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Das Sieb- und Schlüssellaufen.

ist eine alte Erfindung, wodurch man etwas unbekanntes erforschen will; z.B. wer etwas gestohlen hat x. Ein Sieb wird an eine Scheere (beide müssen geerbt seyn) festgemacht. Die beiden Enden der Scheere werden von zween Personen auf die Mittelfinger gesetzt, und so erst eine Zeitlang gehalten. Der Meister, der dabei steht, fängt nach allerhand Alfanzereien an, die Namen der im Hause befindlichen, in der Nachbarschaft wohnenden und verdächtigen Personen laut zu nennen, und man glaubt, daß wenn der Name des Schuldigen ausgesprochen wird, das Sieb sich unaufhaltsam drehe, und dadurch den Thäter entdecke. Oder man befestigt einen Erbschlüssel in einer Erbbibel, hält den Schlüssel auf den Mittelfingern, und verfährt dabei wie vorher: Der Erfolg soll derselbe seyn.

Die Ursach von den bedeutungsvollen Umdrehen des Siebes und der Bibel kann unmöglich in den ausgesprochenen Namen liegen; noch können diese Dinge, weil sie todte Körper sind, etwas unbekanntes entdecken. Der Trieb, das unbekannte zu erfahren, kann darzu auch nichts thun; denn so würde der gewinnsüchtige Spieler die Würfel oder die Karten zu seinem Vortheil können fallen lassen. Ein guter Geist kann dabei schon darum nicht wirken, weil man weis, daß dadurch Personen angezeigt worden sind, die man nachmals unschuldig fand. Der Teufel kann nicht dabei seyn, welches man doch gemeiniglich glaubt, theils weil er auf der Welt nicht wirken kann, theils weil er selbst die Zukunft nicht weis; denn diese kennt nur Gott der Allwissende. Es müssen also andere Ursachen seyn, die das Umdrehen jeder Dinge bewirken; und worinn könnte man sie anders suchen, als in den Personen selbst, die das Sieb oder die Bibel halten? Wenn der Name dessen von dem man vermuthet, daß er etwas gestohlen oder gethan habe, ausgesprochen wird, so erregt die gewisse Vermuthung und die Begierde, das Gewünschte zu erfahren, in den Händen der Haltenden ein Zittern, welches jene Umdrehung verursacht. Und da der Name des vermeintlichen Thäters gemeiniglich ganz zuletzt erst ausgesprochen wird, da die angestrengten Nerven nachlassen, so ersieht man leicht, woher das Umdrehen komme. Wer solche Gaukeleien vornimmt, der will sich nicht gern überzeugen, daß sie unzuverlässig sind, und so ersetzt ein Stoß, den man fast wider seinen Willen thut, was der Sache selbst abgeht. Diesen Stoß verursacht der geschickte Meister auf eine unmerkliche Art selbst, wenn er sieht, daß die fragenden Personen ehrlich zu Werke gehn; welches er um so leichter kann, da diese voller Erwartung da stehen. Es bedarf nur eines kleinen Anstoßes, den aber die Geschwindigkeit verbirgt, um das Sieb oder die Erbbibel zum Umdrehen zu bringen. Die Erfahrung hat diese Kunst mannigfaltig widerlegt, und den oft gerechtfertiget, der dadurch schuldig erkannt wurde.


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