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Aberglaube bei Gewittern.

Hinz und Flinz, der mütterlichen Aufsicht müde, beschlossen, in die Welt zu gehen um, wie sie sagten, sich etwas zu versuchen. Sie reisen nach mancher Vorbereitung und gutgemeinten Erinnerung ab, und hatten schon mancher Gefahr getrotzt, als sie den großen Wald gewahr wurden, durch den sie auf unbekannten Wegen wandern sollten. Sie näherten sich ihm nicht ohne Graus. Am Horizont thürmte sich ein Gewitter auf; schon ließ der Donner sich näher hören, und die Blitze fuhren häufiger daher. Sie naheten einem Berg, und wurden fast erschreckt. Ein Greis, dessen Gesicht und Haar aber zu ehrwürdig war, als daß sie länger hätten beben sollen, stand von einer Rasenbank auf, lehnte sich auf seinen Stab, und erwartete ihre Ankunft. »Fremdlinge,« rief er ihnen entgegen, »woher ihr in diese einsame Gegend, in der ich so lange keinen Menschen sah? Euer Weg hat euch irre geführt; ohne mich würdet ihr euch nicht ohne Schweiß aus diesen Irrgängen finden; aber seyd mir willkommen, und laßt es euch gefallen, in meine Hütte einzutreten, die auf dem Berg ist; ich will euch mit dem, was ich geben kann, erquicken, und euch den sichersten Weg zeigen, um aus diesem Wald zu kommen. Hört ihr den Donner rollen? ihr könnt bei mir bleiben, bis das Wetter vorüber ist.« Sie nahmen den Greis in ihre Mitte und stiegen langsam den Berg hinan. Jetzt begann der Alte also: »Jünglinge, ihr wundert euch, hier einen Abgelebten zu finden; aber hört meine Geschichte: Ich war – doch ich will euch nicht meine ganze Lebensgeschichte erzählen, sondern nur, wie ich hieher gekommen bin. Lange wandelte ich unter Menschen, und that ihren Seelen wohl, und wollte sie besser und weiser machen. Nun, Gott weiß, daß ist es ehrlich meinte, wenn ich gleich meine Absichten an ihnen nicht erreichte, und die besten Hoffnungen oft fehl schlugen. Beinahe dreißig Jahre lebte ich in dem Kloster zu ... Ich wollte da ruhig, ohne Neid und Verfolgung seyn; aber es schien, als ob ich es dort weniger gekonnt hätte, als in allem Weltgetümmel. Endlich sah ich, daß man, um als Mensch zu leben, fern von Menschen seyn müsse, begab mich hieher, und machte, zur Erhaltung meines, ach vielleicht nur noch kurzen Lebens, Einrichtungen, die ihr bald sehen werdet. O, ich bin hier so ruhig, genieße alles, was der gute Vater dort oben, den Menschen giebt, so ungestört, ich athme freier, als ich es je in der schwarzen Gesellschaft konnte.« – Sie steigen immer mehr den Berg hinan, und erreichen nun die Hütte des Einsiedlers. Die Wolken näherten sich langsam vom Morgen her; der größte Theil der Wettermaterie lag noch unausgebrütet in seiner schwarzen Hülle; hie und da schoß ein Blitz hervor, und Regen träufelte herab. Man konnte von dem Berg die glatte Fläche eines Sees überschauen, in dem jeder Blitzstrahl sich mahlte. Der Wald rauchte überall, es war das prächtigste Schauspiel; so etwas hatten Hinz und Flinz noch nie gesehen. Immer dunkler wurde es nun, die zackigten Blitze schossen häufiger hervor, als ob das Gewölbe des Himmles zerreissen sollte. Ihnen folgte ein heftiger Platzregen, der den Einsiedler und seine Gäste nöthigte, in der Hütte Schutz zu suchen. Kaum hatten sie sich darin gesetzt, als ein heftiger Schlag am Fuß des Bergs eine Eiche zersplitterte. Hinz und Flinz erschracken; aber sie erhohlten sich, und baten den Einsiedler, mit dahin zu kommen, um das Loch zu sehen, welches der Donnerkeil geschlagen habe, und etwas von dem vom Blitz berührten Holz mitzunehmen, weil es für Zahnschmerzen gar gut seyn solle. Hier nahm der Einsiedler das Wort, und begann also; »Die große Kraft, welche der Blitz überall beweist, da er Thürme und Mauern zerschmettert, und Eichen zersplittert, ist wohl die Ursach, daß man ihm einen Donnerkeil zugeordnet hat, von denen auch mehrere, weil sie sollen gefunden worden seyn, in Naturaliensammlungen aufbewahrt werden. Sie sind groß und klein sehen theils schwarz, theils aschgrau aus, gehen unten scharf zu, und haben gegen die stärkere andere Seite ein Loch, durch welches ein Stiel gesteckt werden kann. Sie werden daher für Waffen der Alten gehalten, sie sich dieser spitzzulaufenden Hämmer als Streitkolben bedienten, um einander die Köpfe einzuschmeissen; oder sie vielleicht auch als Opfermeesser gebrauchten, denn einige sind dünn und ohne Loch; aber sehr scharf, und liegen gut in der Hand, woraus dieß wahrscheinlich wird. Man sagt, wer einen Donnerkeil im Hause habe, oder bei sich trage, sey sicher vor dem Blitz; und wenn man den Kühen die Euter damit bestreiche, so bekämen sie durch Zauberei verlohrne Milch wieder. Sie schwitzten bei Veränderungen des Wetters, und wenn es donnere, bewegten sie sich, wenn sie außen auf einem Stein lägen. Sie bewahrten auch einen dicht um sie gewickelten Faden vor dem Verbrennen, und röchen nach Schwefel, wenn man sie an einem andern Stein reibe. Aber gewiß sind die ersten zwei Stücke Misgeburten des Aberglaubens, denn die Erfahrung hat schon oft das Gegentheil bewiesen; und die übrigen Eigenschaften findet man auch bei andern Steinen. Jeder glatte Stein schwitzt bei veränderter Witterung, und also bei herannahenden Gewittern; er verhindert auch die Verbrennung eines dicht um ihn herumgeschlagenen Fadens, weil dann das Feuer den Faden nicht fassen kann. Jeder Kieselstein wird, wenn es seine Lage zuläßt, sich bei zitternder Luft bewegen, die bei Gewittern und besonders bei Donnerschlägen stark in Bewegung gesetzt wird, und jeder Kieselstein wird nach Schwefel riechen, wenn man ihn mit einem andern zusammenreibt. Schon die Gestalt der vorgebenen Donnerkeile zeigt, daß sie durch Menschenhände bearbeitet sind. Ob man gleich aus Feuersteinen scharf geschliffne Keile vorzeigt, und sie für Donnerkeile, die aus Gewitterwolken gefallen, ausgiebt; so begreift man doch leicht, daß es wider alle Regeln der Schwere ist, daß sich ein Stein in der Luft erzeugen könne, weil er, vermöge seiner Schwere herabsinken würde, ehe er zu einer Volkommenheit gelangte. Man sieht auch an denjenigen, die vom Donner erschlagen worden sind, nicht, daß ein Keil in sie gefahren sey, der nothwendig eine Wunde machen, und den Menschen zerschmettern müßte. Indeß ist nicht zu läugnen, daß nicht durch den Blitz auf der Erde ein Stein zusammengeschmolzen werden könne; aber das ist ja kein Donnerkeil; und wenn das geschieht, so hat ein solcher Stein bei weitem die Form und Härte nicht, die ein vorgebener Donnerkeil hat.«

»Das vom Blitz berührte Holz kann eben so wenig als jedes andere die Eigenschaft haben, Zahnschmerzen zu vertreiben. Es mag wohl zuweilen geschehen, daß die Zahnschmerzen, wenn sie von stockendem Geblüt herrühren, aufhören, wenn man in den Zähnen stöhrt; aber wer könnte glauben, daß dieß nur dann geschehe, wenn man es mit einem Splitter thue, denn der Blitz berührte?«

Indeß hatte das Gewitter sich weiter zurückgezogen; es schickte seine letzte Kraft in einigen schwachen Strahlen fort, und der Donner rollte nicht furchtbar mehr. Sie giengen heraus, und sahen die neubelegte Natur, athmeten die frischen erquickenden Düfte, die von allen Seiten ihnen zuströmten. Der Einsiedler fuhr dann wieder fort: »Warlich, keine Erscheinung in der Natur ist so prächtig, als wenn der Herr der Schöpfung auf Wolken fährt, und sich den Sterblichen in seiner Majestät darstellt. – Setzt euch Fremdlinge hieher, noch ist es hoch am Tage, und ihr gelangt leicht an euren Ort: Ich will, wenn es euch gefällt, noch einiges von abergläubischen Meinungen sagen, die man bei Gewittern hat; ihr auch scheint davon nicht ganz frei zu seyn. Bei einem Gewitter redet man oft von einem kalten Schlag, der, wie man gemeinhin glaubt, solch ein Donnerstreich sey, welcher eine Kälte mich sich führt, so daß das dabei befindliche Feuer nicht zünden könne; aber gewiß, so wenig man sagen kann: Das ist ein hölzernes Eisen, so wenig kann man auch glauben, daß es einen kalten Schlag bei dem Gewitter gebe; Alle führen gleiches Feuer. Zuweilen aber folgen zwei Blitzstrahlen unmittelbar und schnell auf einander, da denn der zweite wieder auslöscht, was der erste angezündet hatte, indem er durch seine grosse Schnelligkeit dem Feuer die Luft nimmt. So entzieht der Schuß aus einer Flinte, durch einen brennenden Schornstein abgeschossen, dem Feuer die Luft, und löscht es dadurch: Eben so der zweite Blitzstrahl; wenn er dem Feuer, welches sein Vorfahr angezündet hatte, die Luft benimmt, ohne welche kein Feuer brennen kann. Indes sind auch nicht alle brennbare Sachen so beschaffen, daß sie von einem schnell vorbeistreichendem Feuer, dergleichen das Feuer des Blitzes ist, entzündet werden können; da denn der Blitz, wenn er auf dergleichen trift, seine Wirkungen auch nicht so äussern kann, und dann mit vielem Unrecht kalt genennt wird. Wenn man mit dem Finger schnell, durch ein Feuer hindurch streicht; so zieht man ihn unverletzt heraus, und etwas ganz brennbares wird nicht angezündet, weil die Flamme nicht Zeit gewinnen kann, in die Zwischenräume einzudringen. Wenn daher der Blitz schnell über etwas wegstreichen kann, und keinen Wiederstand findet, so zündet er oft nicht; aber kalt ist dann sein Feuer doch nicht.«

»Wenn unter dem Holz, womit der Beck den Ofen heitzt, ein Stück befindlich ist, das der Blitz berührt hat; so soll daher der sogenannte Wolf entstehen. Dieß ist ein Blitz oder Feuer, welches zuweilen aus einem Beckerofen hervorschießt, großen Schaden thut, alles zerschmeißt und verbrennt, und dann mit einem starken Knall in Funken, oder einer Art von Feuerregen zerplatzt. Es ist aber wohl mehr dieß die Ursach, daß in dem Backofen das Feuer sich nicht genug ausbreiten kann, da denn, besonders wenn kühnichtes Holz unter dem übrigen befindlich ist, und in dem Feuer gestöhrt wird, ein solches masives, gewaltsam wirkendes Feuer hervorbrechen kann. Verhaltenes Feuer hat, wenn es zum Ausbruch kommt, unglaublich heftige Wirkungen; man darf aber den Grund davon nicht in Blitzmaterie suchen.«

»Sollte auch wohl der Blitz ein Haus nicht berühren, in welchem ein Feuer, oder ein Licht brennt? doch glauben das so viele, und denken dann sicher zu seyn, wenn sie ihr Licht angezündet haben. Rathsam ist es wohl, bei entstandenem Gewitter, ein Licht anzuzünden; um sowohl das Auge vor der lebhaften und schädlichen Empfindung des Blitzes zu sichern, als auch in Fall einer Feuersbrunst selbst gefaßt zu seyn, und andern, die nöthige Hülfe leisten zu können; aber wie könnte das Licht in einer Stube, oder das Feuer auf dem Heerd, dem Blitz widerstehen? Letzteres ist vielmehr gefährlich, denn das Feuer auf dem Heerd verdünnt im Schlott befindliche Luft, nach derselben aber schlägt der Blitz leicht, da ohnedem die Schlötte, als die höchsten Theile des Hauses, dem am ersten ausgesetzt sind. Andere glauben wieder, daß durch den Blitz entzündete Haus könne nur durch Milch gelöscht werden. Man fürchtet die Feuersbrünste, die vom Gewitter verursacht sind, darum weit mehr als andre, weil sie, wie man glaubt, nicht mit Wasser gelöscht werden können. Freilich ist die zähe, schwere Milch zum Löschen tauglicher, als Wasser; aber man darf nur nicht an eine Antipathie denken, welche Milch und Gewittermaterie wieder einander hätten. Würde man jedesmal Wasser genug dahin ausschütten können, wo der Blitz gezündet hat; so würde das Feuer gewiß gelöscht werden: Weil aber das Feuer des Blitzes sehr heftig ist, und an mehr als einem Ort zündet; so steht das ganze Haus schon in Flamme, ehe noch die nöthige Hülfe herbeieilt, da es denn freilich schwerer zu löschen ist. Im Sommer sieht man bisweilen, entweder bei hellem Wetter, oder über einer kleinen Wolke, einen hellen Schein schnell entstehen und wieder verschwinden, der mit dem Blitz viel Aehnlichkeit hat, und durch sein schwächeres Licht von ihm unterschieden ist; man nennt es Wetterleuchten. Wegen der schwachen, mässigen Ausdehnung und Erschütterung der Luft, ist kein Knall damit verbunden. Oder es ist ein wirkliches Gewitter in großer Entfernung, davon man nur den Wiederschein des Blitzes sieht; aber nicht den Donner hört; Denn das Feuer ist ungemein geschwinder als der Schall, und kann viel weiter gesehen, als dieser gehört werden. Wenn ein Jäger in einiger Entfernung von uns, das Gewehr abdrückt, so sehen wir erst den Blitz, und hören dann den Knall; Und wenn es des Nachts in allzuweiter Entfernung geschieht; so kann man zwar den Blitz des Gewehrs sehen, aber nicht den dadurch gewiß verursachten Knall hören. So ist es bei dem sogenannten Wetterleuchten. Vorbedeutende Anzeigen hat der Blitz gewiß nicht. Das Gewitter bleibt unter allen Umständen eine prächtige, wohlthätige Erscheinung; vor der wir nicht zaghaft zittern sollen. Wenn der Blitz ganz roth aussieht; so ist das Gewitter gefährlicher, als wenn er blaß ist. Wenn der Donner lange nach dem Blitz gehört wird; so ist das Gewitter entfernt; Hört man ihn gleich nach demselben; so ist es nahe. – Dieß sind die sichersten Anzeigen, die man daher nehmen kann: Wer weiß, wie viele der Abergläubische noch hat?«

»Zum Bier soll man bei Gewittern Nesseln legen; und die dazu gebrauchten werden daher Donnernesseln genannt. Die mit dem Gewitter verbundenen schwefelichten, sauren Dünste, können zwar in das junge Bier schlagen, und dasselbe verderben; und vielleicht ziehen sie die an sich: Daß sie aber, wenn sie nur auf dem Rand des Biergefässes umher gelegt würden, die Kraft haben sollten, alle jene Dünste abzutreiben; oder daß das Wetter sich vor den Nesseln fürchte, wie der Teufel vor dem Weihrauch – wie thörigt ist das!«

»In der Gegend, wo ein Selbstmörder begraben liegt, soll das Gewitter Schaden thun. Nichts wiederspricht der Erfahrung mehr; dennoch glaubt mancher es so fest, daß er lieber alles daran wagen würde, als dazu seine Einwilligung geben. Man hat davon die traurigsten Beispiele. Mitleiden sollte man mit solchen Unglücklichen haben, die sich das kostbarste, das Leben selbst nehmen, und wer weiß es immer, aus was für Gründen? – auf Gnade und Ungnade sich in die dunkle Ewigkeit versetzen; sollte ihren Leib nicht im Tode kränken. Einige haben auch wohl die gottlose Meinung, der Teufel könne Wetter erregen, und errege sie wirklich. Wenn der Teufel das könnte; so würde ers gewiß nicht, weil das Gewitter in aller Absicht so wohlthätig für die Menschen ist. Die Blitze verbrennen die unreinen Dünste in der Luft, welche sonst ansteckende Krankheiten und Pest verursachen würden: der dadurch verursachte Donner aber lockert die Erde auf, und bringt die fruchtbaren und wässerigten Dünste in der Luft zusammen, daß sie in Tropfen herabfallen, das Land wässern, die matten Früchte erfrischen, und die heisse Luft abkühlen, so daß der Mensch wie neugeschaffen sich fühlt, wenn das Gewitter vorüber ist.«

»Dem Menschen ist die Furcht vor dem Tode sehr natürlich; nichts ist ihm fürcherlicher als der Gedanke an denselben. Mancher ist bei entstandenem Gewitter fast ausser sich, wenn er daran denkt, daß er vielleicht unter den tausenden der seyn könnte, der vom Gewitter erschlagen werden wird: Daher sucht er sich ihm auf alle Art zu entziehen. Das sicherste Mittel, das auch die Erfahrung überall bewährt dargestellt hat, sind die


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