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Spiritus familiaris

haben. Man versteht unter diesem lateinischen Ausdruck einen Geist, der mit einem gewissen Menschen vertraulichen Umgang hat, ihn in seinen Angelegenheiten mit Rath und That unterstützet, und ihm außerordentliche, die menschlichen Kräfte übersteigende Dinge thun hilft. Aus der heidnischen und jüdischen Geisterlehre ist dieser Glaube auch unter die christlichen Religionslehren gekommen, obgleich in der heiligen Schrift nichts davon steht, und hat eine Menge der schädlichsten Irrthümer hervorgebracht. Zuletzt beruht diese Meinung auf unrichtigen Begriffen, und Mangel an Kenntnis, von den Eigenschaften der Seele. Jeder Mensch kommt in dem Laufe seines Lebens in Fälle, wo er schnellen Rath und Entscheidungsgründe braucht; denn strengt er seine Seelenkräfte an, seine Vorstellungen und Gedanken, die vorher dunkel und verwirrt waren, werden hell; er wählt nun das beste, oder das schlimmste. Aber die Vorstellungen zu diesem oder jenem kamen wie gerufen; man denkt nicht daran, daß sie in dem Gedankenvorrath schliefen, und schreibt sie guten oder bösen Geistern zu. Die Meinung, daß jedem Menschen ein gewisser Geist zum Begleiter durch das Erdenleben gegeben sey, ist alt und wird zum Theil noch jetzt geglaubt: man nennt ihn Genius, Schutzgeist, Dämon. Von christlichen Gelehrten wurde diese Meinung mit der Lehre von den guten oder bösen Engeln vereinigt. Da man nun einmal glaubte, jeder Mensch habe einen oder zwei Geister um sich, so schien es auch möglich, näher mit ihnen bekannt zu werden. Man schrieb zu dieser Absicht den Geistern die Geschicklichkeit zu, nach Gefallen einen Körper anzunehmen, man erfand das, womit man die Gunst eines solchen Geistes erlangen zu können, oder ihn zum Gehorsam zu bringen glaubte, um durch ihn Wunderdinge zu thun. Man sahe den Schutzgeist im Traum als einen schönen Jüngling, oder als ein holdes Mädchen im flatternden Kleide, hörte die liebliche Stimme, und fühlte einen sanften Druck. Der böse Geist zeigte sich in der Gestalt eines grimmigen Thiers, brüllte und kratzte mit Bärentatzen. Und dieses Spiel der Phantasie hielt man für wirkliche Erscheinungen, hielt für wahr, was man im Traum gesehen hatte.


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