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Vom Nickert.

Man denke sich eine kleine Menschenähnliche Gestalt, die beinahe so dick als lang ist, mit einem ungeheuren dicken Kopf, rothen Haaren, rothen Augen und unter der Zunge eine Kröte; welche Figur! Aber man hat sie sich doch als wirklich gedacht, und nennt sie Nickert oder Nix. Die Nixen sollen, nach der gemeinen Meinung, die man hauptsächlich in Niederdeutschland davon hegt, vernünftige Geschöpfe seyn, die wie Menschen ihr Geschlecht fortpflanzen, und daher in Haushaltungen und Familien im Wasser ihren Aufenhalte haben. Sie sollen den Menschen in das Wasser zu ziehen suchen, und vornämlich Kinder derselben gern mit den ihrigen vertauschen! Wenn aber, wiewohl natürlich, den Nickerten daran gelegen ist, ihr Geschlecht zu vermehren, warum legen sie für das gestohlne Kind eins der ihren hin? Solche und noch mehr Historien dieser Art erzählt der Abergläubische, und der Dumme horcht mit offenen Augen und Munde. Wer sieht aber dergleichen Geschichten nicht ihre elende Erdichtung an; und wer könnte eine Widerlegung derselben verlangen? Noch jetzt sollen Nixen sich zuweilen sehen lassen. Jedoch geschieht es weniger als ehedem, und man macht nur noch die Kinder damit zu fürchten, daß sie vom Wasser wegbleiben; welches vermuthlich zu der Meinung von diesem Wassergespenst Anlaß gegeben hat. Man sollte aber Kindern ja nichts mehr vorsprechen; denn die Vorstellung, daß sie hineinfallen und darin ums Leben kommen können, kann ja eben die Wirkung haben, und ist unschädlicher, als wenn man ihnen den Kopf mit Dingen anfüllt, die nirgend sind, und die sie mit Furcht und Graus ergreifen, wenn es darauf ankommt, dem Bedrängten zu Hülfe zu eilen.

Einst fährt die Postkutsche mit einigen Reisenden des Abends aus M. Bei schlechtem Wetter, sehr üblem Wege und einer ganz finstern Nacht verirrt sich der Postknecht, und kommt an ein Wasser, das er nicht kennt, das aber nicht weit von einem Dorf entfernt ist. Unbekannt mit den daselbst befindlichen Wegen, und getäuscht von der Finsterniß, wirft er von einer Anhöhe den Wagen um, und die Reisenden fallen in einen Sumpf von Thon und Lehm. Der Postknecht kommt unter die Pferde zu liegen, und kann sich nicht los arbeiten. Alle rufen um Hülfe, und erheben ein jämmerliches Geschrei. In dem nahen Dorf hört man die Stimmen dieser Unglücklichen. Einer der Einwohner, der von ohngefähr vor der Thür seines Hauses steht, und das Geschrei zuerst vernimmt, ruft seine Nachbarn, um das Winseln mit anzuhören. Verschiedene Leute kommen in dieser Absicht zusammen, und hören dem kläglichen Rufen zu. Aber keiner will hingehen an den Ort; denn ihrer Meinung nach, verursachen die Nixen dieses Winseln, um dadurch jemand herbeizulocken, und ihn denn unters Wasser zu ziehen. Sie bleiben daher bei dem Rufen der Nothleidenden taub, gehen in ihre Häuser, und legen sich zu Bette. Den andern Tag kommt ein Hirt an den Ort, und erblickt den erbarmungswürdigsten Schauplatz des Jammers und Elends. Der Postknecht und drei von den Reisenden waren vor Kälte und Nässe in dem Sumpf umgekommen, und er sah die Merkmale der traurigen, aber vergeblich angewandten Bemühungen, sich zu retten. An zween andern bemerkte er noch schwache Zeichen des Lebens. Einer öffnete die Augen nochmals, und schloß sie dann in dem Augenblick auf ewig. Seht ihr die traurigen Folgen eurer irrigen Meinungen, ihr Abergläubischen!


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