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Kann ein Mensch sich selbst anderswo sehen?

nur mit nein beantworten kann. Es wär das ein unbegreifliches Wunder! Die Seele müßte aus dem Körper heraustreten, dann einen andern Körper annehmen, um sich dem zu zeigen, dem sie eigentlich zugehöre. Dieser müßte folglich indeß ohne Seele seyn; aber dennoch sehen und denken, und weder da die Seele von ihm geht, noch da sie sich wieder mit ihm vereinigt, einige Veränderung wahrnehmen. Wie wenig alles das möglich sey, ersieht man aus dem vorhergehenden Beyspiele, wenn sie auch von dem erzählt würden, der sich selbst gesehen haben will, können hier nichts beweisen. Wer weiß, was der sah, der die erste Erscheinung dieser Art hatte? Andre hörten sie kaum, als sie dergleichen auch für möglich hielten, und endlich selbst einen ähnlichen Zufall hatten. Man dürfte nur nichts davon wissen, daß jemand anderswo sich selbst sehen könne, und keiner würde es an sich erfahren. Die Einbildungskraft wirkt hiebei außerordentlich. Warum sollte Gott dergleichen zulassen? Jemand wovon zu benachrichtigen? Der Geist redet ja nicht! Den Sünder zu warnen? Der gute Gott thut das nicht! Jemand den Tod anzukündigen. Wozu diese Vorherverkündigung, da Gott es für gut befunden hat, dem Menschen die Zeit seines Todes durchaus zu verbergen? Aber der Tod ist doch wirklich erfolgt, wenn jemand sich selbst gesehen hat! Hat man nicht andere Beispiele, daß Menschen aus Einbildung, noch mehr vor Furcht und Schröcken gestorben sind? Der Abergläubische wird etwas, das aus dem obersten Theil des Hauses hervorragt, für sein Bild halten, wird sich entsetzen, die Augen niederschlagen, und es nicht wagen, sie noch einmal auf jenen Gegenstand hinzurichten. Der Gedanke an den Tod, wovon jene Erscheinung seiner Meinung nach, der Vorbote ist, wird ihn überall verfolgen; er wird krank werden, er wird, je nachdem sein Glaube ist – bald sterben.


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