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fliegende Drache.

Geschwind kroch List unter den Wagen und rief »halb Part, halb Part.« Hager nahm vor Angst den Hut ab, und Gierig fühlte an die Tasche, ob er etwa von seinem Geld verliehre? Hinz und Flinz, die hinter dem Wagen standen, bemerkten nicht undeutlich, daß er einen Schornstein zog. Geschwind wollte Flinz ein Wagenrad abziehen, und es verkehrt anstecken, um zu verhindern, daß er nicht wieder heraus könne: Aber der Postillon gab das Zeichen zum Wiedereinsetzen und es gieng weiter. »Sahen sie wohl, meine Herren, die grossen Augen, Rachen und Zunge, und die spitzigen Zähne, die kleinen Schweinsohren, und die Borsten auf dem Kopf?« sagte List, »das war der Drache. Er mußte recht schwer geladen haben, daß er so niedrig gieng. Ich rief, aber er wollte nicht speien. Meinen Grosvater hat er einmal recht bekleckt; darum kroch ich unter den Wagen.« »Und ich sahe ihn in den Schlott fliegen,« rief Flinz, »da hat er seine Butter, Würste und Eier ausgeleert. Ich möchte wissen, wer in dem Hause wohnt, da ists wahrhaftig nicht richtig.« Gierig und Hager meinten, daß es gar nicht unrecht seyn würde, so einen Bringezu zu haben, wenn er nur an der Seeligkeit nicht schade. »Und was meinen Sie dazu Herr Pfarrer,« riefen endlich alle, »das war doch der leibhaftige Teufel?« – »Wenn Sie's glauben, » erwiederte dieser, »so werden Sie von mir nicht das Gegentheil hören wollen.« – »Wir möchten gern ihre Meinung wissen.« – »Der fliegende Drache,« sagte Vollmuth dann, »den Sie für den Teufel in sichtbarer Gestalt halten, ist eine Menge brennbarer Luft, zäher Materie, die sich in den niedrigen Gegenden des Dunstkreises befinden, und wegen der damit vermischten Feuchtigkeit nicht im Augenblick verlöschen; sondern in der Gestalt, die Sie gesehen haben, fortgetrieben werden. Er entsteht, wenn mehrere Dünste in der Luft sich vereinigen, und die darin enthaltene brennbare Luft, durch Electricität und Reiben, zum Leuchten und Brennen gebracht wird. Seine Bewegung ist Schlangenförmig, wegen der hoch und niedrig liegenden Theile; und jedes Feuer, das durch die Luft bewegt wird, nimmt diese Gestalt an. Wenn man mit einem brennenden Licht oder andern Feuer schnell fortgeht; so folgt die Flamme Schlangenförmig nach. Auch Raqueten fliegen so. Er fliegt so lange fort, bis seine Theile verbrennt sind; er kann nicht eher verschwinden. Daß er sich öfters nach den Schlötten zieht, hat seine gegründete Ursachen; denn weil er selbst aus Feuer besteht; so zieht er sich auch nach dieser Materie. So sieht man von dem brennenden Licht sichtbar einen Theil zu dem eben ausgeblasenen übergehen, und es wieder anzünden. Die Luft in den Schlötten ist auch durch das auf dem Heerd den Tag über unterhaltene, oder wohl noch befindliche Feuer verdünnt, und die äussere, dickere Luft zieht sich in denselben hinein. so wie sie sich in den Windofen zieht, in welchen ein Feuer brennt. Kommt nun der fliegende, sogenannte Drache in diese Gegend; so folgt er dem Luftstrom, und wird in den Camin fortgerissen. Der unschuldigste kann daher das Schicksal haben, daß in seinen Schlott ein fliegender Drache einfällt; Man sieht ihn aber nie wieder herauskommen; denn sein Feuer verlöscht da, und man findet an den Wänden eine schleimichte Feuchtigkeit, die Ueberreste der für den Teufel gehaltenen Gestalt. Man weiß, daß in einer sehr verdünnten Luft (dergleichen in dem Schlott, wenn auf dem Heerd ein Feuer ist) daß Feuer nicht brennen kann; so muß denn auch das Feuer, welches man den Drachen nennt, verlöschen, sobald es dahineinkommt, und man sieht es nicht wieder hervorsteigen. Ehedem kostete es manchem alten guten Mann oder alten Frau das Leben, wo dieser Drache in den Camin zog; denn da war's schlechterdings nicht richtig, und Hexen mußten verbrennt werden. Martin oder Stöppchen hat also gewiß kein Geld gebracht, sondern es war eine natürliche prächtige Naturerscheinung. – Eine ähnliche Bewandnis hat es mit den


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