Emanuel Geibel
Gedichte
Emanuel Geibel

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XLII.

        Ich bin so lang in Berg und Tal
Gewandert manche Meile,
Daß ich auch möchte ruhn einmal,
Und wär's nur eine Weile.

Doch wo ich klopfe an die Tür
Und um ein Plätzchen bitte,
Da heißt es barsch: Was willst du hier
Mit deiner fremden Sitte?

Hier ist kein Amt und keine Zunft,
In die du könntest treten;
Die Welt ist kommen zur Vernunft
Und braucht jetzt keine Poeten.

*        

Und braucht die Welt der Lieder nicht:
Ich kann sie nicht entbehren;
Sie sind die Sterne, welche licht
Das Leben mir verklären.

Sie sind der Himmel, sind die Luft,
In der mein Wesen lebet,
Sie sind der ewige Rosenduft,
Der meinen Geist umwebet.

Sie sind mein Lenz, wenn weit und breit
Im Herbst die Blätter fallen,
Sie schlagen in trüber Winterzeit
Um mich als Nachtigallen.

Käm' ohne sie der Mai einmal,
Und käme selbst die Liebe,
Und brächten Wonnen sonder Zahl,
Mir deucht' es alles trübe;

Und sollten sie mir einst vergehn,
So will ich mich legen zu Grabe,
Und will nicht eher auferstehn,
Bis ich sie wieder habe.

 


 


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