Johann Peter Eckermann
Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
Johann Peter Eckermann

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Donnerstag, den 10. März 1831

Ich las heute mit dem Prinzen Goethes Novelle vom Tiger und Löwen, worüber der Prinz sehr glücklich war, indem er den Effekt einer großen Kunst empfand, und ich nicht weniger glücklich, indem ich in das geheime Gewebe einer vollendeten Komposition deutlich hineinsah. Ich empfand daran eine gewisse Allgegenwart des Gedankens, welches daher entstanden sein mag, daß der Dichter den Gegenstand so viele Jahre in seinem Innern hegte und dadurch so sehr Herr seines Stoffes ward, daß er das Ganze wie das Einzelne in höchster Klarheit zugleich übersehen und jede einzelne Partie geschickt dahin stellen konnte, wo sie für sich notwendig war und zugleich das Kommende vorbereitete und darauf hinwirkte. Nun bezieht sich alles vorwärts und rückwärts und ist zugleich an seiner Stelle recht, so daß man als Komposition sich nicht leicht etwas Vollkommeneres denken kann. Indem wir weiter lasen, empfand ich den lebhaften Wunsch, daß Goethe selbst dieses Juwel einer Novelle als ein fremdes Werk möchte betrachten können. Zugleich bedachte ich, daß der Umfang des Gegenstandes grade ein sehr günstiges Maß habe, sowohl für den Poeten, um alles klug durcheinander zu verarbeiten, als für den Leser, um dem Ganzen wie dem Einzelnen mit einiger Vernunft wieder beizukommen.


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