Emanuel Geibel
Gedichte
Emanuel Geibel

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Distichen aus Griechenland.

I.
                      Die du die Burg dort oben bewohnst, blauäugige Pallas,
    Schau mit segnendem Blick auch auf den Sänger herab!
Zwar mir zeigte sich Eros geneigt, und der rosige Bakchos
    Blickt' aus dem Efeukranz schalkhaft verlockend mich an!
Doch du, Göttin, verleih zu dem Süßen das Maß und die Weisheit,
    Gib mir das stille Gemüt, recht zu genießen, dabei.
Liebt auch die Jugend den feurigen Rausch und den Taumel der Wonne,
    Ach, wie teuer erkauft oft sich die flüchtige Lust!
Doch wenn du die Begier mit lächelndem Ernste besänftigst,
    Wie mit frommer Musik Orpheus den Löwen gezähmt;
Nimmer entheiligt das Mahl alsdann der vergossene Becher,
    Nimmer betroffenen Blicks glühen die Mädchen vor Scham.
Sondern es wandelt im Kreis mit Blumen umwunden die Zither
    Und um das freundliche Fest schlingt sich der Grazien Tanz.
Dann erst wird der Genuß zum Genuß, und die Blüte der Freude
    Treibt als schwellende Frucht manches begeisterte Lied.
 
II.
Fleißig blättr' ich die Alten mir durch, dann sinn' ich auf Lieder,
    Blättre wieder, und so fliehn mir die Stunden dahin.
Glücklicher Doppelgenuß! Kaum weiß ich, ist das Empfangen
    Süßer, ist's das Gefühl, selber ein Dichter zu sein.
Aber ich flehe zu euch, ihr Götter, erhaltet mir gnädig
    Jenen beweglichen Sinn, der sich auf beides versteht!
Laßt wie die Biene mich sein, die bald in der Rose sich festsaugt,
    Bald den gewonnenen Saft emsig in Honig verkehrt!
 
III.
Jubeln am Morgen die Lerchen und dehnt in heiterer Bläue
    Über des üppigen Tals Wipfeln der Himmel sich aus:
O wie erfreut mich alsdann Homers anmutige Klarheit,
    Wie bewegt mir alsdann Sophokles' Würde das Herz!
Doch wenn spät in der Nacht durch dämmernde Nebel der Mond scheint,
    Und, vom Zuge berührt, zittert die Flamme des Herds,
Sei Ariost mir gegrüßt, der Poet buntfarbiger Märchen,
    Und in phantastischen Traum wiege mich Calderon ein.
 
IV.
Was ich bin und weiß, dem verständigen Norden verdank' ich's,
    Doch das Geheimnis der Form hat mich der Süden gelehrt.
 
V.
Auch dem beschwerlichsten Stoff noch abzugewinnen ein Lächeln
    Durch vollendete Form strebe der wahre Poet.
Kummer und Gram sei'n schön, vom erhabenen Rhythmus besänftigt,
    Selber der Brust Angstschrei werde dem Ohr zur Musik.
Und der versehrende Pfeil des Gespötts, in die Woge der Anmut
    Sei er getaucht, klangvoll werd' er vom Bogen geschnellt.
 
VI. Ebene von Marathon.
Halb von öden Gebirgen umkränzt streckt Marathons heil'ge
    Talflur gegen des Meers schimmernde Bucht sich hinab.
Feierlich schweigt es umher, stumm kreisen die Adler, und einsam
    Über dem weiten Gefild schwebt der Gefallenen Ruhm.
 
VII. Chelidono.
Wo die Platane sich riesig erhebt im Schatten der Waldschlucht,
    Ragt in Trümmer bereits fallend das Kloster empor;
Längst ist der Mönche Gesang in der Kirche verhallt, und es duftet
    Weihrauch nimmer, des Chors ewige Lampe verlosch;
Aber der Quell, der kühl am Altar aufsprudelt, erquickt noch
    Häufig den Wandrer, er spricht dankend ein kurzes Gebet.
 
VIII. Grab des Themistokles.
Wo am zackigen Fels das Gewog sich brandend emporbäumt,
    Senkten die Freunde bei Nacht heimlich Themistokles' Leib
In heimatlichen Grund. Festgaben und Totengeschenke
    Brachten sie dar, und es floß reichlich die Spende des Weins.
Aber den Zorn des verblendeten Volks kleinmütig befürchtend,
    Stahlen sie leise sich heim, ehe die Dämmrung erschien.
Denksteinlos nun schlummert der Held. Doch drüben im Spätrot
    Ragt ihm, ein ewiges Mal, Salamis' Felsengestad.
 
IX. Villa bei Melanes auf Naxos.
Wie sich der Garten in Duft und Dämmrung hüllt! Der Orangen
    Saftige Wipfel verstreun liebliches Dunkel umher.
Weithin streckt sich der Pinie Dach, aus Silberoliven
    Heben das säuselnde Haupt schlanke Zypressen empor.
Durch Weinlauben hinaus führt stattlich zur Villa die Treppe,
    Aber des freundlichen Baus weite Gemächer sind leer.
Könnt' ich doch hier, entfernt von der Welt, mit der Jugendgeliebten
    Einmal grüßen den Lenz, wann er mit Blüten sich schmückt,
Oder in Muße den goldfruchtbringenden Herbst hinträumen,
    Nichts als Lieb' und Gesang in der beruhigten Brust!
 
X. Aperanthos auf Naxos.
Ja, das heiß' ich fürwahr Dionysos' heilige Stätte!
    Üppiges Traubengeländ' kränzt das gesegnete Tal.
Jeglicher Abhang triefet von Wein; um die Giebel der Häuser,
    Um der Kastanien Schaft schlingt sich das grüne Gerank.
Horch, schon wandelt der bacchische Zug; schwarzäugige Jungfraun
    Führen den Reihn, du vernimmst Zithern und Paukengetön.
Jener erglühende Greis auf dem Esel, er scheint mir Silenos;
    Folgt nicht, die Schläfe bekränzt, bald mit den Panthern der Gott?
Aber indes nicht lässig, o Schenk! Frisch, walte des Amtes,
    Mit dem ambrosischen Trank fülle den weiten Pokal!
 
XI. Jahreszeiten in Athen.
Nimmer den Sommer verweil' in Athen! Glutvollen Schirokko
    Atmest du dann, und der Geist senket die Flügel verzagt.
Doch wann segnend der Herbst in rötlichem Duft durch die Berge
    Wandelt, und am Felshang tiefer die Traube sich bräunt,
Wann der Ilissos rauscht und die neuaufgrünende Talflur
    Zwischen dem Ölwald bunt mit Anemonen sich schmückt,
Welche Wonne gewährt es alsdann, mit dem Freunde der Jugend
    Auf den kolonischen Höhn unter den Blumen zu ruhn,
Oder durchs Marmorgebälk goldrostiger Säulen des Himmels
    Leuchtendes Blau, einsam, stillen Gemüts zu beschaun!
 
XII.
Freundlicher Greis, hab' Dank! Du erquicktest die durstigen Wandrer,
    Die auf felsigem Steig deiner Behausung genaht.
Selbst zwar arm, doch ludest du uns in des grünenden Weindachs
    Schatten und brachtest uns gern, was du besaßest, herbei;
Sorglich lasest du selbst im Garten die saftigsten Trauben,
    Aus dem erfrischenden Quell schöpftest du selber den Trunk.
Freundlicher Greis, hab' Dank! Zwar schlugst du das Gegengeschenk aus,
    Aber den segnenden Wunsch halt' ich vergebens zurück:
Möge der Stock dir blühn von den köstlichsten Beeren, und täglich
    Streue der Palme Gezweig dichteren Schatten umher.
Nimmer versiege der labende Quell, und nimmer im Fasse
    Gehe der Weizen dir aus, nimmer im Kruge das Öl;
Doch uns möge der Wanderer Gott noch oft es gewähren,
    Solch ein traulich Gemüt wiederzufinden wie deins!
 
XIII.
Viel zu wissen geziemt und viel zu lernen dem Dichter,
    Ach, für seinen Beruf deucht mir das Leben so kurz.
Denn er kenne die Welt und ihre Geschichten, er gehe
    Bei den Alten mit Lust wie bei den Neuen zu Gast.
Fremde Länder und Sprachen erforsch' er mit willigem Eifer,
    Sei im Norden und sei unter den Palmen zu Haus.
Aber vor allem versteh' er das Herz und die ewige Leiter
    Seiner Gefühle: die Lust kenn' er und kenne den Schmerz.
Was aus Säul' und Gemälde dich anspricht, wiss' er zu denken,
    Was dir des Waldes Geräusch flüstert, er fass' es ins Wort.
Kunst und Natur und Welt und Gemüt, er beherrsche sie alle:
    Aber der Tor nur verlangt, daß ein Gelehrter er sei.

 


 


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