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Von Gespenstern.

Das beste Mittel, eine stumme Gesellschaft redend zu machen, ist, daß man sie auf Gespenstergeschichten bringt; jeder wird das seinige gewiß beitragen, jeder wird seine Geschichte recht fürchterlich erzählen, damit dem furchtsamen Zuhörer die Haare zu Berge stehen. Man darf darum nicht, aller Erfahrung zum Trotz die Wahrheit jeder Geschichte dieser Art ohne Ausnahme verwerfen, weil man selbst noch nichts ähnliches gesehen, oder weil man es nicht begreifen kann; denn wir glauben viel, was wir selbst nicht gesehen haben, und sehen Dinge, ohne zu wissen, wie es damit zugeht, und durch was für Kraft sie bewirkt werden.

Wir sehen die Sonne, wie sie den Erdboden erwärmt; aber wir begreifen nicht, warum sie von ihrem eigenen Feuer nicht verzehrt wird. Wir sehen den Mangnet das Eisen an sich ziehen, und wissen nicht, durch was für Kraft es geschieht.

Unter funfzig Erzählungen von Gespenstern, hat kaum eine das Gepräge der Wahrheit; und wenn man diese eine untersuchen könnte oder wollte, so würde sie gewiß vieles von ihrer Glaubwürdigkeit verliehren; und die Menge der Gespenstergeschichten würde bald auf eine geringe Anzahl zurück kommen, oder sich vielleicht ganz verliehren, wenn diejenigen, denen zuweilen etwas erscheint, Dreustigkeit genug hätten, zu untersuchen, was das sey, wovor sie sich fürchten; wenn sie nicht, aus vorgefaßter Meinung, bei jedem Schein von Furcht übermannt, die Flucht ergriffen. Sie würden, wenn sie es genauer untersuchten, gewiß finden, daß es ein Gespenst der Furcht und der Einbildung war, oder daß es einen natürlichen Gegenstand zum Grunde hatte. Von den Sonntagskindern glaubte man ehedem einfältiger Weise, daß sie allein Gespenster sehen könnten. Jetzt sagt man, nur die am 29 Februar (der doch nur alle 4 Jahr kommt) Gebornen, könnten sie sehen. Möchte man künftig nur von dem ersten Zehntel eines Jahrhunderts dieß glauben! Worin sollte auch wohl die Ursach davon liegen? Etwa in dem Auge, das doch alle Gegenstände richtig sieht? Oder in der Stellung des Gespensts? Oder haben Gespenster die Macht, des einen Auge zu stärken, und den andern zu blenden? Es ist wirklich zu bewundern, wie man auf so handgreiflich falsche Erdichtungen, dergleichen die Gespenstergeschichten zu seyn pflegen, verfallen konnte, und wie sinnreich man bei Ausdenkung derselben gewesen ist. Wollte man alle Geschichtgen glauben, die man uns aus dem Gespensterreich erzählt; so müßte alles mit Geistern und Schröckbildern angefüllt seyn, wovon einige in Thürmen und Häusern, oder auf Kirchhöfen und Gerichtsstätten; oder in der Luft , in dem Wasser und unter der Erde anzutreffen seyn würden. Die erste Art sind die häuslichen Ruhestöhrer, die des Nachts zwischen 11 und 12 Uhr mit dem Zinn in der Küche klappern, überall herumpoltern, und denen die ihnen zu nahe kommen, Ohreigen austheilen, worauf gewöhnlich aufgeschwollene Köpfe erfolgen. Wenn man alle Geschichten oder Lügen von der Art, aus alten und neuen Zeiten, besonders die aus dem Alterthum (denn in den neuern Zeiten, wo der menschliche Verstand anfängt, reiner und aufgeklärter zu denken, sind sie wenigstens nicht mehr so häufig) aufzeichen könnte; was für eine ungeheure Menge würde es seyn? In den Häusern erscheinen gewöhnlich die Personen, die ehemals darin lebten, welche noch etwas auf ihrem Herzen haben. Die alten Müttergen hören sie seufzen und winseln; denn sie haben bei Lebzeiten, entweder Geld verscharrt, welches sie bewahren, oder den Lebendigen zeigen wollen, oder es geschieht, ihren hinterlassenen Kindern und Freunden Unrecht, ihre Vermächtnisse sind verdreht, und ihr letzter Wille ist unvollzogen geblieben. Oft kneipen sie des Nachts, werfen aus dem Bette x. Der Furchtsame wagt es nicht, des Nachts auf eine Kirche oder Thurm, über einen Kirchhof oder Gerichtsstätte zu gehen: Eine Schaar von Geistern und Todtengerippen wird ihn umgeben, und er wird sich glücklich schätzen, wenn er mit dem Leben davon kommt, und der Hals ihm nicht auf den Rücken gedrehet wird. In alten Klöstern haben Mönche ihre Behausung; sie gehen als Geister noch in ihren langen Röcken, wie sie bei Lebzeiten giengen, mit einem Bund Schlüssel an der Seite, womit sie alle Thüren öfnen. Ein andermal erscheint der Geist, so wie er in den Sarg gelegt wurde und endlich läßt der Aberglaube sogar Thiere erscheinen! Giebt es Gespenster? Keine Frage ist öfter aufgeworfen, keine weniger beruhigend beantwortet. Die h. Schrift lehrt uns eigentlich von Gespenstern nichts; das ist ein beträchtlicher Einwurf gegen ihr Daseyn. Die Weltweisheit ist verlegen, und die Weisesten im Volk wollen nichts von ihnen wissen. Es giebt nur wenig Menschen, die sich von der Gespensterfurcht ganz frei gemacht haben; denn die Vorstellungen, welche man ihnen in der Jugend beigebracht hat, kleben ihnen noch zu sehr an, wenn sie sich gleich von der Nichtigkeit oder der Unmöglichkeit der Sache selbst überzeugt haben; Wie viele giebt es, die sich vor den Geistern nicht anders fürchten, als ob sie eine unumschänkte Gewalt über die Menschen hätten? Wenn die Nothwendigkeit einen Menschen nöthigt, über einen Ort zu gehen, wo Menschenschädel liegen; so fallen ihm tausend schröckliche Geschichten ein, die Furcht macht seinen Füßen Flügel, er hört dumpfe Stimmen, und scheußliche Gestalten fahren ihm vor dem Gesicht herum. Dieß betrift selbst solche, die bei andern Gelegenheiten, wo es Leben und Tod gilt, unerschrocken bleiben. Ist es nicht thörigt, vor Geistern sich zu fürchten, in deren Gesellschaft wir einst eintreten sollen, unter denen wir einst glücklich zu seyn hoffen? Ist es nicht noch thörigter, sich vor Geistern zu fürchten, von denen unsere Vernunft uns sagt, daß sie nirgends sind? Wie mancher anderer leugnet Gespenster, dem die Haare grauen, wenn er im finstern an einen berüchtigten Ort allein gehen soll? Unsere Seele ist unsterblich, wohl uns, daß wir das wissen! Sie wird ewig das bleiben, was sie ist: Ein Geist, ein Wesen, das denken kann, das sich seiner selbst und der Dinge außer ihm bewußt ist. Sie verliehrt bei der wichtigen Veränderung, die dann mit ihr vorgeht, wenn sie von dem Leibe getrennt wird, von ihren Eigenschaften nichts; sondern sie gewinnt. Sie wird nun durch die Schwäche des irdischen Körpers nicht mehr gehindert, sie sieht deutlicher als jemals, sie behält ihr Gedächtnis und ihre Kräfte nicht nur, sondern dieselben werden vergrößert. Ihr bleiben alle erworbene Geschicklichkeiten, die sie durch Erfahrung und Uebung erlangte. Sie behält Scharfsinnigkeit, und ihre edlen Neigungen verliehren nichts, ihre Tugend nichts von ihrem Glanz. Wir würden von dem Leben nach dem Tode fast nichts wissen, oder unsere Kenntnis davon würde die unvollkommenste seyn, wenn die h. Schrift uns darüber nichts entdeckt hätte; aber auch die Nachrichten, die wir darin finden, sind unvollkommen. Wirklich hat man aus einigen Schriftstellen der Gespenster Wirklichkeit beweisen wollen. Jesus erscheint seinen Jüngern auf dem Meer; sie sehen ihn und erschrecken, weil sie glauben, es sey ein Gespenst. Jesus giebt sich zu erkennen, spricht ihnen Muth ein; widerlegt aber ihre Gedanken nicht gerade zu. Aus diesem Stillschweigen will man schließen, Jesus habe die Meinung seiner Jünger gebilligt, sie müsse folglich gegründet seyn, weil der göttliche Lehrer auch nicht stillschweigend Irrthümer habe billigen können. Aber ohne hier jene Stelle weitläufig zu erklären, kann man antworten: Die Juden glaubten an Geistererscheinungen mehr als wir; sie hatten diese Meinungen vornämlich aus der babilonischen Gefangenschaft mitgebracht. Jesus fand es nicht für gut, vor jetzt die Jünger darüber besonders zu belehren; aber er gab sich ihnen zu erkennen, und widerlegte dadurch ihren Irrthum. Zu den Zeiten Christi geschahen wirkliche Erscheinungen, die Jünger sahen eine Erscheinung. Auch nach der Auferstehung hielten die Jünger Jesum für einen Geist, da er sich ihnen zeigte, und man sehe dort, wie er sich dabei benimmt. Es ist uns eine Wiedervereinigung der Seele mit dem Leib versichert. Wenn aber diese Wiedervereinigung erfolgen werde, das ist uns nirgends gesagt. Die, welche geistige Erscheinungen glauben, setzen voraus, daß die Seele, so bald sie sich von dem irdischen Körper trennt, mit einem andern umhüllet werde; da doch die Bibel sagt, daß erst bei der Auferstehung, die Leiber verklärt aus dem Grabe hervorgehen, und die Seele mit ihnen wieder vereinigt werden sollen. Sie lassen die Geister bald schwarz bald weiß, bald grau erschienen, geben ihnen bald diesen, bald einen andern Anzug, ohne zu erwägen oder zu bestimmen, woher sie diese Ueberkleidung etwa nehmen möchten? Die guten oder bösen Handlungen der Menschen in diesem Leben, stehen mit Belohnung oder Bestrafung in der Ewigkeit, in eben der Verbindung, wie Aussaat und Erndte. Aber das ist uns nirgends mit Gewißheit gesagt, wenn Belohnungen und Bestrafungen jenseit dieses Lebens anfangen sollen. Kommt die Seele gleich nach ihrer Trennung von dem Körper an den Ort ihrer Bestimmung, oder wird sie bis zu dem entscheidenden Tage zu der Wiedervereinigung mit dem verklärten Leib irgendwo aufbehalten? Diese und andere Fragen, die man hierüber thun könnte, werden so wie bisher, wahrscheinlich auch in der Zukunft unbeantwortet bleiben. Daß die Seele, so wie sie ist, als Geist und ohne einen Körper anzunehmen, nicht gesehen werden könne, und daß dieß ohne Gottes Zulassung nicht möglich seyn, das leugnen selbst auch die nicht, die Geistererscheinungen glauben, und die sie selbst gehabt haben wollen. Hier entstehen aber die Fragen: was für Nutzen würden Geistererscheinungen haben, wenn sie auch statt finden könnten? was für Entdeckungen zum Glück der Menschen haben sie denen gemacht, welchen sie bisher erschienen.

Man sieht den Erzählungen von Gespenstern und Erscheinungen bei dem ersten Anblick das Fabelhafte an: Zwei Personen von Stande lebten in der vertrautesten Freundschaft, waren beide ein Herz. Der eine gieng in den Krieg, wodurch beide Freunde zu einem Gespräch von der Beschaffenheit der andern Welt, und zu dem Versprechen veranlaßt wurden, daß der, welcher von ihnen am ersten sterben würde, dem andern Nachrichten daher bringen sollte. Jener reiste ab, und der Zurückgebliebene hatte in mehreren Monaten keine Nachricht von ihm, bis er eines Morgens früh, da er sich noch im Bette befand, den Vorhang desselben wegziehen und seinen Freund leibhaftig vor sich stehen sah. Er sprang aus dem Bett, ihn zu umarmen; jener aber zog sich zurück, und bedeutete ihn, daß es dazu jetzt nicht mehr Zeit sey; er wolle nur sein Versprechen erfüllen. Er sey nicht mehr unter den Lebendigen, denn er sey in einem Scharmützel geblieben; zugleich zeigte er den Ort, wo ihn die Kugel getroffen hatte, wo das Blut noch herabfloß – und verschwand. Alles bestätigte sich bald, Wenn man diese Geschichte, so wie sie da steht, liest und hört, ohne nur zweifeln zu wollen, ob sie so ganz wahr sey; so wird man sie als Beweis von der Möglichkeit der Wiedererscheinung nach dem Tode ansehen und anführen. Aber wer waren die beiden Vertrauten, wo lebten sie, und in welchen Kireg gieng der eine? Wo blieb er, ist es nicht wahrscheinlich, daß der Zurückgebliebene, durch einen lebhaften Traum, durch Einbildungskraft getäuscht wurde? – Was ist natürlicher, als daß ein Freund, der den andern im Kriege weiß, für sein Leben zittert, oft an ihn denkt, oft von ihm träumt, oft sich ihm vorstellt? Je zärtlicher die Freundschaft war, desto lebhafter werden alle Vorstellungen von ihm seyn; und wird nicht eine erhitzte Phantasie, selbst ein Bild darstellen können? Wird nicht endlich einmal der Erfolg wahr machen, was jener so oft, und auf so mannigaltige Art dachte? Und was kann leichter erfüllt werden, als eine Todesahnung von dem, der gegen den Feind zu Felde steht? Wozu soll endlich eine solche Abrede anders dienen, als zur Befriedigung der Neugier, welcher Gott besonders hierin so nahe Grenzen gesetzt hat? Wenn man eine Geschichte, dergleichen die gegenwärtige ist, glauben soll; so müssen glaubwürdige Zeugen die Wahrheit derselben bestätigen. Diese Zeugen fehlen hier ganz. Leute, die etwas als selbst gesehen erzählen, müssen, wenn wir ihnen glauben sollen, redliche und von Vorurtheilen freie Leute seyn. Sie müssen den Willen haben, etwas wahr zu erzählen, und beweisen können, daß sie zu der Zeit, da sie etwas sahen, sich ihrer wohl bewußt waren. Wenn man eine Erzählung hienach beurtheilt; so wird sie gewiß von iherer Glaubwürdigkeit verliehren; und wenn man sie darnach untersuchen könnte, würde man finden, daß dergleichen Erscheinungen nichts anders als Geburten einer zu lebhaften Einbildungskraft der Lebenden sind. Und Leser, was dünkt dich von einem Köprer, aus dessen Wunden man Blut fließen sieht; der gleichwohl beim Befühlen nur Wind seyn soll?

Ein andermal, erzählt man, sey der zuerst gestorbene, der Abrede gemäß erschienen, und habe auf Befragen des andern; wie es in jener Welt aussähe? Die bisher im Busen verborgene Hand herausgezogen, ihn mit heissen Funken besprüht, und gesagt; Bruder, da ist es heiß!

Es können zwar Menschen die Verabredung nehmen, sich aus dem Reich der Todten Nachricht zu bringen; ob dann aber die verabredete Erscheinung wirklich erfolgt, das ist eine andere Frage, die höchst unwahrscheinlich, und unglaublich, ja beinahe unmöglich ist. Wer könnte aber so verwegen seyn, mit einem andern zur Wiedererscheinung Abrede zu nehmen? Der Verstorbene kommt gewiß nicht wieder. Ob aber nicht Grauen, Angst und Schröckbilder, den zurückgebliebenen Lebenden verfolgen werden, wer könnte das unwahrscheinlich finden?

Otto verliehrt in einer Schlacht das Leben; sein Freund Ferber weiß die Gegend wo er fiel, und besucht sie oft, ob sich ihm vielleicht von dem Geliebten nie etwas zeigen wolle? Eine Kugel aus dem kleinen Gewehr hatte seinen Schädel in der Gegend des rechen Schlafs durchbohrt; auch das hatte er erfahren. Unverhoft nahm er einst einen sehr weissen Todtenkopf wahr, aus welchem Gras hervorwuchs. Er betrachtete ihn, und fand die Oefnung auf der Seite des rechten Schlafs. Hat ein Zufall diese Oefnung verursacht, oder ist es wirklich der Kopf des Otto? – Ferber besah ihn lange, und glaubte endlich, den traurigen Ueberrest seines Freundes zu sehen; drückte ihn an die Brust, und dankte der Vorsehung, daß sie ihn so beglücke. Er bestimmt den Kopf, einst neben sich im Grabe ruhen zu lassen, und setzt ihn in sein Schlafgemach, zu steter Erinnerung seines Freundes. Nicht ohne Schauer verstrich die erste Nacht, und im Hause hatte man seit der Anwesenheit des Todtenkopfs keine Ruhe gehabt: ja man hatte ihn in einer zitternden Bewegung gesehen. Ferber kehrte von einer Reise zurück, fand seine Wohnung von einer Menge Menschen umgeben; die Magd in den letzten Zügen, und neben dem Bett den Geistlichen; denn, Otto, dein Todtenkopf hatte sich bewegt, war vom Tisch herunter und auf den Boden herumgerollt. Keiner hatte sich noch in die Stube gewagt; Ferber sah den Kopf auf dem Boden liegen, und hatte ihn kaum an seinen Ort gesetzt, als er wieder herunter und nach dem Bett zu rollte. Er faßt ihn abermals, bemerkt dann aber, daß in ihm sich etwas bewegt, und sieht, da er ihn ans Fenster bringt, zu seinem Erstaunen, den langen Schwanz eines Ratten. Er zieht ihn heraus, und das Rätsel war aufgelöst.

Ohne Zweifel wurde der Ratte durch einen Feind gejagt, und genöthigt, sich durch die enge Oefnung des Kopfs hindurch zu drängen und darin seine Sicherheit zu suchen. Die Rückkehr aus demselben war schwer, bis er mit Gewalt herausgezogen wurde. So etwas kann ein ganzes Städtchen in Bewegung setzen. Man rennt in Haufen dahin, wo der Polstergeist seyn soll, und geht veschämt nach Hause, wenn die Sache erklärt ist. Man könnte vielleicht Bücher mit Geschichten dieser Art füllen, die alle beweisen würden, daß die Erwartungen von Gespenstern immer getäuscht wurden; Aber wozu? würde man bei vorfallender Gelegenheit weniger neugierig, weniger abergläubisch seyn?

Der Furchtsame ist schon oft betrogen; aber er hört darum nicht auf, es fernerhin zu seyn. Es könnte doch wohl seyn, daß es wahr wär – alle Zeiten sind nicht gleich. – Werner hatte sich in G. zu lange aufgehalten; er konnte erst um Mitternacht nach Hause reiten. Er hatte ein sicheres Pferd; desto auffallender war es ihm, als es in einem hohlen Weg zurückwich, und aller Peitschenhiebe ohnerachtet, keinen Schritt weiter gehen wollte. Nun sage man mir weiter, daß es in dem fatalen hohlen Wege nicht unsicher sey; wo Pferde stutzen, da war es nie recht richtig. Der Mond war schon zurückgewichen, und das Licht der Sterne erleuchtete den hohlen Weg nicht ganz. Er stieg vom Pferd und führte es. Bald stieß er mit dem Fuß an etwas, er faßte Muth, that die Augen auf, und bekam etwas harigtes in die Hand, daß sich bewegte. Das Pferd wich zurück, und die Angst trieb ihn ihm nach. Sollte es doch wahr seyn, dachte er, daß die mitternächtliche Stunde für Reisende gefährlich ist? Noch einmal wagte er zurückzusehen, sahe etwas allmälich sich erheben, und die Ohren in die höhe strecken, und hörte zugleich einen bekannten Ton. Es war des Müllers Esel, der auf dem Felde zurückgeblieben war. W. erinnerte sich, daß die Mühle in der Nähe sey, und freuete sich über seine Entdeckung. – Dieß mag unter andern lehren, daß man sich hüten müsse, so wenig als möglich, bei Nachtzeit zu reisen, weil die Vorfälle so sonderbar seyn können, daß wenn sie sich gleich nachmals wie gewöhnlich, erklären, man wenigstens einen Schreck davon trägt. Ein in der Gegend unbekannter, furchtsam abergläubischer, wär in vollem Gallop zurückgeritten, und hätte den Vorfall für einen sichern Beweis gelten lassen, daß Gespenster die Nächte unsicher machten.

Die Umstände bei der Erzählung von Gespenstergeschichten werden oft so verwirrt, daß man Mühe hat, die Veranlassung dazu zu entdecken. Oft bleibt die Geschichte ganz unentwickelt, behält ihr Ansehen, geht von Mund zu Mund, erhält immer mehr Zusätze, und wird auf Kind und Kindeskind fortgepflanzt. Man wird daher nicht leicht diese Gespensterfurcht aus den Köpfen bringen, ohnerachtet die Zeugen ein altes abergläubisches Weib, eine einfältige Magd, ein dummer Knecht, und andere, die Gespenster zu sehen pflegen, so unzuverlässige Zeugen sind. Der größte Theil der Menschen hat weder Verstand, noch Aufmerksamkeit, noch Herz genug, die Vorfälle einzusehen, oder zu untersuchen. Was Wunder, wenn sie sich von Vorurtheilen und Aberglauben nie losmachen, nie hinter die Wahrheit kommen? – Ich ward, so erzählt Kern ein bekannter Arzt, zu einem todtkranken Prediger gerufen, und da die Gefahr groß vorgestellt wurde; so entschloß ich mich, noch spät dahin zu reiten. Der Mond schien helle, ich war der Gegend kundig, reiste allein, und kam endlich in das mir wohlbekannte Holz. Kaum war ich hinein; so stutzte mein Pferd, und ich spornte es umsonst. Nun lenkte ich um, und ritt durch einen Nebenweg auf die ordentliche Strasse. Auf einmal stand es wieder. Ich machte die Pelzkappe vom Gesicht zurück; Himmel, was sah ich? Einen Todten, mit einem Blut und Beulen bedeckten Gesicht, in einem Sarge und unter einer Eiche. Nun fing meine Einbildungskraft an, zu wirken; ich sah, wie sich der Todte aufrichtete, wie er mich ansah, und Miene machte, aus dem Sarg zu steigen und mich anzufallen. Kaum behielt ich noch so viel Muth, daß ich dem Pferd den Zügel schiessen und es nach Hause zurennen ließ. Da ich in der Schenke eines Dorfs, wo ich durchreiten mußte, Licht sah; so gieng ich hinein, mich zu erholen. Der Wirth merkte meine Bestürzung, und sagte, ich hätte im Wald gewiß das Gespenst gesehen? und fieng an, greuliche Geschichten zu erzählen. Nun ritt ich zu Hause, und hörte schon am Morgen früh die abentheuerliche Geschichte, daß in voriger Nacht der Teufel, auf einem schwarzen Pferde reitend, einem Mann im Walde den Hals umgedrehet hätte, und daß er dann mit Zurücklassung eines häßlichen Gestanks verschwunden sey. Inzwischen kam ein neuer Bote, der mich zu den Patienten holte, wo ich auch bald anlangte; und wo ich eben die Geschichte noch fürchterlicher hörte. Der Teufel auf einem schwarzen Pferd, habe die im Wald unter die Eiche gesetzte Leiche holen wollen, und die Hüter verjagt: Weil sie sich aber mit Kreuzen gesegnet hätten, und der Schulmeister dabei gewesen wär; so wär er mit Zurücklassung eines gräulichen Gestanks unverrichteter Sache wieder verschwunden. Ich merkte nun wohl, daß man mich hier zum Teufel mache, und erzählte, daß ich auf einem schwarzen Pferd, in einem Pelz, das rauhe auswärts gekehrt, und in einer schwarzen Kappe vermummt, in den Wald geritten sey, und einen Todten im Sarg habe liegen sehen. Ganz recht, sagte der Schulmeister, ich bin bei denen gewesen, die die Leiche abholen sollten, welche auf der Grenze gefunden worden war. Herr Doctor, glauben sie mir, ich sah mich um, und da kamen mir die Zipfel an ihrer Reisekappe so vor, wie die Hörner, welche der Teufel haben soll.

Durch diese Geschichte bin ich in dem Unglauben noch mehr bestärkt worden, den ich bei den Gespenstergeschichten immer hegte, und glaube nun um so mehr, daß Erzählungen dieser Art auf ähnliche Weise entstanden sind.

Die meisten Menschen haben die Gespensterhistorien vom Hörensagen; sie wissen selbst nicht, was Gespenster sind, und lassen sich doch so ungern davon abbringen.

Wie oft ist der Betrug entdeckt worden, den Spasvögel, Verliebte, Listige, Betrüger u.s.w. als Gespenster spielten? Es war kein Zweifel, daß da der Unhold sein Wesen habe, und nachmals war alles ruhig. Ja, sagt der Abergläubische, es veraltert sich! Möchten die Thorheiten unter den Menschen sich auch veraltern! Aber sie behaupten ihre Rechte, und die Gespenster hören auf zu poltern? Hört folgende gräuliche Geschichte:

Der Freiherr von Bretiole, Obrister in Dänischen Diensten, erhielt vom König Befehl, sich nach Rendsburg zu begeben. Er mußte wegen eines entstandenen entsetzlichen Ungewitters und schlimmer Wege sich entschliessen, in einem Dorf einzukehren, wo er in dem elendsten Wirthshaus weder zu essen noch zu trinken haben konnte. Ist kein Edelmann im Dorf, fragt er? nein! auch kein Pfarrer? ja! Der Prediger nahm ihn willig auf, bewirthete und unterhielt ihn gut. Das Gespräch kam auf ein altes Schloß, das im Dorf lag, und in dem bösen Ruf stand, als wär es von mörderischen Geistern bewohnt. Jeder starrte es an, wenn er vorbei gehen mußte, und segnete sich: Nur Bretiole, der nie Gespenster geglaubt hatte, will noch selbigen Abend das Schloß und die Geister in demselben sehen. Alle Vorstellungen des Predigers helfen nichts. So viel beherzte Leute, sagte er, haben sich unterstanden, des Nachts da zu bleiben; aber man hat keinen wiedergesehen. O, sagte B., ich will diese Nacht mit meinem Bedienten auf diesem besessenen Schloß schlafen; er nähert sich demselben, trägt selbst die Laterne, da inzwischen sein Bedienter, und der Knecht des Geistlichen, Stroh und Betten herbeitragen. Als sie hineingekommen waren, sahen sie gleich an der ersten Thür, zur rechten Hand eine Treppe; sie stiegen hinauf, und fanden einen grossen Saal, auf welchem sie alte, zum Theil erloschene Gemählde; auf beiden Seiten des Saals aber Thüren zu Zimmern sahen. B. sah sich um, und blieb endlich in dem Zimmer zur Linken, das zunächst an der Treppe war, und setzte die Laterne neben seinem Lager hin. Zur Rechten und zur Linken legte er eine scharf geladene Pistole, und zog den Degen. Um elf Uhr enstand ein entsetzliches Gepolter; es war nicht anders, als marschirten Soldaten mit Pferden und Waffen die Treppe herauf. Man müßte Lust zu lästern haben, wenn man den Obersten Feigheit beschuldigen wollte; aber seine Haare fiengen allmälig an, sich in die Höhe zu richten, und die Knie zitterten. Immer näher kam der abscheuliche Lerm. Der Ritter faßte mit der einen Hand den Degen, mit der andern eine Pistole, und wollte so das polternde Ungeheuer erwarten. Aber er läßt bei Eröffnung der Thür beides aus den Händen fallen. Die Lichter erlöschen, das Gespenst läßt feurige Augen blitzen, brüllt wie ein Löwe, und rasselt mit feurigen Ketten. Ueber dem Schlafzimmer entsteht zu gleicher Zeit ein gräßliches Toben; es war nicht anders, als würden hundert Stückkugeln hin und hergewälzt, worunter ein klägliches Heulen sich hören ließ, als ob tausend Hunde und Katzen und Pferde unter einander schrieen und wieherten; es thut einen entsetzlichen Knall, als wenn eine Kanone los gieng. Endlich hört man ein Glockenspiel, und darauf mit durchdringender Stimme rufen: Victoria! Victoria! worauf bald eine grosse Stille erfolgt. Da liegt der Ritter wie todt; das Gespenst hatte ihn gekratzt und mit Ketten geschlagen, und entfernt sich dann, und steigt mit großem Gepolter die Treppe hinab. Bretiole ermannt sich, und denkt; Ist dieses Ungeheuer ein Geist, so kann ich es weder erschiessen noch erstechen. Ist es ein Mensch, so wird es seinen Leib vor Blei und Eisen verwahrt haben. – Ich will, wenn es noch einmal kommt, ein Herz fassen, und ihm nachschleichen. Nach Verlauf etwa einer Stunde rasselt es wieder mit grossem Geräusch die Treppe herauf, mißhandelt ihn und seinen Bedienten wie zuvor, und raset dann fort. B. ermunderte sich, wiederhohlte seinen Vorsatz, nahm den Degen in die eine und das Pistol in die andre Hand, und schlich leise nach. Der Bediente winselte jämmerlich hinterher, und glaubte, er würde seinen Herrn nie wieder sehen. Das Gespenst wandte sich zum Glück nicht um, bis es vor des Ritters Augen plötzlich verschand. Stockfinster war alles um ihn her, und er wagte nicht, einen Schritt weiter zu thun. Er hatte vor seinem Gespenst viele andere hergehen hören, die alle in dem finstern Gang verschwunden waren. Jetzt entschließt Bretiole sich, in demselben so lange fortzugehen, bis er ein Ende fände; aber kaum hatte er einige Schritte gethan, als er in eine Gruft hinunter fiel, und sein Pistol, an welchen der Hahn gespannt war, losgieng. Auf den Knall näherten sich ihm vier starke Kerle mit Lichtern. Verwegener Hund, brüllt der eine ihn an, was unterstehst du dich, hierher zu kommen? Sie packten ihn bey dem Arm und schleppten ihn in ein Zimmer, wo einige zwanzig Personen an einem Tisch sassen, die zum Theil von gutem Ansehen waren. Einer nach den andern sahe ihn mit starren Augen an: man schien über seine Gegenwart so bestürzt, als B. über die ihre war. Dann fuhr ihn einer an: Was für ein Frevel hat dich tollkühnen Hund bewogen, hieher zu kommen? Konntest du nicht denken, daß du deinen Vorwitz mit dem Leben würdest büßen müssen? Bereite dich zum Tode, du mußt sterben! Sterben, versetzte Bretiole, ich schwöre euch bei dem König, daß mein Tod euch theuer zu stehen kommen soll Fuhrt diesen trotzigen Hund weg, wir wollen sein Urtheil fällen, er muß sterben, schrie eins der Ungeheur. Die vier Kerls packten und schleppten ihn wie Henker in ein finsteres Loch. Nun war B. überzeugt, genug, daß er es nicht mit Gespenstern zu thun habe. Er wurde jetzt eines Scheins gewahr, welcher durch das runde Loch in der Thür, in das Gefängniß hinein fiel. Er legte sein Ohr dicht an, und vernahm, daß seine Richter über die Art, mit ihm zu verfahren, sehr uneins waren. Laßt ihn hinmorden schrie der eine! Nein, wir wollen ihn ausfragen, und denn richten. B. wurde vorgeführt und erzählte, wer er wär, die Ursach seiner Reise, die Veranlassung des Uebernachtens in diesem Schloß, u.s.w. Ich habe, setzt er hinzu, Königliche Ordre, an deren Beschleunigung mehr gelegen ist, als an meinem Leben. Sehen sie hier das Königliche Siegel. Sie kommen in grosse Gefahr, wenn sie mir das Leben nehmen. Der Geistliche dieses Orts weiß, wo ich geblieben bin: Der König wird das ganze Schloß umwühlen lassen. Ich bin ein Cavalier, und gebe ihnen mein Wort, daß ich dieses Geheimnis ewig bei mir vergraben will, wenn sie mir das Leben schenken. Die Richter sahen einander an, keiner wollte den Anfang machen. B. wurde wieder weggeführt. Die Richter stritten scharf, bis sie endlich übereinkamen, unter jenen Bedingungen ihm das Leben zu lassen. Man händigte ihm seine Ordre unbeschädigt ein, nahm einen Eid von ihm, und gab ihm höflich Abschied. Zwei Bediente führten ihn durch eine verborgene Thür bis an die Treppe; Der Ritter eilte mit seinem Bedienten aus der Mördergrube und gelangte zur großen Freude des Predigers, der seinenwegen die ganze Nacht nicht hatte schlafen können, auf der Pfarrwohnung an.

Nach Verlauf eines Jahrs befand Bretiole sich auf seinem Landgut, und bewirthete eine Gesellschaft. Ein Reitknecht mit zwei auserlesenen kastanienbraunen Hengsten an der Hand, hielt vor dem Hof, und verlangte den Ritter zu sprechen. Er händigt ihm ohne Verzug einen Brief ein, läßt die zwei Pferde stehen, und fliegt wie ein Vogel davon. Der Ritter staunt bei der Eröfnung des Briefs eine goldne Münze an, die man nachmals zwanzig Ducaten am Werth fand. Er wurde darin seines Versprechens entledigt, und das Geheimnis hatte ein Ende. Es waren falsche Münzer, die dieses Schloß so unsicher gemacht hatten, und man hörte in demselben nichts wieder.

Es gehört nur Untersuchung dazu, um sich zu überzeugen, daß nicht Gespenster lermen. Zu A. glaubte man, in einem Grabe ein Schmatzen zu hören, Viele Neugierige, die sich davon überzeugen wollten, legten das Ohr an das Grab und sagten, die Leiche schmatze. Nachdem man die Sache genauer untersuchte, fand sichs, daß nicht weit von dem Grabe in einem Mauerloch, in der Kirche, junge Eulen waren, die diesen Schall verursachten.

Die Geschichte zeigt Beispiele, daß auch ein ungebildeter Religionseifer Spukereien veranstaltet hat. Ein protestantischer Prinz von bekannter Stärke, wurde manche Nacht von einem Gespenst beunruhigt, das Ketten schleppte, und zweckmäßig auf die Käzer schimpfte. Ueberdrüssig der strafenden Stimme, faßt der Prinz, stark wie Simson, das Gespenst, und fühlt bald, daß es dichte Beine und Knochen hat, eilt mit demselben zum Fenster und wirft es, ohne es zuvor zu catechisiren, alles Zappelns ohnerachtet, zwei Stock hoch in den Graben hinunter; und es erschien nicht mehr.

Eine gewisse Frau, der man die Hälfte des Hirnschädels hatte wegnehmen müssen, und die ihr Allmosen darin sammelte, wurde einst daselbst von jemand stark mit dem Finger angerührt: sie schrie und sagte; Man hätte sie tausend Lichter sehen lassen. – Das harte Hirnhäutlein war bei ihr aufgedeckt; ein gewisser Druck und eine dadurch verursachte Bewegung des Nervensafts, bewirkte in ihr die Vorstellung von Lichtern, wovon keins da war. Sollten nicht auch andere Bewegungen und Drücke (die wir aber nicht immer bemerken) auch andere Vorstellungen oder gar Schröckbilder erzeugen können? Hieraus lassen sich Erscheinungen erklären, an deren Glaubwürdigkeit man nicht zweifeln kann; die aber keine außer dem Menschen vorhandene Bilder, sondern Wirkungen der getäuschten Sinne und der Einbildungskraft sind.

Ein ehrwürdiger, gelehrter Greis, fragte, als er mit seinen Söhnen speiste; Wer das Mädchen wäre, das an der Seite seines Stuhls stände? aber keiner sah sie; Folglich müssen in den Gehirnfibern oder Sehnerven dieses alten Gelehrten, gewisse Bewegungen erfolgt seyn, die solche Eindrücke machten, welche mit dem Bilde eines Mädchen würden verbunden gewesen seyn. Das Bild, das dieser Greis sah, konnte unmöglich ein Körper seyn, der außer seiner Vorsellung wirklich da gewesen wär; denn sonst hätten seine Söhne das Mädchen auch sehen müssen, weil von jedem Körper Lichtstrahlen in die Augen fallen, wodurch die Empfindung des Sehens verursacht wird.

Hermann geht des Abends vor die Thür seines Hauses, um den gestirnten Himmel zu sehen. Indem er aus der Stube tritt, sieht er das Hausmädchen auf dem Stuhl sitzen, und spinnen. Ihm kommt das Mädchen an der Treppe entgegen und er biegt aus; er öffnet die Stubenthür, und sieht zu seinem Erstaunen das Mädchen noch auf dem Stuhl sitzen und spinnen. Er selbst hält diese Erscheinung für weiter nichts, als eine erneuerte Erschütterung, die demjenigen sinnlichen Eindruck in seinem Gehirn ähnlich gewesen, der darin verursacht war, als bei seinem Herausgehen aus der Stube, die Lichtstrahlen von dieser Person in seine Augen gefallen; welches um so glaubwürdiger sey, da er, um einige kleine Sterne wahrzunehmen, seine Sehnerven sehr angestrengt hatte. Erscheinungen sind also möglich, aber sie sind nicht wirklich vorhanden.

Vorwitz und Furcht; beide haben manchen in Schaden gebracht, von beiden muß man sich gleich weit entfernen. Geisterfurcht ist dem Menschen ganz eigen geworden. Angst und banges Entsetzen ergreift ihn, wenn der Augenblick da ist, wo er zeigen soll, was er vorher prahlte. Der vermeinte Muth verwandelt sich in Zaghaftigkeit, wenn er den Gedanken lebhaft denkt, daß jetzt der Geist kommen, und ihm den Hals auf den Rücken drehen x. könnte. In einer Spinnstube kam, wie gewöhnlich, das Gespräch auf Gespenster; eine rückte näher an die andre hin; Nur eine Magd wollte Muth haben. Wovor fürchtet ihr euch, sagt sie; nur die Lebendigen können uns was thun, die Todten nicht. Ich will, wenn ihr wetten wollt, jetzt hingehen und mich auf das neueste Grab setzen. Und damit ihr seht, daß ich da gewesen bin, will ich diese Spindel in den Grabhügel stecken; Morgen sollt ihr sie da sehen. Sie geht und findet leicht den Ort, wo sie über die Kirchhofmauer steigen kann, und dann den Hügel, in welchen sie die Spindel wirklich einsteckt. Sie will nun wieder weg; aber sie kann nicht, es war, als würde sie vest gehalten; als sähe sie Hände aus dem Grabe hervorkommen, die sie hinabziehen wollten. Sie reißt sich mit Gewalt los, flieht halbtod, fällt über alle Gräber, läuft an der Kirchhofmauer auf und ab, und kann den Ort nicht wieder finden, wo sie herüber gekommen war. Endlich findet sie ihn, und kommt erblaßt wieder. Indem sie die Spindel in die halberfrorne Erde mit Gewalt eindrückte, hatte sie unvermerkt durch den Schurz sich selbst mit angeheftet, und konnte daher nicht sobald wieder loskommen.

Ein anderer prahlte, unerschrocken in das Gewölbe der Kirche zu gehen, und zum Beweise, daß er da gewesen sey, einen Nagel in den Sarg zu schlagen. Er geht, bleibt lange aus, man befürchtet seinetwegen etwas, sucht und findet ihn todt in dem Gewölbe neben dem Sarge liegen. Er hatte sich selbst durch den Rock an den Sarg geheftet. Wozu dieser Vorwitz? Wer Muth hat, kann ihn dadurch nicht zeigen, daß er auf Geister losgeht, oder sich mit ihnen balgt. Schon oft wurde Vorwitz bestraft! Wer wollte sich durch schröckende Beispiele nicht warnen lassen?

Unzeitige Furcht vor Gespenstern hat manchem das Leben gekostet, manchem abgehalten, seinem nothleidenden Nebenmenschen zu Hülfe zu eilen. Die traurige Erfahrung lehrt es, daß Menschen, die noch nicht todt waren, begraben worden sind. Man fand zufällig die schröcklichen Anzeigen, wie sie sich dem Tode zu entringen oder ihrem Leben das baldigste Ende zu machen gesucht hatten. Oder man kam zu spät, da sie dem Tode schon hingemartert waren. Größtentheils war Furcht die Ursach, daß sie nicht gerettet wurden. In E. giengen Weibspersonen um Mitternacht aus der Spinnstube nach Hause, und hörten am Kirchhof, der in dem Städtchen selbst war, ein hohles Pochen. Sie verdoppeln ihre Schritte und des andern Tags breiten sie die vermeinte Spukhistorie in der Stadt aus, die auch zu den Ohren der betrübten Familie kommt. Man sah nach, aber ach, der vermeintliche Todte hatte sich die Finger zerkratzt, sich die Adern aufgebissen, aus Verzweiflung, oder sein Leben bald zu endigen. Da lag er in seinem Blut, und war nicht mehr.

Ein Bettler kommt im Winter Abends spät, halb erfroren, in einen Ort, und geht, da er das Schulhaus noch offen findet, hinein, um über Nacht darin zu bleiben. Des Morgens finden ihn die Kinder erstarrt, machen ein Geschrei und laufen davon. Er wird bei Seite gelegt und sofort des Abends begraben. In der darauf folgenden Nacht hört der Nachtwächter ein Pochen im Grabe des Bettlers und eine klägliche Stimme. Er meldet es dem Schulzen, findet aber kein Gehör, Der Nachtwächter hört dann wieder im Grabe ein dumpfes Geräusch, und seufzende Töne, und thut dem Schulzen abermals dringende Vorstellung. Der Schulze geht früh Morgens zu dem Oberamtmann, der an einem andern Ort wohnt, um Verhaltungsbefehle einzuholen, und da der Oberamtmann noch schläft, sagt er nichts, bis jener aufgestanden war. Man öfnet das Grab, Himmel, welch ein Anblick! Der Bettler war wieder aufgelebt, und nun wirklich gestorben. Alle standen erstarrt da; dem Schulzen giengs durch alle Adern, er erkannte, wiewohl zu spät, seinen dummen Aberglauben von Gespenstern, und wußte sich mit weiter nichts als mit einem: Das hätte ich nicht gedacht! zu entschuldigen.

So schröcklich sind die Folgen des Gespensteraberglaubens; so unfähig macht er den Menschen zu jeder guten Handlung wozu einige Entschlossenheit gehört. Sollte man sich davon nicht entfernen? Sollte man nicht jeden davor warnen, und besonders die jungen Herzen der Kinder davor zu bewahren suchen? Die Geschwätzigkeit der Kindermädchen, welche den Kleinen, um sie ruhig zu erhalten, mit dem Popanz und andern albern Dingen drohen, und sie damit zu Bette jagen, ist von größerm Nachtheil als man glaubt: denn da die Kinder, die die Wahrheit oder Unwahrheit noch nicht unterscheiden können; alles was man ihnen vorsagt, auf Glauben annehmen; so halten sie auch das sonderbarste Geschwätz für wahr. Und da nichts schwerer ist, als Kindern das wieder auszureden, was sie einmal als wahr angenommen haben; so bleibt ihnen die Furcht vor Gespenstern auch bei zunehmenden Jahren, und werden von derselben unaufhörlich gequält. Wie unwillig würden Eltern werden, wenn sie sähen, daß man ihre Kinder am Leibe verstümmele? Wenn man aber ihren Geist verunstaltet; so bleiben sie ruhig und sehen es gern. Eltern sollten es als die erste Pflicht ansehen, jenen Unfug zu verhüten, und das Zutrauen, welches die Kleinen zu ihnen haben, dazu benutzen, ihnen Wahrheit und richtige Begriffe beizubringen.


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