Emanuel Geibel
Gedichte
Emanuel Geibel

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Lebensstimmung.

              O wer so recht die süße Kunst begriffe,
Allein der schönen Gegenwart zu leben,
Bei sanftem Windeshauch auf hohem Schiffe
Ein südlich Meer mit Wonne zu durchschweben,
Im Traubengarten überm Felsenriffe
Beglückter Tage hold Gespinst zu weben,
Als hätte nie das Herz in andern Stunden
Des Lebens Schmerz und Bitterkeit empfunden!

Wer das vermöchte! Wer bei jedem Gruße,
Bei jedem Blick der Liebe könnte säumen!
Wer es verstünde, stets in sel'ger Muße
Sein Lied zu singen unter Blütenbäumen!
Ihm würde gern mit leisem Götterfuße
Die Muse nahn in goldnen Dichterträumen,
Und eh' er noch um solchen Preis gerungen,
Wär' ihm die Stirn vom Lorbeer schon umschlungen.

Ich hab' es oft versucht, und oft erglänzte
Die Stunde mir, doch war's ein eitles Prangen;
Denn wenn ich kaum das Haupt mit Blumen kränzte,
Erwachten alte Schuld und altes Bangen;
Am Becher, den der Freundschaft Hand kredenzte,
Schien eine heiße Träne mir zu hangen,
Und wenn ich froh die Saiten angeschlagen,
Verhallten sie in sehnsuchtsvollen Klagen.

Mir ist die Lust ein Schifflein, das zersplittert,
Sobald's aus stiller Bucht hinausgeschwunden,
Ein tönern Bild, das über Nacht verwittert,
Wie schön es auch mit Rosen war umwunden,
Ein Flötenhall, der in der Luft verzittert,
Wenn er getönt zwei selige Sekunden,
Im Lebenskelch der flücht'ge Kranz des Schaumes,
Ein Duft, ein Hauch, der Schatten eines Traumes.

Drum richtet nicht zu strenge die Gedichte,
Wenn sie euch oftmals nahn im schwarzen Kleide;
Nicht alle sind genährt vom frohen Lichte,
Nein, viele tränkt' ein Herz mit seinem Leide;
Und das bedenkt, dem Menschenangesichte
Ist auch die Trän' ein köstliches Geschmeide,
Und manchen Schatz, den ihr in Freudenstunden
Vergeblich suchtet, hat der Schmerz gefunden.

 


 


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