Johann Peter Eckermann
Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
Johann Peter Eckermann

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Montag, den 25. Januar 1830*

Ich brachte Goethen die Verzeichnisse, die ich über die hinterlassenen Schriften Dumonts als Vorbereitung einer Herausgabe derselben gemacht hatte. – Goethe las sie mit vieler Sorgfalt und schien erstaunt über die Masse von Kenntnissen, Interessen und Ideen, die er bei dem Autor so verschiedener und reichhaltiger Manuskripte vorauszusetzen Ursache habe.

»Dumont«, sagte er, »muß ein Geist von großem Umfange gewesen sein. Unter den Gegenständen, die er behandelt hat, ist nicht ein einziger, der nicht an sich interessant und bedeutend wäre, und die Wahl der Gegenstände zeigt immer, was einer für ein Mann und wes Geistes Kind er ist. Nun kann man zwar nicht verlangen, daß der menschliche Geist eine solche Universalität besitze, um alle Gegenstände mit einem gleichen Talent und Glück zu behandeln; aber wenn es auch dem Autor mit allen nicht auf gleiche Weise gelungen sein sollte, so gibt schon der bloße Vorsatz und Wille, sie zu behandeln, mir von ihm eine sehr hohe Meinung. Ich finde besonders merkwürdig und schätzbar, daß bei ihm überall eine praktische, nützliche und wohlwollende Tendenz vorwaltet.«

Ich hatte ihm zugleich die ersten Kapitel der ›Reise nach Paris‹ mitgebracht, die ich ihm vorlesen wollte, die er aber vorzog alleine zu betrachten.

Er scherzte darauf über die Schwierigkeit des Lesens und den Dünkel vieler Leute, die ohne alle Vorstudien und vorbereitende Kenntnisse sogleich jedes philosophische und wissenschaftliche Werk lesen möchten, als wenn es eben nichts weiter als ein Roman wäre.

»Die guten Leutchen«, fuhr er fort, »wissen nicht, was es einem für Zeit und Mühe gekostet, um lesen zu lernen. Ich habe achtzig Jahre dazu gebraucht und kann noch jetzt nicht sagen, daß ich am Ziele wäre.«


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