Emanuel Geibel
Gedichte
Emanuel Geibel

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Schulgeschichten.

                Wer jemals, war es noch so kurz, auf schmaler Bank
Am schrägen, vielzerschnittnen Tisch als Schüler saß,
Der kennt den Reiz von Schulgeschichten. Laßt mich denn
Der Art ein paar berichten! Aber du vergib,
Mein würd'ger Rektor, wenn ich heute scherzend dein
Im Lied gedenke, zürne nicht dem Übermut;
Nein, wenn noch Schatten lächeln können, lächle mit!
Noch seh' ich dich im langen Rock von braunem Fries,
Kniehoch gestiefelt, hager, auf dem Schulhof stehn,
Die Uhr in Händen, mit gestrengem Herrscherblick
Jedweden Lärm des allzulauten Knabenschwarms,
Jedweden Unfug dämpfend, bis des Glöckleins Ton
Vom Pappelplatz uns wieder in die Klassen trieb.
Dein ganzes Wesen – denn du nanntest nicht umsonst
Kant deinen Meister – trug des kategorischen
Imperativus Stempel; jede Miene war
Und jedes Wort unweigerlicher Machtbefehl,
Doch wohnt' in harter Schale dir ein weich Gemüt;
Denn wohl erinnr' ich's, wie beim herben Leidbericht
Vom frühen Tode Konradins, von Magdeburgs
Zerstörung plötzlich schluchzend dir die Stimme brach,
Erstickt von Tränen menschlich warmen Mitgefühls.
So stehst du fest in meiner Seel', ein würdig Bild.
Doch nun erzähl' ich, was ich lachend miterlebt,
Als du zerstreut einst, ohnedies ein wenig taub,
Geschichte wiederholtest und, den Blick aufs Buch,
Antwort von einem heischtest, der abwesend war.
Wer schlug die Schlacht bei Bautzen, Meyer? – »Meyer fehlt!« –
's ist falsch. Der nächste! – »Meyer fehlt« – 's ist wieder falsch.
Der nächste! – »Meyer ist nicht da!« – Der folgende! –
»Der Alte scheint im Kopf verrückt!« – Ganz recht, mein Sohn.
Nur hätt' es Meyer wissen müssen, so wie du. –
Ein kaum verhaltnes Kichern folgte, doch du fuhrst,
Nichts ahnend, ruhig im Examinieren fort.

Ein andermal erglühte freilich zorniger
Die Stirne dir, und bösen Sturm verheißend klang
Dein sächsisch Deutsch ins Ohr mir, als du plötzlich mich
Hinweg vom Nepos auf den Gang hinausberiefst.
Nicht eben herzhaft folgt' ich, war am Tag zuvor
Doch auf dem Kirchhof von der Jugend Tertias
Ein blut'ger Hauptstreich wider die Verbündeten
Der Nachbarschulen nur zu siegreich ausgeführt.
Denn mehr als einer war geschunden heimgekehrt,
Und nach den Rädelsführern, deren ärgsten ich
Mich selber wußte, wurde nun im peinlichen
Verhör geforscht, als gält' es Catilinas Haupt.
Bald war die Schuld ermittelt, und gelind genug
Erging der Spruch auf Karzer. Doch nun sollt' ich noch
Angeben, wer zugleich mit mir das Volk verführt,
Vor allem aber, ob ich mich der Fäuste bloß
Bedient im Treffen oder zur Bekräftigung
Der unglückseligen Prügel einen Stock gebraucht,
Ein telum subalare, wie der Rektor sprach.
Ich nicht, versetzt' ich, aber von den anderen
Etwelche mögen –
                            Mögen!! fiel er heftig ein,
Gleich tief empört als Rektor und Grammatikus,
Falsch angewandter Konjunktiv! Ein Faktum ist's!
Und eh' ich dessen mich versehen, hatt' er mir
Mit schlaffer Hand die Regel ins Gesicht geprägt,
Daß mir der Backen stundenlang wie Feuer war.
Doch trug mir dieses Argument ad hominem
Heilsame Früchte. Nimmer hab' ich mich seitdem
Des Konjunktivs beflissen, wo's ein Faktum galt;
Selbst nicht bei Hof. Und das war manchmal schwer genug.

 


 


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