Emanuel Geibel
Gedichte
Emanuel Geibel

 << zurück weiter >> 

Ostseelieder.

1.

        Als ich jung war, da trieb's mich
Über Land, über Meer,
Mit den Schwalben zu wandern,
War all mein Begehr.

Und das Land der Zitronen,
Und die marmornen Höhn,
Und die Palmen von Hellas
Nur deuchten mir schön.

Doch die Unrast der Jugend,
Wie schwand sie dahin!
Heimkehrte der Mann
Mit verwandeltem Sinn.

Jetzt weiß ich, was tiefer
Genügen mir schafft:
In den Boden gewurzelt
Zu üben die Kraft,

Zum Gesange zu reifen,
Was still mich durchglüht,
Und ein Echo zu wecken
Im deutschen Gemüt.

Und ob ich im Lied wohl
Die Fremde noch grüß',
Doch ist wie die Heimat
Kein Land mir so süß.

Wo der Buchenwald rauscht
Und der Dorn blüht am Zaun
Und ins Meer geht die Trave,
Laßt Hütten mich baun!

2.

        Schon lichten sich umher
Im Buchenforst die Steige,
Ein wunderfrischer Hauch
Läuft flüsternd durch die Zweige.

Und plötzlich dunkelblau
Gleichwie aus Stahl gediegen
Seh' ich dich, heil'ges Meer,
Zu meinen Füßen liegen.

Sei mir gegrüßt, o Flut!
Mit sehnsuchtvollen Schlägen,
Wie einer Mutter, schwillt
Dir meine Brust entgegen.

Wie oft auf deinem Schoß
Hast du gewiegt den Knaben,
Wie oft sein kindisch Spiel
Geschmückt mit bunten Gaben!

Und als der Jüngling dich
Gesucht in schweren Tagen,
Hast du sein Herz gestählt
Zum Tragen und zum Wagen;

Hast am Unendlichen
Sein endlich Leid ihn messen
Gelehrt und im Gesang
Des bangen Muts vergessen.

O sei mir hold auch heut
Und laß mich wie vor Jahren
Die Wunder deines Sturms
Und deiner Still' erfahren,

Daß ich Genesungslust
Aus deinem Odem trinke,
Und all mein Herzeleid
In deinen Grund versinke!

3.

        Im Mittag glänzt die Sonne,
Es schweigt die See und ruht;
Blaugrün wie eines Pfauen Hals
Herschillert ihre Flut.

Ich lieg' auf warmer Düne,
Vom feuchten Hauch gekühlt,
Und kann nicht satt mich schauen,
Wie Farb' in Farbe spült;

Wie blendend ihre Schwingen
Die Möwe senkt und hebt,
Und traumhaft fern am Horizont
Des Dampfschiffs Säule schwebt.

4.

        Wenn überm Meer das Frührot brennt
Und alle Küsten rauchen,
Wie lieb' ich dann ins Element
Befreit hinabzutauchen!

Tiefpurpurn schwillt um mich die Flut
Und zittert, Well' an Welle;
Mir deucht, ich bad' in Drachenblut
Wie Siegfried einst, der Schnelle.

Mein Herz wird fest, und wie es lauscht,
Von junger Kraft durchdrungen,
Versteht's, was Wind und Woge rauscht,
Und aller Vögel Zungen.

5.

        Ist das Spiel des Wassermanns
Gestern aus der Flut erklungen,
Oder war es nur der Wind,
Der so wunderbar gesungen?

Bald wie ferner Orgelschall,
Bald wie Äolsharfen tönen,
Floß die Weise durch die Nacht,
Jauchzend nun und nun mit Stöhnen;

Wie wenn tiefe Schwermut singt
Von vergangnen sel'gen Stunden,
Wie wenn Inbrunst sich zu Tod
Bluten will aus süßen Wunden.

Und ich lag und dachte dein,
Und zum Traumbild ward mein Sehnen:
Übers wilde Meer zu dir
Flog ich mit den zieh'nden Schwänen.

6.

        In blauer Nacht bei Vollmondschein
Was rauscht und singt so süße?
Drei Nixen sitzen am Möwenstein
Und baden die weißen Füße.

Es hat der blonde Fischerknab'
Gehört das Singen und Rauschen,
Ihm brennt das Herz, er schleicht hinab,
Die Feien zu belauschen.

Da sausen empor im Mondenlicht
Drei weiße wilde Schwäne –
Das Wasser spritzt ihm ins Gesicht,
Verklungen sind die Töne.

7.

        Ich lieg' in Träumen
Am Hünengrab
Und blick' aufs Schäumen
Der See hinab.

Mir klingt im Sausen,
Das fernher zieht,
Im Wogenbrausen
Ein uralt Lied.

Unwiderstehlich
Befängt's den Sinn
Und nimmt allmählich
Mich ganz dahin.

O Märchenwonne!
Die Seele ruht
Gelöst in Sonne,
In Wind und Flut,

Zurückgegeben
Ans Element,
Um mitzuleben,
Was keiner nennt.

8.

        Es rauscht das Meer gelinde,
Gewölkumschleiert sinkt der Tag,
Und lockend ziehn im Winde
Gesang und Harfenschlag.

O laß dich nicht bezwingen,
Wie sehnsuchtsvoll dein Herz erbebt!
Das ist der Meerfrau Singen,
Das überm Wasser schwebt.

Sie sang dieselbe Weise,
Da sie hernieder ins Gewog
Mit Liebesarmen leise
Den König Harald zog.

9.

        An der Bucht im Lotsenhause
Hab' ich mich zur Ruh' gelegt,
Wo der nahen See Gebrause
Wie Gesang ans Ohr mir schlägt.

Bei dem Schall der Wellenlieder
Wogt in eins, was fern und nah,
Und mir träumt, ich führe wieder
Auf der blauen Adria.

Goldfruchtdüfte der Levante
Flattern schon ins Schiff herein,
Schon aus Nebeln dämmert Zante
Übers Meer im Rosenschein.

Und das Schiffsvolk summt und flötet,
Und am Mast im Abendwehn
Seh' ich dich, vom Strahl gerötet,
Schottlands schlanke Tochter, stehn.

Wohl umleuchtet weit im Bogen
Uns der Wogen himmlisch Blau,
Aber blauer als die Wogen
Glänzt dein Auge, schöne Frau.

Lächelnd mir im Silberbecher
Reichst du Zyperns Traubenblut,
Und ich trink', ein sel'ger Zecher,
Wo dein süßer Mund geruht.

Und umwallt vom Lockengolde,
Drin der Seewind wühlt zum Scherz,
Scheinst du völlig mir Isolde,
Und wie Tristans schwillt mein Herz.

Töricht Herz, laß ab zu schwellen!
Halt die rasche Glut zurück!
Gaukelnd necken Wind und Wellen
Dich mit längst entschwundnem Glück.

10.

        Es liegt am öden Dünenstrand
Das Kloster halb zerfallen,
Um Gang und Stufen weht das Schilf,
Die Flut spielt in die Hallen.

Und wo die Pfeiler stehn im Schutt,
Da kreist bei Sturm und Stille,
Bei Tag und Nacht ein Möwenschwarm
Mit ängstlichem Geschrille.

Das sind die Seelen, glaubt das Volk,
Der Ursulinerinnen,
Die hier meineidig einst geschwelgt
Im frecher Lust der Sinnen.

Nun müssen sie mit Klageruf
Den morschen Bau umfliegen,
Bis einst die Stätten ihrer Schuld
Im Meer begraben liegen.

11.

        Sanft verglimmt des Tages Helle
Und, vom letzten Strahl geküßt,
Liegt die glatte Meereswelle
Wie geschmolzner Amethyst.

Kaum ein Lüftchen rührt die Schwingen,
Schweigen rings und Abendglut!
Nur der Fischer leises Singen
Schwebt verhallend auf der Flut.

Jetzt erstirbt's; ihr Nachen gleitet
Ohne Laut dem Hafen zu,
Und um meine Seele breitet
Sich dein Zauber, Meeresruh'.

12.

   Es pfeift mit hohlem Klange
Der Herbstwind übers Meer;
Ich sitz' am Dünenhange,
Mein Sinn ist trüb und schwer.

Zu meinen Füßen bäumen
Die Wellen ohne Ruh',
Sie bäumen und verschäumen,
Und träumend schau' ich zu.

Wie bald ist so zerronnen
Was dich bewegt, o Herz!
Ein Schaum nur deine Wonnen,
Ein Wogenschlag dein Schmerz.

13.

        Auf das Meer, das fernhinaus
Dunkelt wie von grünem Erze,
Fällt ein breiter Sonnenstreif
Durch des Sturmgewölkes Schwärze.

Sieh, und bunt von Strand zu Strand
Spannt sein Tor der Regenbogen;
Weiß besegelt unter ihm
Kommt ein Orlogschiff gezogen.

Deutsche Flagge, sei gegrüßt!
Steure kühn durch Wind und Welle,
Nacht und Wolken hinter dir,
Vor dir Sonnenaufgangshelle!

14.

   Nun kommt der Sturm geflogen,
Der heulende Nordost,
Daß hoch in Riesenwogen
Die See ans Ufer tost.

Das ist ein rasend Gischen,
Ein Donnern und ein Schwall,
Gewölk und Abgrund mischen
All ihrer Stimmen Schall.

Und in der Winde Sausen
Und in der Möwe Schrein,
In Schaum und Wellenbrausen
Jauchz' ich berauscht hinein.

Schon mein' ich, daß der Reigen
Des Meergotts mich umhallt,
Die Wogen seh' ich steigen
In grüner Roßgestalt,

Und drüber hoch im Wagen,
Vom Nixenschwarm umringt,
Ihn selbst, den Alten, ragen,
Wie er den Dreizack schwingt.

15.

        Nach dem Sturm am Himmelsrande
Schwebt der Mond um Mitternacht;
Langsam, schimmernd her zum Strande
Rollt die Flut und brandet sacht.

Ihre dumpfen Schläge mahnen
An ein Herz, das müde pocht;
Keine Spur mehr läßt dich ahnen,
Welch ein Chaos hier gekocht.

Sagt, wohin dies wilde Schwellen
Jauchzender Titanenlust? –
Wer begreift euch, Meereswellen?
Wer begreift dich, Menschenbrust?

 


 


 << zurück weiter >>