Emanuel Geibel
Gedichte
Emanuel Geibel

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Distichen vom Strande der See.

Erster Tag.

1.
                        Jetzt erst bin ich zu Haus, ihr erquickt mir wieder die Seele,
    Laubduft, Wipfelgebraus, kühlender Atem des Meers.
 
2.
Seid mir, ihr Wogen, gegrüßt, grünmähnige Rosse Poseidons!
    Freudig dem Brudergeschlecht wiehert der Pegasus zu.
 
3.
Dir, o Brandung, vergleich' ich das Distichon, wie du heranrollst,
    Spritzend dich brichst und zurückbrausend dich selber verschlingst.
 
4.
Nicht mit Gedanken erfüllt der Natur vieldeutiger Laut mich,
    Aber er schwellt mir die Kraft, die den Gedanken erzeugt.
 
5.
Sieh, wie im Kampf mit dem Sturm schwerkeuchend das Dampfschiff hinstampft,
    Und den Titanen der Mensch durch den Titanen bezwingt.
 
6.
Feuer und Wasser und Wind, er bewältigt sie all, und gehorsam
    Über des Meers Abgrund tragen die Riesen ihn fort.
 
7.
Wo das Bedürfnis die Pfade sich schuf und die Lust am Gewinne,
    Braust in Funken und Rauch bald der Gedanke dahin.
 
8.
Tadle mir nicht das Geschlecht, das im Stoff wühlt! Rüstig die Quadern
    Haut es, aus denen der Geist einst sich den Tempel erbaut.
 
9.
Rasch wie der Wind umspringt, so wechseln das Herz und die Welle,
    Heut weitleuchtende Ruh, morgen chaotischer Sturm.
 
10.
Ob wie ein Spiegel die Woge sich dehnt, ob rasend emporschäumt,
    Ihre gewiesene Bahn wandeln die Sterne dahin.
 
11.
Harret nur aus! Zwar folgt auf den Fortschritt ewig der Rückschlag;
    Doch er verbraust und es bleibt immer ein Rest des Gewinns.
 
12.
Well' auf Welle zerrinnt, in die See rücktriefend, doch endlich
    Kommt die Siegerin auch, welche den Felsen zerbricht.
 
13.
Was langjährig ersehnt sich bereitet im Schoß der Gesamtheit,
    Plötzlich am Tag des Geschicks führt es der Genius aus.
 
14.
Nach Jahrhunderten zählt fortwandelnd der Geist der Geschichte;
    Sicher gelangt er ans Ziel, doch die Geschlechter vergehn.
 
15.
Mächtig getürmt aufs Meer hinschauen die Maler der Hünen,
    Doch nicht Rune noch Lied nennt dir die Schläfer im Grund.
 
16.
Wie die Welle verrauscht, so sind sie vorübergezogen;
    Von der verschollenen Zeit wissen die Gräber allein.
 
17.
Nur Grufturnen im Sand, Steinwaffen erzählen und Erzschmuck,
    Daß ein gewaltig Geschlecht hier wie um Ilion focht.
 
18.
Der mit der Steinaxt hier einstand für die Götter der Heimat,
    War er des Heldengesangs weniger wert als Achill?
 
19.
Auch die Kränze des Ruhms sind Gunst und Gnade der Götter,
    Die sie dem Glücklichen nur unter den Würdigen leihn.
 
20.
Schlaft, ihr Starken, in Ruh'! Wohl hat euch die Muse vergessen,
    Aber das ewige Meer rauscht euch den Schlummergesang.
 
21.
Unter dem Seegras blinkt die gediegene Träne des Bernsteins,
    Wie sie an Thules Gestad golden die Fichte geweint.
 
22.
Sinnend les' ich sie auf, die geronnenen Tropfen; so bliebt ihr
    Mir, zum Liede versteint, Tränen der Liebe, zurück.
 
23.
Jeglichem wurde das Recht zu lieben. Glücklich zu lieben
    Ist ein göttlich Geschick, das du aus Gnaden empfängst.
 
24.
Sonne der Liebe, du sankst; doch blieb dein dämmernder Abglanz
    Sanft mir, wie Mondesgeleucht, in der erinnernden Brust.
 
25.
Schön wie die Lilie war sie und hold, voll kindlicher Unschuld,
    Ach, und blühte mir nur kurz, wie die Lilien blühn.
 
26.
Will, stets wieder getäuscht, mir das Herz an den Menschen verzagen,
    Denk' ich dein, und beschämt glaub' ich und hoff ich aufs neu'.
 
27.
Froh noch weiß ich zu sein; doch heimlich in jegliche Freude
    Mischt sich der Schmerz: nicht mehr kann ich sie teilen mit dir.

Zweiter Tag.

1.
        Gern bei sinkendem Tag lustwandl' ich am Strande des Meeres,
    Weit und weiter hinaus lockt mich der Wellengesang.
 
2.
In dem Gebrause des Winds und der Flut eintönigem Rauschen
    Ahn' ich der Weltmelodie dunkel verhallenden Laut.
 
3.
Wie die Woge sich hebt und sich senkt mit wechselndem Schalle,
    Tut sich die stille Gewalt ewiger Rhythmen mir kund.
 
4.
Blieb ein Klang in der Tiefe zurück von der Leier des Orpheus,
    Als an Lesbos' Gestad einst sie die Woge gespült?
 
5.
Siehe die Schwalbe der See! Rasch abwärts schießend, im Schaume
    Netzt sie die Flügel und schwingt wonnig gekühlt sich empor.
 
6.
Immer verwegener streift sie die Tiefe – sie gleicht dem Gedanken,
    Der mit schauernder Lust an das Unendliche rührt.
 
7.
Wie den ermatteten Körper der Schlaf, so verjüngt ein erquickend
    Selbstvergessen in dir, Mutter Natur, uns den Geist.
 
8.
Tiefer dämmert's, die Ferne des Meeres zerfließt mit dem Luftkreis;
    Am Abgrunde des Raums glaubst du betroffen zu stehn.
 
9.
Aber der Vollmond steigt, er enthüllt dir die Grenzen des Himmels,
    Und aus brennendem Gold baut er die Brücke dir auf.
 
10.
Sieh, jetzt löst er sich ab, und gleich der zerschnittenen Goldfrucht
    Voll in der Luft und im Meer schwebt das gedoppelte Rund.
 
11.
Höher und höher entrückt, wird strahlendes Silber der Glutball,
    Steigend gewinnt er an Licht, was er an Feuer verlor.
 
12.
Ist er des Genius Bild, der wild in Flammen der Jugend
    Lodert, bevor er die Welt füllt mit geläutertem Glanz?
 
13.
Ruhlos treibt es den Schiffer aufs Meer, doch keiner genieß auch
    Ganz wie der Schiffer das Glück, wieder im Hafen zu sein.
 
14.
Wen sehnsüchtiger Drang nach den Wundern der Fremde hinaustrieb,
    Lernt in der Fremde – wie bald! – innigstes Heimatgefühl.
 
15.
Sagen erzählt mir die Flut bei des Leuchtturms nächtlicher Lampe:
    Hero wartet, und kühn wirft sich Leander ins Meer.
 
16.
Heil dir, mutiger Schwimmer! Dich treibt die unendliche Sehnsucht,
    Wage, dem Wagenden wird einzig das Höchste zuteil.
 
17.
Wenn du das Ufer erreichst, so empfängt dich der Arm der Geliebten,
    Ach und sie stirbt dir nach, wenn dich die Tiefe verschlang.
 
18.
Glücklich, um wen sich die Liebe verzehrt in unendlichen Tränen!
    Nur von keinem entbehrt scheiden ist bitterstes Los.
 
19.
Leuchtturmsfeuer und Vollmondsglanz und der Reigen der Sterne
    Über der brandenden See – welche bezaubernde Nacht!
 
20.
Wahrlich, sie gleicht dem Dichtergemüt, drin himmlische Strahlen
    Durcheinander versöhnt spielen mit irdischer Glut.
 
21.
Schwer nur reiß' ich mich los – doch sei's drum! Morgen im Frührot
    Weckst du zu neuem Gesang, baltische Muse, mich auf.

Dritter Tag.

1.
                Über das Meer herweht ein bezaubernder Odem der Fremde;
    Aber von Heimatsruh' rauscht am Gestade der Wald.
 
2.
Durch die Gebüsche verfolg' ich den Pfad; wie die Schlange des Märchens
    Tief in der Waldnacht Schoß lockt er verheißend mich fort.
 
3.
Wie die Buche sich hebt! So wipfelt deutscher Gedanke,
    Seiner Wurzel bewußt, kühn in den Himmel hinein.
 
4.
Kronlos ragt er empor, der vom Wetter zerklüftete Eichbaum,
    Doch im klaffenden Stamm haben die Bienen gebaut.
 
5.
Um den vermodernden Stumpf schwebt bunt in der Sonne der Falter;
    Arglos über dem Tod gaukelt die Freude dahin.
 
6.
Sacht mit dem Frühwind kost wie ein zärtliches Mädchen die Birke,
    Dem sein blitzend Geschmeid' bei der Umarmung entfällt.
 
7.
Hat es die Tanne gewahrt? Ernst rauschend fährt sie vom Traum auf;
    Zum holdseligen Spiel wiegt sie bedenklich das Haupt.
 
8.
Plötzlich steh' ich gebannt; wie ein feucht sehnsüchtiges Auge,
    Blaue Blume des Walds, siehst du bezaubernd mich an.
 
9.
Ach, ich kenne den Blick! So schlug ihn einst die Geliebte
    Unter dem Abschiedskuß lächelnd in Tränen empor.
 
10.
Schmachtend hielt er mich fest, und zuletzt mit geschlossenen Wimpern
    Riß ich mich los; nie sonst wär' ich dem Zauber entflohn.
 
11.
Zwischen den Stämmen erscheint grüngolden die sonnige Lichtung,
    Sieh, und im wuchernden Gras lagert das fleckige Reh.
 
12.
Aber es hat dich erblickt und zierlich schwebenden Sprunges,
    Rasch, wie das Glück dir entflieht, rauscht es davon ins Gebüsch.
 
13.
Köstliche Juniuszeit, wo bist du, da ich im grünen
    Waldeinsamen Revier singend zum Frieden genas?
 
14.
Damals stand ich beglückt auf der Höhe des Lebens. Bewußt schon
    Übt' ich die Kunst und empfand frisch wie ein Jüngling die Welt.
 
15.
Brüder noch hatt' ich und Freunde genug, und es schloß die geheilte
    Brust, mit sich selber versöhnt, jeglicher Hoffnung sich auf.
 
16.
Schritt ich hinaus in den Forst, wie rauscht' es und sang in den Wipfeln!
    Spielend ins werdende Lied wob mir die Muse den Schall.
 
17.
Wie das smaragdene Laub in Sommerlüften, so wogte
    Von der Begeisterung Hauch leise bewegt mir das Herz.
 
18.
Üppig grünender Wald, wer faßt es, daß dich nach wenig
    Monden, ein schwarzes Geripp, trauriger Nebel begräbt!
 
19.
Nimmer begreift der Gesunde die Krankheit, nimmer die Jugend,
    Daß ihr reiches Gemüt je zu verarmen vermag.
 
20.
Aber der Nordsturm braust und es fallen die Blätter. Wie viele
    Hat mir der Tod nun schon, hat mir das Leben geraubt!
 
21.
Altern ist einsam werden und die du liebtest begraben;
   Wohl dir, wenn dir ein Kind hold die Verlornen ersetzt!
 
22.
Winterlich wird's; im Kamin aufflammend knattert die Fichte,
    Träumend gedenkst du der Zeit, da sie im Walde gegrünt.
 
23.
Wie er gestürmt und geliebt, erzählt am Herde der Ahnherr,
    Aber dem Enkelgeschlecht deucht es ein Märchen zu sein.

 


 


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