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Ist es gut, sein künftiges Schicksal zu wissen?

Wir wollen immer, folglich auch in Zukunft glücklich seyn, daher entsteht der Wunsch, das Zukünftige zu wissen. Würden wir denn aber, wenn uns nun die Zukunft aufgedeckt würde, glücklicher seyn, als wir jetzt sind; und würde nicht dieses Vorherwissen, unser Glück auf mehr als eine Art hindern? Gesetzt, ein junger Mensch wüßte vorher, daß er zu einer gewissen Zeit, durch Erbschaft oder auf eine andre Art reich werden würde; würde er fortfahren so fleißig und tugendhaft zu seyn, als er bisher war, da er weiß, daß von diesen Bemühungen sein Glück nun nicht mehr abhängt? Wir erwarten von der Zukunft immer das Beste; dieß spornt unsern Fleiß und macht uns thätig: wüßten wir, daß unsre Bemühungen, wie es zuweilen wohl der Fall ist, vergebens seyn würden; so würden wir in dem Bestreben zu größerer Vollkommenheit lässig, folglich unglücklicher werden. Wir genießen jetzt ein Glück, und freuen uns; wüßten wir das zukünftige Misgeschick, so würden wir das gegenwärtige Gute darüber vergessen, und unsre Tage in ängstlicher Erwartung der Zukunft, in Trauer verbringen. Auf der andern Seite, wenn wir in dem gegenwärtigen Unglück, die künftigen glücklichen Zeiten sehen könnten, so würden wir die Mittel, durch deren weise Anwendung wir allein dazu gelangen können, ungebraucht lassen, und so unsern Zweck verfehlen. Selbst darin, daß uns die Zukunft verborgen ist, liegt ein Theil des menschlichen Glücks; darum verbarg Gott sie uns weislich. Eine längst erwartete glückliche Begebenheit, von welcher wir gewiß wissen, daß sie eintreffen wird, verliehrt einen großen Theil von ihrem Reiz, wenn wir sie nun wirklich genießen; Dahingegen das Unerwartete durch seine Neuheit uns mehr erfreut. Hätten wir keine Hofnung, und die würden wir nicht haben, wenn die Zukunft offen vor uns stünde; so würden wir ein einfaches, freudenleeres Leben führen. Welche Mutter würde sich die Erziehung ihrer Kinder angelegen seyn lassen, und wenn sie auch noch so liebenswürdig wären, Freude über sie haben, wenn sie vorher wüßte, daß sie dieselben zu einer bestimmten Zeit verlieren würde? Sie würde sie nie ohne Thränen ansehen, oder an die Brust drücken. Welcher Vater würde zum Wohl seiner Kinder Nächte hindurch arbeiten und sorgen, wenn er voraus sähe, daß trotz aller seiner Bemühungen, diese einst unglücklich würden? Würde nicht dadurch Gleichgiltigkeit und lässige Betreibung der Geschäfte in allen Ständen überhand nehmen, und dadurch das Wohl und die Glückseligkeit der menschlichen Gesellschaft gestört, vielleicht ganz zernichtet werden? Auch unser Standhaftigkeit, Entschlossenheit, Geduld, überhaupt unsre Tugend wird durch das Ungewisse geprüft, bewährt und vergrössert; wenigstens würden wir sie nicht in dem Grade ausüben können, wenn wir wüsten, wie unsre Sachen ablaufen würden. Keiner arbeitet gern vergebens; jeder sucht dadurch sein Glück. Wüsten wir unsre künftige Lage und Verbindung; so würden wir die gegenwärtigen Arbeiten liegen lassen, dahin lediglich unsre Bemühungen richten, und alles beyseit setzen, was nicht dahin einschlägt. Die Menschen würden sich nicht, wie jetzt bemühen, den möglichsten Grad von Vollkommenheit zu erreichen; und so würde die menschliche Gesellschaft die geschikten Männer entbehren, die eben dadurch, daß sie sich auf die ungewisse Zukunft vorberriten mußten, so vollkommen wurden. Dank sey es der Vorsehung, daß sie uns die Zukunft verbarg! aber das Bemühen der Menschen, sie zu ergründen, ist fast ungemessen. Die Sterne, die Züge im Gesicht und in den Händen u.s.w. sollen sie eröfnen.


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