Emanuel Geibel
Gedichte
Emanuel Geibel

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Die junge Nonne.

        Ach Gott, was hat mein Vater, was meine Mutter gedacht,
Daß sie mich zu den Nonnen in das Kloster gebracht!
Nun darf ich nimmer lachen und muß im Schleier gehn,
Und darf kein liebend Herze mein Herze verstehn.

Sie haben abgeschnitten mein langes schwarzes Haar,
Hat keiner sich erbarmet meiner sechzehn Jahr;
Ich bin schon so betrübt und bin doch noch so jung,
Und hat die Welt der Freuden doch für alle genung.

An meiner Zelle Fenster bau'n die Vögelein,
Da möcht' ich oft mit ihnen so frei und lustig sein;
Ich höbe meine Flügel und fände wohl den Steg
Weit über alle Türme und Klöster hinweg.

Und wenn der Abend dämmert und dunkelt die Nacht,
Hab' ich vieltausendmal an meinen Schatz gedacht;
Nun bin ich eine Nonne, mein Schatz ist so weit,
Drum fließen meine Tränen allezeit.

Es fließen wohl die Wellen mitsammen in das Meer,
Es fliegen mitsammen die Vögel drüber her,
Der Tag hat seine Sonne, die Nacht den Sternenschein;
Nur ich muß alle Stunden einsam sein.

Ich wollt', sie läuteten im Kreuzgang erst um mich,
Und trügen mit den Kerzen mich still und feierlich;
Da wär' ich los auf einmal von aller Not und Pein,
Und dürfte mit den Engeln wieder fröhlich sein.

 


 


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