Emanuel Geibel
Gedichte
Emanuel Geibel

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Erinnerungen aus Griechenland.

I.
            Zu dem schönen Griechenvolke
Übers blaue Mittelmeer
Schifft' in dichter Schwalbenwolke
Wonnevoll der März daher.
Am Hymettus blühn die Wiesen,
Und ein warmer Strahlenguß
Rötet deine Säulenriesen,
Jupiter Olympius!

Und wo blitzend am Gestade
Der Iliß vorüberschwillt,
Stehn in Veilchen alle Pfade,
Grünt der Lorbeer im Gefild.

Herz, wie badest du im frischen
Blütenduft der sel'gen Flur!
Sprich, o sprich, was soll dazwischen
Dieser Laut der Sehnsucht nur?

Ach, dich mahnt's in süßem Grausen,
Wie durchs schnee'ge Waldgebiet
Deiner Heimat jetzt mit Brausen
Erste Frühlingsahnung zieht.

 
II.
Wo des Ölwalds Schatten dämmern,
Rast' ich, matt vom Sonnenschein;
Fern am Berg bei ihren Lämmern
Lagern Hirten und schalmein.

Müd' eintönig schwimmt die Weise
Durch den Mittagsduft heran,
Und mir träumt, es sei das leise
Flötenspiel des großen Pan.

 
III.
Leisen Schritts durchwallt der Mittag
Des Hymettus Marmorklüfte;
Auf den wildzerrißnen Kuppen
Liegen brennend blau die Lüfte.

Weit und breit im Felsenkessel
Brütet märchenhaft Verstummen;
Nur, daß in den Thymusbüschen
Tausend Bienen schwärmend summen.

Lautlos durchs Geröll am Abhang
Klettern kurzbevlieste Schafe;
Unterm wilden Lorbeerbaume
Liegt der Hirtenbub' im Schlafe;

Ihm zur Seite Stab und Tasche
Und die rohrgeschnitzte Flöte;
Durch die mandelbraunen Wangen
Schimmert sacht des Blutes Röte.

Schöner Knab', an deinen Zügen
Weiß ich kaum mich satt zu schauen.
Um den Mund welch stiller Zauber!
Welche Hoheit auf den Brauen!

Traun, im alten Land der Götter
Bist du selbst von Götterstamme,
In ein irdisch Weib verkleidet,
Säugt' Erato dich als Amme.

Was du träumst, sind eitel Lieder,
Und es tragen von den Klippen
Dir die Bienen, wie dem Pindar,
Honig auf die jungen Lippen.

 
IV.
Hoch mit Orangen beladen,
Wiegt sich das schaukelnde Boot
Von Poros' Felsgestaden
Hinaus ins Abendrot.

Die Jungfrau sitzt am Steuer
Und nimmt des Segels wahr;
Des Tages letztes Feuer
Umsäumt mit Gold ihr Haar.

Berauscht von Glanz und Düften,
Das Herz in tiefer Ruh',
Bedünkt mich fast, wir schifften
Den sel'gen Inseln zu.

 
V.
Im Schatten der Platane
Hält von der Reise Last
Die kleine Karawane
Zu Nacht ums Feuer Rast.

Zum Pfühle dient der Rasen,
Zur Seite blitzt die Wehr;
Die müden Rosse grasen
Entsattelt um uns her.

Schlaf liegt auf allen Wimpern;
Nur unser Wächter dort
Scheucht mit Gitarrenklimpern
Den Druck vom Auge fort.

Ich seh' noch, wie die Flamme
In Aschen rot verglimmt,
Und hinterm Bergeskamme
Empor der Halbmond schwimmt.

Dann, wie durchs Laub der Bäume
Der Nachtwind schauernd rinnt,
Hüll' ich mich ein, und träume
Von dir, mein deutsches Kind.

 
VI.
Niemals werd' ich dich vergessen,
Wie ich einst im Kranz dich sah
Deiner Palmen und Zypressen,
Reizendes Parichia!

Aus dem Meer auf Felsterrassen
Steigst du sanft, und dichter Wein
Hüllt die säulenreichen Gassen
Dir in grüne Schleier ein.

Brunnen rauschen, Vögel rufen,
Rosen glühn im Laubgeflecht,
Und hinauf, hinab die Stufen
Wallt ein göttergleich Geschlecht:

Blonde Knaben, deren Brauen
Träumerischer Ernst umwebt,
Schlanke, marmorschöne Frauen,
Deren Schritt wie Reigen schwebt.

Ob die Fabelwelt der Dichter
Längst zerronnen: hoch und rein
Spielt um diese Angesichter
Noch von ihr ein Widerschein;

Und in fremder Märchenhülle,
Wenn sie dir vorübergehn,
Glaubst du Phöbus' Lockenfülle,
Aphroditens Reiz zu sehn.

Wahrlich, aus dem Weltgetriebe
Flücht' in diese stille Bucht,
Wer die Sehnsucht, wer die Liebe,
Wer der Schönheit Urbild sucht!

 
VII.
Wie webt so still der Sonnenschein
Im Säulenhof! Die Fächer
Der hohen Palmen schaun herein
Über die flachen Dächer.

Ein wilder Rosenbusch umzweigt
Das Bogentor der Halle;
Im Porphyrbecken wallt und steigt
Der Born mit leisem Schalle.

Dort schlürft, im Haar das rote Fes,
Den Arm im goldnen Reife,
Das schönste Kind von Melanes
Den Rauch der Wasserpfeife.

Sie schaut behaglich himmelan,
Sie kräuselt leichte Ringe,
Und denkt dabei – man sieht's ihr an –
An lauter süße Dinge:

An ihren Schatz, der nach Korfu
Geschifft zum Weinverhandeln,
An ihren bunten Kakadu,
An Fruchtkonfekt und Mandeln;

Und an den Halsschmuck von Opal,
Den morgen in Naxia
Sie tragen soll zum erstenmal
Am Fest der Panagia.

 
VIII.
Wenn auf sonnverbrannten Matten
Die Zikade schrillt von fern,
Rast' ich in des Lorbeers Schatten
Bei den alten Dichtern gern.

Sanft wie voller Segel Schwellen
Trägt Homers geflügelt Wort
Mich durch Sturmgefahr und Wellen,
Volksgewühl und Schlachten fort.

In Olympias staub'ge Bahnen
Reißt mich Pindars Siegeschor,
Und des Äschylus Titanen
Steigen trotz'gen Blicks empor.

Doch von allen, die ich wähle,
Schwichtigt mit erhabner Ruh'
Keiner mir so ganz die Seele,
Hoher Sophokles, wie du.

Von erliegender Heroen
Unverstand'nem Riesenleid
Führtest du dein Volk zum hohen
Urbild schöner Menschlichkeit;

Riefest aus dem Schoß der Nächte,
Die von Mitleid nie gewußt,
Ihren Teil der Schicksalsmächte
In die freigewordne Brust;

Daß, was aus des Herzens Falten
Rätselvoll gezeitigt sproß,
Mit der Götter hehrem Walten
Sich zum goldnen Ring beschloß.

Also zwischen starrer Sitte,
Zwischen frecher Neu'rung Wahn
Walltest du in schöner Mitte
Hoch und heiter deine Bahn;

Klärtest mit dem Hauch der Musen
Fromm der Leidenschaften Glut,
Und ein heilig Maß im Busen
Priesest du als höchstes Gut.

Sel'ger, dem sein Wort zu lohnen,
Das entzückte Griechenland
Seine reichsten Lorbeerkronen
Um die Priesterschläfe wand;

Der noch heut, vom wandelbaren
Strom der Zeitflut unversehrt,
Heut nach zweimal tausend Jahren
Schönheit uns und Weisheit lehrt!

 
IX.
Heute wär' ich fast erschrocken
Dir zu Füßen hingestürzt,
Als du plötzlich deiner Locken
Wilden Reichtum losgeschürzt.

Glänzend um die schlanken Glieder
Wallt' ihr fesselloser Schwall
Auf des Teppichs Purpur nieder
Wie ein schwarzer Wasserfall.

Ach, und als du nun die braunen
Rätselaugen aufwärts schlugst
Und in reizendem Erstaunen,
Was mich so verwirre, frugst,

Als du dann zum Spiegel hüpftest
Und die Schnur von Perlen dir
Tändelnd um die Stirne knüpftest –
O wie schön erschienst du mir!

Lauschend, keines Wortes mächtig,
Stand ich, atemlos gebannt,
Wie verzaubert in ein prächtig
Märchen aus dem Morgenland.

 
X.    
Drei Palmen überm Bronnen,
Ein braun Gefild umher,
Und fern im Glanz der Sonnen
Geklüft und blaues Meer.

Rings weidet um die Palmen
Die Herde weiß und bunt,
Und sucht nach saft'gen Halmen
Am halbversengten Grund.

Daneben lehnt im weiten
Dichtwoll'gen Widdervlies,
Ein Bild uralter Zeiten,
Der Hirt am Schäferspieß.

Scharf blickt er in die Runde
Und pfeift dazwischen hell
Dem zottig gelben Hunde,
Der seiner Wacht Gesell.

Der Mann, der Hund, die Ziegen,
Palmbäume, Fels und See –
Mir ist, als säh' ich liegen
Ein Stück der Odyssee.

Sahn Himmel gleich und Erde
Ihr alt Gesetz vergehn,
Der Hirt mit seiner Herde
Blieb unverwandelt stehn.

 
XI.          
Auf Chäroneas Heide
Im alten Schlachtgefild
Liegt wie versteint im Leide
Ein marmorn Löwenbild.

Es mahnt, daß kühngemutet,
Wo jetzt die Disteln wehn,
Im Kampf dereinst verblutet
Die Jugend von Athen.

O Hellas, welche Lippe
Sagt, was dein Herz erlitt,
Als hier des Fremdlings Hippe
Der Freiheit Lilien schnitt!

Was half dir da der Musen
Verhängnisvolle Gunst,
Im götterreichen Busen
Das heitre Licht der Kunst?

Der Tiefsinn deiner Weisen,
Der Sänger Lorbeerzier,
An jenem Tag von Eisen,
Was frommt' es alles dir?

Ach, krank im Kern des Lebens
Von eifersücht'ger Glut,
Verströmtest du vergebens
Dein letztes Heldenblut.

Weil du gelöst mit Pochen
Des Pfeilbunds stark Geflecht,
Sank, Schaft für Schaft zerbrochen,
Dahin dein ganz Geschlecht.

Mit eh'rnem Schluß die Zügel
Ergriff Barbarenhand –
O schau in diesen Spiegel,
Schau her, mein Vaterland!

 


 


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