Emanuel Geibel
Gedichte
Emanuel Geibel

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Ein Gedenkblatt.

1851 (?).

                Am Samstagmorgen vor Palmarum war's
Im Jahre, da man neunundvierzig schrieb,
Daß mich die goldne Sonne des Aprils
Aus meinem alten Nest am Hafendamm
Hinab ins Freie lockte. Draußen zog
Der Fluß, von mächt'gen Segeln schon belebt,
Blauglänzend hin, und in den Lüften schwamm
Des Frühlings ahnungsvolles Hoffnungslied.
Mir aber wuchs das Herz bei diesem Ton,
Als müßt' er Glück verkünden. Ruhiger
Gedacht' ich an der Zeit verworrnen Kampf
Und an die Zukunft, deren Los vielleicht
In diesem Augenblick geworfen ward.
Da, wie ich so am Damm des Ufers noch
Vertieft hinabschritt, kam mein Jugendfreund,
Der blonde Maler, hastig und erregt,
Daß Bart und Haar ihm flog, des Wegs daher,
Und sein des Lächelns ungewohnt Gesicht
Erglänzte wie vom Frührot übersonnt.
So rief er mir entgegen: Weißt du's schon?
Und da mein Blick ihn fragte, quollen ihm
Aus tiefster Brust die Worte: Freue dich!
(Und seine Stimme zittert', als er sprach,)
Ein deutscher Kaiser ist gewählt am Main,
Und seine Boten sendet ihm das Reich.

Und während er von allem, wie's geschah,
Mir nun Bericht gab, sieh, da schmückten sich
Die alten Zackengiebel längs dem Fluß
Mit frohen Fahnen schon und grüßend flog
An manchem Schiff ein deutscher Wimpel auf,
Und wallte breitentrollt im Morgenwind.
Und jetzt, von Turm zu Turm einfallend, scholl
Der Glocken Chorgesang und kündigte
Das Fest der Palmen an. Mir aber war's,
Als läutete man ein das Deutsche Reich,
Und das Hosanna, das in meiner Brust
Andächtig widerklang, zwei Königen,
Die ihren Einzug hielten, galt's zumal,
Dem himmlischen und dem von dieser Welt.

Auf Windesschwingen flog von Haus zu Haus
Die Kunde weiter; da begann im Glanz
Der Frühlingssonne durch die Gassen hin
Ein festlich Wogen. Freunde tauschten rings
Bewegten Handschlag, Feinde grüßten sich,
Als wäre plötzlich aller Zwist gesühnt,
Und manches Auge, das ich längst im Staub
Der Akten oder überm Rechnungsbuch
Verhärtet glaubte, sah ich freudenfeucht.
Denn was wir alle, sei's mit klarem Geist,
Sei's dunkel nur im angebornen Trieb
Gewünscht, gehofft, ersehnt, nun schien's erfüllt.

Ich aber stieg zu Pferd und ritt hinaus,
Die Stille suchend. O wie deuchten mir
Voll Melodie die Lüfte, die im Flug
Das Haar mir streiften, wie so schön der Wald,
Der kaum von grünem Schimmer überhaucht
Jungfräulich schauert' in des Werdens Lust!
Die Quellen brausten, aus den Wipfeln scholl
Der Ruf der Vögel, und seitab vom Pfad
Wob um die Stämme zitternd Dämmerlicht.
In solcher Waldnacht saß wohl Heinrich einst,
Der blonde Sachsenheld, den Finkenschlag
Belauschend, als ihm Herzog Eberhard
Den Purpur und die heil'ge Lanze bot.
Ich sah ihn vor mir fest und wetterbraun
Im schlichten Jagdwams und im Kreis umher
Der großen Botschaft Werber allzumal.
Er aber sprang empor vom Vogelherd,
Dem Adler gleich, der seinen Flug beginnt,
Und nahm das Pfand des Reichs und tat den Schwur,
Dem deutschen Volk ein Vaterland zu bau'n,
Und klar im ruh'gen Feuer seines Blicks,
In seines Worts einfacher Hoheit lag
Die Bürgschaft des, was er verhieß. Da bog
Das Knie vor ihm die stolze Frankenschar
Und huldigt' ihm mit Jauchzen, und mein Herz,
Im Sonnenaufgang frühster Ruhmeszeit
Das Bild des heut'gen schauend, jauchzte mit,
Und Tränen weint' ich, Tränen, wie ein Mann
Sie weinen darf, wenn überwältigend
An seine Brust ein großes Schicksal pocht.
Es war ein froher Tag –
                                    Was später kam,
Ihr wißt es alle. Keinen Hüter fand
Das uralt heil'ge Kleinod unsres Volks,
Die Hand, schon zum Ergreifen ausgestreckt,
Verschloß sich plötzlich, und zu Boden fiel
Des Reiches Apfel. Waisen blieben wir,
Wie wir's gewesen dreiundvierzig Jahr,
Und an den Weiden hängten wir aufs neu
Die Harfen auf und durch die Saiten ging
Des Windes Seufzen. O wann bringt ein Tag
Dem Vaterlande die Gestirnung wieder!

 


 


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