Emanuel Geibel
Gedichte
Emanuel Geibel

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XXXVIII.

O schneller mein Roß, mit Hast, mit Hast,
Wie säumig dünkt mich dein Jagen!
In den Wald, in den Wald meine selige Last,
Mein süßes Geheimnis zu tragen!

Es liegt ein trunkener Abendschein
Rotdämmernd über den Gipfeln,
Es jauchzen und wollen mit fröhlich sein
Die Vögel in allen Wipfeln.

O könnt' ich steigen mit Jubelschall
Wie die Lerch' empor aus den Gründen,
Und droben den rosigen Himmeln all
Mein Glück, mein Glück verkünden!

Oder ein Sturm mit Flügelgewalt
Zum Meere hinbrausen, dem blauen,
Und dort, was im Herzen mir glüht und schallt,
Den verschwiegenen Wellen vertrauen!

Es darf mich hören kein menschlich Ohr,
Ich kann wie die Lerche nicht steigen,
Ich kann nicht wehn wie der Sturm empor,
Und kann's doch nimmer verschweigen.

So wiss' es, du blinkender Mond im Fluß,
So wißt es, ihr Buchen im Grunde:
Sie ist mein, sie ist mein! Es brennt ihr Kuß
Auf meinem seligen Munde.

 


 


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