Emanuel Geibel
Gedichte
Emanuel Geibel

 << zurück weiter >> 

Zwei Psalmen.

1.

        Aus diesem Tal des Kummers
Vernimm, o Herr, mein Flehen!
Voll Angst, beraubt des Schlummers,
Lieg' ich die Nacht hindurch in heißen Wehen;
Durch mein Gebein rinnt irr ein fiebernd Grausen,
Die wilden Wasser gehen
Hoch über meine Seele hin mit Brausen.

Nicht weiß ich, wo ich bleibe,
Von Tränen strömt mein Bette;
Es ist an meinem Leibe
Gesundes nichts und nichts, was Frieden hätte.
Von Stöhnen heiser denk' ich meiner Fehle;
O rette, rette, rette
Aus dieses Jammers Abgrund meine Seele!

Wohl fühl' ich, ich bin schuldig,
Ich selbst, an meinem Schaden:
Doch du bist, Herr, geduldig,
Ein Heiland und ein Arzt von großen Gnaden.
Und wäre Sünde, rot wie Blut, die meine,
Du kannst mich lauter baden,
Daß ich wie frischgefallner Schnee erscheine.

Du kannst auch lösen wieder
Dies Leid, das mir geschehen,
Kannst die zerschlagnen Glieder
Aufrichten, daß sie fest wie Säulen stehen.
O birg dein Antlitz nicht zu dieser Stunde!
Für Recht laß Gnad' ergehen,
Daß ich am Geist, daß ich am Leib gesunde!

Sieh an mein qualvoll Schwanken
Gleich der verdorrten Blume;
Wie soll mein Staub dir danken,
So du der Gruft mich gibst zum Eigentume?
Die Toten schweigen deiner Herrlichkeiten;
Doch hell zu deinem Ruhme
Will ich mein klingend Harfenspiel besaiten.

O hilf, daß ich den Zagen
Dein gnädig Walten deute,
Und wie du Not und Klagen
In Reigen kehrst, und nimmst dem Tod die Beute.
Denn sanft im Säuseln kommst du nach dem Wetter;
O komm, o hilf auch heute,
Mein Fels und meine Burg, mein Hort und Retter!

2.

       

Nach schwerer Irrfahrt langen bangen Stunden,
Nun endlich hat die Schwalb' ihr Nest gefunden.

Sie baut im Vorhof an des Herrn Altären,
Das ist die Statt, da trocknen alle Zähren.

Da säuseln in den Palmen Heimatlüfte,
Da blühn die Lilien, Frieden ihr Gedüfte.

Da springt wie Silber klar der Born der Gnaden,
Die Seele trinkt und sie genest vom Schaden.

Die blutrot war von Sinnenlust und Grolle,
Wird rein wie Schnee und junger Lämmer Wolle.

Wo ist ihr Leid nun? Wie ein Traum zerronnen.
Wo bleibt ihr Seufzer? Er verging in Wonnen.

Ein Tag der Rast in diesen Säulenhallen
Ist mehr, denn draußen tausend Jahre wallen.

Und besser ist's, hier an den Schwellen wohnen,
Als in der Welt ob allen Reichen thronen.

 


 


 << zurück weiter >>