraus mir flog,
Bis wir die Schlucht erreicht. Doch als ich dort
Absaß und langsam nun hinab am Zaum
Ihr türkisch Grauroß führte durchs Geröll,
Da hub sie plötzlich an: Nicht wahr, Gregor,
Ihr meint es gut mit mir, ich darf Euch traun,
Und schweigen könnt Ihr auch?
                                                »Gewiß.«
                                                                Ich bin
So gar allein. Der Ohm ist Sechzig bald
Und mit Geschäften ewig überhäuft,
Die Bas' ein Gletscher. Schwestern hab' ich nicht,
Auch keinen Freund, Gregor, wenn Ihr's nicht seid,
Und jemand muß ich's sagen, wenn ich nicht
Ersticken soll an meinem Glück.
                                                »Marie!
Um Gott, Ihr liebt? Denn so spricht Liebe nur.«
Sie schlug die seidnen Wimpern langsam auf
Und nickte nur und glühte. Vor uns lag
Des Klosters Pforte jetzt, umrankt mit Wein,
Von riesigen Platanen überwölbt.
Helft mir vom Pferde, sprach sie, dort im Grün
Sag' ich Euch mehr. Und bald auf mächt'gem Block,
Den Jahr um Jahr mit goldnem Samt gepolstert,
Mir gegenüber saß sie, Gert' und Hut
Im Schoß nachlässig, und indes umher
Die Rosse grasten und des Taubers Gurren
Vom Wipfel scholl, erzählte sie:
                                                Ich kannt' ihn
Aus meiner Kindheit her, da ich am Don
Noch bei der Mutter wohnt' auf unserm Gut.
Er war des Priesters Sohn und mein Genoß
In Lehr' und Spiel, in allem mir voraus,
Doch freundlich stets zu mir, obwohl die Knaben
Im Dorf ihn fürchteten; denn er bezwang
Die Stärksten selbst. Im Winter, wenn der Schnee
Um Mittag knisternd blinkte, fuhr er mich
Im leichten Schlitten windschnell durch den Park
Und schnallt' auf festgefrornem Teich die Eisen
Mir an zum Lauf, und jauchzend saust' ich dann
An seiner Hand die blanke Fläch' entlang.
Zu Neujahr bracht' er Heil'genbilder mir,
Geweiht vom Bischof, und am Osterfest
Die schönsten Eier stets mit Kreuz und Lamm.
Doch wenn's in Wald und Garten Frühling ward
Und grün die Steppe wie ein wellig Meer
Sich dehnte, ging die rechte Lust erst an;
Wir haschten Falter, sonnten uns im Gras
Und sahn im Blau die wilden Schwäne ziehn.
Verzauberte Prinzessen nannt' er sie,
Und wundervolle Märchen wußt' er dann
Mir zu erzählen, daß ich atemlos
Ihm lauscht' und satt nicht ward. Auch half er mir
Im Garten bei den Blumen gern und pflanzte
Ins Mohnbeet kunstreich meinen Namenszug,
Ein blühend M in Purpurrot und Blau.
Und wenn ins Feld wir schweiften, lehrt' er mich
Des Finken Lockruf und den Drosselschlag,
Und zeigte mir der Wachtel Nest im Korn.
Sein Mantel ward im Forst mein Sitz, sein Arm
Trug durchs beschilfte Ried mich, daß ich nicht
Die feinen Stiefel netzte, kurz, er wußte
Mir stets zu dienen, ohne daß ich bat.
Und fiel mir etwas schwer, so sprach er nur
Mit klarer Knabenstimme: Laß doch mich!
Und was ich wünschte, war im Nu getan.
Ich aber nahm das alles hin, als könnt' es
Nicht anders sein, und dankt' ihm kaum dafür.

Da starb die Mutter, sieben Jahre sind's,
Und unter Tränen zog ich fort und kam
Hieher zum Oheim. Doch, wie Kinder sind,
Vom Reiz des Neuen leicht zerstreut und ganz
Erfüllt vom Gegenwärt'gen, lebt' ich bald
Im kleinen Glück und Leid des Tages wieder,
Und blaß im Nebel hinter mir verschwamm,
Was früher war. Der Mutter Bild allein
Blieb hell in mir. An Boris dacht' ich kaum;
Nur manchmal träumt' ich noch von ihm, doch kam's
Nicht oft und wie ein Wetterleuchten bloß,
Das aufzuckt und verschwindet ohne Spur.
Da hört' ich plötzlich, vor'gen Winter war's
Um Faschingszeit, er dien' im Heere jetzt
Und sei als Stabskurier mit eil'ger Botschaft
Hieher entsandt. Ich freute, wie ein Kind,
Mich auf das Wiedersehn, doch hatte dran
Die Neugier mit der Freundschaft gleichen Teil,
Vielleicht im stillen auch die Lust, mich ihm
Im vollen Schmuck zu zeigen, die er nur,
Ein unreif Ding, in ländlich schlichter Tracht
Bisher gesehn; was weiß ich's heut? – Genug,
Er kam, wir hatten Ball, und er war da.

Ich hätt' ihn kaum erkannt, so schlank und hoch,
So männlich stand er da im schimmernden
Ulanenkleid, gebräunt vom Sonnenstrahl
Des Kaukasus; doch harrt' ich lang umsonst.
Er schien mich nicht zu sehn, und als er endlich
Herantrat, zaudernd, war's, als läg' auf ihm
Ein fremder Zwang, der, wie er steif mich grüßte,
Auch mich befing. Wir sprachen dies und das
Von heut' und gestern, wie's Gesellschaftsbrauch,
Und suchten selbst zu scherzen, doch wir fanden
Den alten Ton nicht mehr. Auch als er drauf
Zum Tanz mich führte, blieb er stumm und herb;
In sich versunken, statt mir ins Gesicht
Zu blicken, starrt' er in den Glanz der Kerzen,
Und wenn, vom Strome der Musik gewiegt,
Im raschen Takt wir durch die Reihen flogen,
Eiskalt in meiner fühlt' ich seine Hand.
Fast war ich froh, als Geig' und Flöte schwieg,
Und mich die Bas' entsandte, frische Sträußer
Beim Gärtner zu bestellen. Draußen erst
Besann ich mich, daß er mit keinem Wort
Der alten frohen Zeit am Don gedacht,
Und grollt' auf ihn, und fremdzutun gleich ihm
Entschlossen war ich, als ich wiederkam.

Da, wie ich rasch empor die Treppe sprang,
Riß mir das Band am Schuh. Ich schlüpfte sacht
Ins Seitenzimmer, dort den Fehl zu bessern,
Doch eingeschnürt in Seiden, wie ich war,
Behängt mit Schmuck und Spitzen, müht' ich mich
Vergebens ab, und hilflos brach ich fast
In Tränen aus. Da schreckt' ein leicht Geräusch
Mich jählings auf und – er war neben mir.
Marie Paulowna, sprach er, laßt doch mich!
Und eh' ich's weigern konnte, kniet' er schon
Und hatt' es rasch beschickt. Ich stand verwirrt,
Umsonst ein scherzend Wort des Danks noch suchend,
Da fühlt' ich plötzlich, daß ein heißer Kuß
Den Fuß mir sengte; wie ein Feuerstrom
Schoß mir's ans Herz und zürnend wollt' ich fliehn;
Doch konnt' ich's nicht; denn als er sprachlos jetzt,
Bleich vor Erregung, nur mit stummem Flehn
Das Auge zu mir aufschlug, las ich drin
Das glühendste Geständnis, wie's kein Wort
Je fassen mag, und überwältigend
Durch meine Blindheit brach's, wie Sonnenlicht.
Nun wußt' ich plötzlich, daß er mich geliebt
Von Jugend auf, daß all' sein Frost vorhin
Ein Kampf nur war, die tiefe Glut zu bergen,
Und daß nun ein glückselig Ungefähr
Zusammen uns geführt auf immerdar.
Ein Wonnetaumel fiel mich an, ein Rausch,
Und lachend, jauchzend, weinend, wie ein Kind,
Lag ich an seiner Brust, bis die Musik
Uns enden hieß, die zur Mazurka rief.
Wie anders schwebt' ich jetzt an seinem Arm
Durchs Lichtermeer des Saals, das Herz geschwellt
Vom seligsten Triumph! Wie anders strömt'
Ihm jetzt das Wort, und was das Wort nicht sprach,
Das sprach der Blick, der warme Druck der Hand.
Ein Glück nur, daß die Base, dicht umdrängt
Vom Kreis des Hofes, mein nicht achtete.
Sie hätte sonst mein strahlend Glück gesehn
Und rasch vernichtet. Ach – ihr kennt sie ja,
Die keinen Willen duldet neben ihrem,
Und kennt den Zwang. dem ich mich fügen muß.

Drei Tage blieb er, und wir sahn uns viel,
Im Saal vor aller Welt und insgeheim
Im Garten, wo die Veilchen dufteten,
Wenn tief im Blau des Halbmonds Sichel schwamm.
In solcher Frühlingsnacht auch, Lieb' und Treu'
Auf ewig uns gelobend, schieden wir
In bittern Schmerzen. Aber größer war
Das Glück, das er zurück mir ließ. Und heut' –
Das ist's, Gregor, was mich nicht schweigen ließ –
Heut' schreibt er mir, daß er am Kaukasus
Beim Lagersturm die erste Schanze nahm.
Zwei Jahre noch, so wird er Oberst sein
Und holt mich heim. Was sind zwei Jahre denn,
Wenn man so jung noch ist, Gregor, wie ich,
Und liebt!
                Sie schwieg, und wie sie jetzt den Blick
Glückstrahlend zu mir aufschlug, Stirn und Haar
Vom letzten Abendgoldlicht überströmt,
Das durch die Zweige brach, erschien sie mir
Verklärt fast, wie das Bild der Hoffnung selbst.
Mit treuem Handschlag dankt' ich ihr und hub
Sie ehrerbietig dann aufs Grauroß wieder,
Die nun als Braut vor meiner Seele stand.
Und durch die Felder, drauf im Dämmerschein
Noch sommerlich, wie leiser Geigenton,
Das Nachtlied der Zikaden schwebte, ritten
Wir beide still und voll Gedanken heim.

Am nächsten Morgen war der Ohm zurück
Und alles ging im alten Gleis. Marie
Blieb still und heiter nach wie vor. Wir sahn
Uns kaum allein, und nur ein Blick bisweilen,
Ein rasch geflüstert Wort gemahnte mich
An ihr Geheimnis. So verging der Herbst.
Man zog zur Stadt, und bald darauf entführte
Ein wicht'ger Auftrag mich nach Petersburg,
Der wochenlang mich dort gefesselt hielt.

Erst gegen Weihnacht kam ich heim. Ich fand,
Als ich sofort mich vorzustellen ging,
Das Haus im Festschmuck, Pforten und Gesims
Bekränzt mit Wintergrün, die Dienerschaft
Im reichen, goldbetreßten Galakleid,
Das Vorgemach voll Weihrauchduft. Was gibt's?
Frug ich den Pförtner –
                                    Je, so wißt Ihr's nicht?
Marie Paulowna hält Verlobung heut'. –
Marie Paulowna, sagst du? –
                                            Ja, wer sonst!
Die Nichte unsres Herrn –
                                        Verlobt? mit wem?
Sag an! –
                Ei nun, sie darf zufrieden sein.
Der alte Staatsrat führt sie heim, Ihr wißt,
Der reiche Hinkfuß aus der Krim, der stets
Vierspännig fährt. An dreizehntausend Seelen
Bringt er ihr zu. Beliebt nur einzutreten!
Die Feier ist vorüber, und Ihr kommt
Zum Glückwunsch eben recht.
                                              Ich starrt' ihn an
Als wie vom Blitz betäubt, doch faßt' ich mich
Und schritt hinauf. Im Saale brannten schon
Die hohen Kerzen und es wogte rings
Ein Schwarm von Gästen summend durcheinander.
Da trat die Wirtin lächelnd auf mich zu:
Willkommen hier, Gregor! Ich weiß, Ihr nehmt
An unserm Glücke teil. Nun darf Marie
Der Sorgen ledig in die Zukunft sehn.
Der Staatsrat ist ein Ehrenmann; er warb
Bei mir zuerst, mit Freuden sagt' ich Ja,
Und herzlich dankt sie mir's, das teure Kind.
Nur kam es fast zu rasch und hat sie mehr,
Als nötig war, erregt. So spürt sie heut'
Ein wenig Kopfweh, das sie zaghaft macht,
Doch morgen wird sie blühn wie eine Rose.
So plauderte die Dame, daß ich nicht
Zu Worte kam und nur mit stummem Gruß
Zurücktrat ins Gewühl. Da streifte mich
Mein alter Freund Euchar. Welch freudlos Fest
Kommst du zu feiern, raunt' er mir ins Ohr,
Die arme Braut! Wie hat sie sich gesträubt
Vor diesem Unglücksbund! Man sagt sogar,
Sie wollt' entfliehn, allein ihr Fluchtversuch
Mißlang, und wehrlos endlich, mattgequält,
Ergab sie sich in alles. –
                                    Zaudernd sucht' ich
Marien jetzt und fand sie. Angehaucht
Von Marmorblässe, regungslos, die Wimpern
Gesenkt, daß man die Spur der Tränen nicht
Gewahre, stand sie da, den Kranz im Haar,
Im weißen Brautkleid Iphigenien ähnlich,
Da zum Altar sie schritt. Und neben ihr,
Sein höflichst Lächeln um den welken Mund,
Zum Jüngling aufgestutzt, der lahme Greis,
Gewandt mit stets bereitem Flüsterwort
Ihr Schweigen deckend und den üblichen
Glückwunschtribut als Leu des Tags empfangend.
Ich trat heran. Sie reichte zitternd mir
Die kalte ringgeschmückte Hand und sah
Mich wie um Mitleid flehend an, indes
Ihr Bräut'gam mich mit einer lauen Flut
Gewählter Phrasen überschüttete
Und mir sein Glück und seine Güter pries.
Erschüttert eilt' ich fort.
                                    Am andern Tag
Hieß es, Marie sei krank, ein hitzig Fieber
Hab' über Nacht sie plötzlich heimgesucht,
Sie red' im Irrsinn, und der Arzt des Hauses
Befürchte für ihr Leben. Wochenlang
Lag sie darnieder so. Ich hätt' ihr fast
Den Tod gewünscht; doch ihre Jugendkraft
Bezwang die Wut des Übels. Sie genas
Und – alles blieb beim alten.
                                          Als die Hochzeit
Gefeiert wurde, war ich fern bereits,
Vom schönen Süden nach Paris versetzt,
Und lange Jahre blieb ich ohne Kunde
Von allem, was Mariens Los betraf.
Da sprach ein Maler, der aus Moskau kam,
Nicht ahnend, daß sie einst mich Freund genannt,
Mir wiederum von ihr. Sie leb', erzählt' er,
Wie eine Fürstin dort, noch immer schön,
Hoch angesehn als Schützerin der Kunst
Und viel umfreit als kinderlose Witwe,
Doch jedes Zeichen wärm'rer Huldigung
Stolz von sich weisend. Nur ein General,
Einst der Tscherkessen Geißel, dürfe sich
Des Vorzugs rühmen, ihr vertraut zu sein,
Ein schweigsam ernster Kriegsmann, vor der Zeit
Im Feld ergraut und unvermählt gleich ihr.
Ob er sich Boris nannt', erfuhr ich nie.

 


 


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