Emanuel Geibel
Gedichte
Emanuel Geibel

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X.

        Ich bin die Rose auf der Au,
Die still in Düften leuchtet;
Doch du, o Liebe, bist der Tau,
Der nährend sie befeuchtet.

Ich bin der dunkle Edelstein,
Ans tiefem Schacht gewühlet:
Du aber bist der Sonnenschein,
Darin er Farben spielet.

Ich bin der Becher von Kristall,
Aus dem der König trinket;
Du bist des Weines süßer Schwall,
Der purpurn ihn durchblinket.

Ich bin die trübe Wolkenwand,
Am Himmel aufgezogen;
Doch du bist klar auf mich gespannt
Als bunter Regenbogen.

Ich bin der Memnon, stumm und tot,
Von Wüstennacht bedecket;
Du hast den Klang als Morgenrot
In meiner Brust erwecket.

Ich bin der Mensch, der vielbewegt
Durchirrt das Tal der Mängel;
Du aber bist's, die stark mich trägt,
Ein lichter Gottesengel.

 


 


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