Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Vom Wahrsagen aus dem Klingen in den Ohren.

Das Klingen in den Ohren hält der Abergläubische für eine Wirkung, die dadurch verursacht werden, wenn abwesende Leute von ihm reden. Schon in den ältesten Zeiten hielt man die rechte Seite für glücklich, und die linke für unglücklich; und man hat dies auch auf das Ohrenklingen angewendet. Wenn daher Gutes von einem Menschen gesprochen wird, soll sein rechtes Ohr klingen; und wenn Böses geredet wird, das linke. Aber das Ohrenklingen rührt weder von einer äussern, noch entfernten, als das Sprechen der Leute ist – sondern von einer Ursach in den Hörgängen des Ohrs her, die in der Vollblütigkeit und Erhitzung des Bluts zu suchen ist. Sobald es den Abergläubischen in dem Ohr klingt, so denkt er geschwind an alle die, von denen er glaubt, daß sie von ihm sprechen möchten. Der, bei welchem das Klingen aufhört, soll es nun gewesen seyn, der von ihm geredet hat. Das Klingen der Ohren ist etwas ungewöhnliches.

Es währt nicht lange, es entsteht plötzlich und hört plötzlich auf. Alles ungewöhnliche hat, besonders bei alten Mütterchen, seine Bedeutung. Weil sie sich nun zu der Zeit, da es in ihren Ohren klingt, sich wohlbefinden; so suchen sie die Ursach davon nicht in ihrem Kopfgehäuse, sondern außer sich, bei andern Menschen. Das Klingen in den Ohren macht einen widrigen Ton und ist beschwerlich; so muß es auch etwas widriges anzeigen, wenigstens wenn es auf der unglücklichen linken Seite ist: Auf der andern könnte es wohl etwas gutes bedeuten. Wie sollte es denn möglich seyn, daß die Worte eines Abwesenden, der aber so weit entfernt ist, daß ich sie nicht hören kann, in meinen Ohren ein Klingen erregen könnten; und zwar in dem rechten, wenn er vortheilhaft, und in dem linken, wenn er nachtheilig redet.


 << zurück weiter >>