Emanuel Geibel
Gedichte
Emanuel Geibel

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An den König von Preußen.

Dezember 1842.

            Ich habe nie nach Gunst gerungen,
Ich sang allein, was ich gemußt;
Wie Rosen, frisch dem Lenz entsprungen,
So brach's hervor aus meiner Brust.
Und fröhlich streut' ich in die Winde
Die leichte, reiche Blumenpracht;
Ob sie der Freund, der Tadler finde,
Ich hab' es nie zuvor bedacht.

Doch dir, o Fürst aus edlem Stamme,
Der treu vor Gott sein Volk regiert,
Den schöner noch des Geistes Flamme
Als seiner Väter Krone ziert,
Auf den, wenn sich die Wolken schwärzen,
Als Leuchtturm schauet Deutschlands Kern;
Wie dank' ich dir aus tiefstem Herzen,
Wie dank' ich alles dir so gern!

Was ich in unsrer Wälder Stille,
An Hellas' Strand umsonst begehrt,
Das hat dein königlicher Wille
Aus freien Hulden mir gewährt:
Du gabst ein Leben mir, vom Staube
Des niedern Marktes unberührt,
Ein Leben, wie's im grünen Laube
Der freie Vogel singend führt.

So helfe Gott mir, daß ich walte
Mit Ernst des Pfundes, das mir ward,
Daß ich getreu am Banner halte
Der deutschen Ehre, Zucht und Art.
Fern von dem Schwarm, der unbesonnen
Altar und Herz in Trümmer schlägt,
Quillt mir der Dichtung heil'ger Bronnen
Am Felsen, der die Kirche trägt.

Nicht, daß mir drum in Nacht versunken
Die Welt und ihre Schönheit sei,
Nein! Wer aus jenem Born getrunken,
Dem ward erst ganz die Lippe frei.
Sein ernster Mut mag fröhlich scherzen,
Des Grundes, drauf er steht, bewußt;
Er trägt erblüht im reinen Herzen
Den Rosengarten jeder Lust.

Und wo die grimmsten Qualen bluten,
In jeden Abgrund schaut er kühn,
Sieht er doch ob den finstern Fluten
Den Bogen der Versöhnung glühn.
Den Fluch, den Ödipus entsandte,
Er zeugt ihn neu aus heiterm Sinn,
Und schreitet unversehrt wie Dante
Selbst durch der Hölle Flammen hin.

So laß mich stehn, so laß mich ringen,
Und so durch Wonn' und Jammer gehn!
Kein eitel Spielwerk ist mein Singen,
Ich spür' in mir des Geistes Wehn.
Und ob auch der Vernichtung Tönen
Der Haufe rasch entgegenflammt:
Zu baun, zu bilden, zu versöhnen,
Fürwahr, mir dünkt's ein besser Amt.

Ob jemals ich den Kranz gewinne,
Des Dichters Preis, wer sagt es an!
Steil ragt empor des Ruhmes Zinne,
Und kaum betrat ich erst die Bahn.
Doch rührt von jenen dunkeln Zweigen
Ein Blatt auch nur die Stirne mir:
Der Mutter sei's geweiht zu eigen,
Dem deutschen Vaterland, – und dir.

 


 


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