Emanuel Geibel
Gedichte
Emanuel Geibel

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Im Grafenschlosse.

I.
                  Sie waren alle in den Forst hinaus,
Den Hirsch mit Büchs' und Messer zu erlegen;
Ich saß allein im alten Grafenhaus,
Und harrt' im Saal der Jägerschar entgegen.
Ein fahles Spätrot floß gedämpften Lichts
Auf Wand' und Hausrat durch die engen Scheiben,
Rings Totenstill' umher! Ich hörte nichts,
Als vorn im Hof den Zugwind in den Eiben.

Die Spiegel rings in dumpfes Gold gefaßt,
Das Laubwerk am Gesims, einst vielbewundert,
Die düstern Samttapeten, halb verblaßt,
Mich mahnt' es an ein anderes Jahrhundert.
Die Spieluhr sang ein Lied aus alter Zeit,
Ein Liebeslied – jetzt lange schon vergessen –
Da dacht' ich derer, die in Lust und Leid
Bei diesem Stückchen horchend einst gesessen.

Und mit Gestalten füllt' ich mir den Saal,
Die dunkeln Bilder rief ich aus den Rahmen;
Hin durch die Dämmrung schwebten sie zumal,
In Festesputz, die alten Herrn und Damen.
Ich sah den Reifrock, das Brokatgewand;
Das war ein hastig flüsterndes Bewegen,
Ein Drehn! – Da fühlt' ich plötzlich eine Hand
Sich kalt wie Eis auf meine Schulter legen.

Ich wandte mich – bei Gott, das war kein Wahn! –
Da stand ein Weib mit Zügen bleich und steinern,
Mit schwarzverschoßnem Schleppkleid angetan,
Draus ihre Hand hervorsah elfenbeinern.
Sie sah mich an. – O dieser Blick voll Leid!
O dieses Auges halberloschnes Strahlen!
Mir war's, als starrt' ich in die Ewigkeit
Und in den Abgrund bodenloser Qualen.

Sie winkt' und schritt. Nicht hört' ich ihren Fuß,
Nicht ihrer Schleppe Saum den Teppich rühren.
Sie sprach kein Wort, sie sagte keinen Gruß;
Sie winkt', und tonlos sprangen auf die Türen.
Ich folgte stumm. Sie schwebte vor mir her
Durch Prunkgemächer, Treppen auf und nieder,
Durch Gänge dann und Säle wüst und leer –
Sie schritt, und sah sich um und winkte wieder.

Zum Erkerturm! Es war ein eng Gemach,
Gewölbt und dumpfig, eine düstre Stätte;
Ein Tischchen hier, drauf alter Goldschmuck lag,
Und hoch und faltig dort ein Himmelbette.
Dort stand sie still, und wies mit weißer Hand
Erst auf den Tisch, dann auf die staub'gen Dielen;
Ich beugte mich – o Gott, mein Sinnen schwand –
Ein Blutfleck war's, worauf die Blicke fielen.

Und schaudernd sah ich auf. Da war sie fort,
Wie Nebel in die leere Luft verschweben;
Ich aber stand gebannt am grausen Ort,
Und starrt' und wagte nicht den Fuß zu heben.
Mein Atem flog, mein Blut gefror zu Eis,
Da – Gott sei Dank – da hört' ich Hornfanfaren,
Gebell und Hufschlag; und in kaltem Schweiß
Stürzt' ich hinunter zu den Jägerscharen.

 
II.
Die Nacht war wild. Wir saßen am Kamin,
Der Kastellan und ich, noch spät beisammen;
Wir hörten, wie vom Turm die Dohlen schrien,
Und dann den Sturm, und schürten in den Flammen.
Da litt mich's nicht, ich mußt' es ihm gestehn,
Das düstere Geheimnis, das mich quälte;
Er sagte nur: So habt ihr's auch gesehn?
Und atmend horcht' ich, als er drauf erzählte:

»Sie war ein stolzes Weib, reich, schön und kalt,
Als Kind vermählt dem ungeliebten Gatten,
Von starrem Sinn, wo's Ehr' und Wappen galt,
An ihrem Rufe duldend keinen Schatten.
Ihr Auge gab Gebot dem Dienertroß;
Weh jedem, dem es finster Zorn geflammet!
Sie sang und lachte nie, sie zäumt' ihr Roß
Und ritt zu Wald im knappen Kleid von Sammet.

Ihr einzig Töchterlein war mildrer Art,
Voll frommen Sinns sich um die Mutter mühend;
In strenger Hut erwuchs sie hold und zart,
Wie ein Waldröslein unter Dornen blühend.
Ihr Haar war fließend Gold im Sommerwind,
Ihr Auge blau wie Blumen in den Ähren –
Mein Ältervater sah sie noch als Kind,
Und nannt' er sie, so war es oft mit Zähren.

Da kam des Pfarrers schöner Sohn ins Schloß,
Und anders plötzlich ward des Mädchens Wesen;
Bald war's ihr Glück, wenn sanft die Red' ihm floß,
Im dunkeln Rätsel seines Blicks zu lesen.
Sie liebt' und schwieg. Doch als im Mondenlauf
Der Lenz erschien und Veilchen weckt' und Blüten,
Da ging die Blüt' auch ihres Herzens auf
Sie liebt' und fiel. – Wer mag die Liebe hüten?

Stumm war der Gräfin Zorn, doch war er schwer.
Der Jüngling bat, die Tochter rang die Hände;
Umsonst! – da stürzt' er fort, aufs Roß, zum Heer,
Von Schlacht zu Schlacht, und niemand weiß sein Ende.
Doch als im Herbst am Fels die Traube schwoll,
Verschwand das Mädchen in des Turms Portale;
Dort floß ihr Leben still geheimnisvoll,
Ein dunkler Bach in sonnenlosem Tale.

Und Winter ward's. Da, einst im Dämmerstrahl,
Ging heimlich Flüstern in den nahen Zimmern,
Ein dumpfes Stöhnen, dann ein Schrei der Qual,
Und drauf ein Laut wie eines Säuglings Wimmern.
Dann schwieg's. Die Gräfin trat aus dem Klosett
Bleich wie der Tod. – O fragt nicht, was geschehen!
Die goldne Nadel auf dem Tisch am Bett,
Den Fleck am Boden habt ihr selbst gesehen.

Die Tochter siecht' und starb. In düstrer Pracht
Hielt ihr Begängnis man nach alter Weise:
Die Silberampeln flammten durch die Nacht,
Die Glocke scholl, schwarz stand das Volk im Kreise.
Da trat die Mutter vor, ein steinern Bild,
Ihr Auge brannte hohl, ihr Fußtritt irrte:
Sie legte auf des Sarges Wappenschild
Mit schwanker Hand die jungfräuliche Myrte.

Ein Jahr verging, und wieder floß ein Zug
Zur Gruft, im Fackelschein, im düsterroten:
Die Gräfin war's, die man zur Ruhe trug,
Doch Ruhe fand sie keine bei den Toten.
Denn wenn mit ihrem fahlen Dämmerschein
Im Spätjahr kommt die Zeit der Abendmette,
Da ruft der Blutfleck sie empor vom Schrein,
Und wandeln muß sie zu der Schauerstätte.«

Der Alte schwieg. Kaum wagt' ich aufzusehn
Vom Feuerbrand, in den ich stumm geschauet:
Mir war's, sie müßte wieder vor uns stehn
Mit jenem Blick, davor der Seele grauet.
Da plötzlich draußen schwoll der Sturm mit Macht,
Es pfiff im Rauchfang, rauscht' in den Tapeten;
Zur Kerze griff ich! Alter, gute Nacht!
Laßt uns für die verlorne Seele beten!

 


 


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