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Die Ahndungen

haben ein gewisses Ansehen erlangt. Man würde es für Schande halten, Gespenster zu glauben; Aber wenn von Ahndungen die Rede ist, da legt man die Hand auf den Mund, und – gesteht, daß sie möglich seyn möchten, und daß ja viele Erfahrungen ihre Wirklichkeit beweisen. Dieß ist allgemeine Sprache, die man fast überall hört. Man vereinigt die bei dem Gespenstergespräch getheilten Meinungen, bei den Ahndungen wieder. Es ahndet, wenn etwas, daß man aus sichern Gründen vermuthet, eintrift. So kann ein Sterbender sagen, es ahnde ihm, daß er sterben werde: Er schließt das aus dem Gefühl von Schwäche. Ahnden heißt aber auch, durch ausserordentliche Zeichen etwas unbekanntes erfahren. Man hört im Schlafen oder im Wachen (denn mancher träumt auch wachend) einen Fall, ein Gepolter, Geklirr, Schlag oder Stoß im Hause, oder Klopfen an der Thür; anstatt zu untersuchen, was davon die Ursach sey, bleibt man still sitzen und rührt sich nicht, oder schließt die Thür ab. A. nimmt den Rest seiner Herzhaftigkeit zusammen; sieht zu, ob etwas da ist; aber es ist nichts zu sehen und zu hören; anstatt nun vernünftig zu schließen; Ich habe geträumet oder es mir eingebildet; so schließt er unvernünftig so; Es muß ein Geist gewesen seyn. Die Katzen beissen sich, die Hunde heulen, die Eule schreit, die Todtenuhr schlagt; auf dem Boden hört man einen Fall; Nun, so mag sich der Patient, der in solchem Hause ist, nur geschwind zum Tode bereiten. Vergebens sagt ein Vernünftiger die Ursach, warum sich die Katzen beissen, die Hunde heulen, die Eulen schreien, daß ein Handwerksmann in der Nachbarschaft noch arbeitet, dessen geringste Schläge man bei nächtlicher Stille weit höre, und daß der Fall auf dem Boden sich schon erklärt habe: Seiner Meinung nach, waren es die Anzeigen des gewissen Todes. Wenn in einem Hause etwas gehört wird, das man für Ahndung hält; so glaubt man zuverlässig, es bedeute etwas ausserordentliches. Man denkt nun herum, was etwa geschehen oder jemanden aus der Familie begegnen könnte; und trifft es dann, daß ein Todesfall oder sonst etwas erfolgt; so ist der Schluß fertig; Es ahndete und es ist eingetroffen. Man sieht leicht, daß diese Gedankenfolge ausserordentlich unrichtig ist. Es kann mit einer Sache ganz natürlich zugehen, nur daß wir den Grund nicht entdecken können, und oft kommt es nur auf den Willen an, zu untersuchen, um den natürlichen Grund zu finden. Man prüft nicht streng genug, sondern nach vorhergefaßten Meinungen. Oft findet man den Grund von einer Sache nicht zu der Zeit, da man ihn suchte; sondern zufällig. Wenn man glauben wollte, es werde nach einem ungewöhnlichen Gepolter, Unglück oder Tod erfolgen; so könnte man eben so sicher behaupten, daß nach dem Regen eine Feuersbrunst entstehen werde, weil dies zuweilen der Fall war. Der, welcher aus einer Familie stirbt, ist oft zwanzig und dreißig oder mehrere Meilen von dem Ort entfernt, wo es poltert. Mit seinem Körper konnte er an einem so entfernten Ort unmöglich eine Bewegung hervorbringen; Die weggeschiedene Seele kann es noch weniger, weil sie keinen Körper hat. Wer könnte behaupten, daß die Seele nach ihrem Abschiede, aus dem Körper erst lange Reisen zu ihren Freunden thue, um sie zu erschrecken? Wollte man sagen, man wisse die Wirkungen der Geister nicht, so ist das nur eine leere Ausflucht. Treffen Ahndungen ein, so ists zufällig. Es ahndet in dem Kopfe des Abergläubischen oft, und es trift nichts ein; Darauf aber achtet er nicht; nur wenn etwas merkwürdiges geschieht, sollen Anzeigen vorhergegangen seyn. Aber wer weiß nicht, wie sehr jene Vorfälle herbei gezogen werden, und wie wenig Zusammenhang Erfolg und Anzeigen mit einander haben? Mancher hält jede Beängstigung, jede Furcht, die ihn anwandelt, für ein Zeichen eines bevorstehenen Unglücks, und denkt nicht an sein dickes Blut und seine Hypochondrie. Einen andern überfällt mitten im Genuß der Freude, und ohne daß er etwas unangenehmes gedacht hatte, Angst und Schrecken; er selbst weiß die Ursach davon nicht. Jener ist im Begrif, ein Vergnügen zu geniessen, und noch ehe er es kann, wandelt ihn eine Aengstlichkeit an; es ist als würde er von etwas zurück gezogen. Man mag wohl glauben, daß der Mensch dann weniger zum Vergnügen aufgelegt sey: daß er daher alles unangenehme, was ihm begegnet, für Unglück hält, wenn es auch noch so klein ist; daß er durch seine Unaufgelegtheit andern Gelegenheit gebe, ihn zu beleidigen; und daß er dann geneigt sey, zu glauben, es habe ihm das geahndet. Man kann aus dem Zusammenhang der Dinge, aus gewissen sich ereignenden Umständen gewissermassen wenigstens das Unglück vorhersehen, und wenn es dann eintrift, kann man nicht sagen, das es geahndet habe. Man schreibt sogar die Ahndungen den Einwirkungen der Engel zu, welche die Seele eines Freundes in den Stand setzen sollen, gewisse Wirkungen hervorzubringen. Außerdem aber daß diese Meinung ohne Grund und bloße Muthmaßung ist, so wird man dadurch in viele andere Schwierigkeiten verwickelt, die unauflöslich sind. Sie ist ein elender Behelf, den man darum wählte, weil man nicht anders wußte. Durch bloße Gedanken kann kein Anwesender, geschweige denn in der Entfernung jemand, in eines andern Seele Gedanken oder Vorstellungen hervorbringen. Man denke lange und lebhaft an einen entfernten Freund, und frage ihn dann, ob er Anzeigen oder Empfindungen davon gehabt habe? Gewiß nicht! Man sage nicht, daß es anders mit der Seele eines Sterbenden sey; denn die Seele ist und bleibt was und wie sie ist, sie mag in einem gesunden oder kranken Körper wohnen: Ihr Wirkungskreis ist in beiden Fällen einerlei. Wer also auf diese Art Ahndungen erklären wollte, der würde unmögliche Dinge behaupten. Diejenigen, welche Ahndungen den Engeln zuschreiben, irren ebenfalls. Ehemals bediente Gott sich der Engel wohl, aber nur in den wichtigsten Fällen, wobei es auf die Glückseligkeit wenigstens eines Theils des menschlichen Geschlechts ankam. Wie könnte man aber glauben, daß Gott auch in unwichtigen Sachen Engel gebrauchen werde? Die Todesstunde hat Gott, aus weisen Ursachen, dem Menschen verborgen; er würde also wider sich selbst handeln, wenn er sie ihm auf irgend eine Art durch Engel bekannt machen ließ. Und sollen Ahndungen von Engeln herkommen; warum geschehn sie nicht bei Tage; und nur in der Stille der Nacht?

Aber, wird man sagen, was soll man denn von den Geschichten urtheilen, die von glaubwürdigen Personen auf eine glaubwürdige Art erzählt werden? –

Man muß dabei nur nicht gleich an sympatisirende Freunde, Erscheinungen, Engelwirkungen x. denken, und nichts für Eingebungen halten; die von aussen in die Seele gebracht werden; sondern nur in gewissen Fällen, für Vorhersehungen, die in der menschlichen Seele, welche beständig wirksam ist, urtheilt und schließt, ihren Grund haben. Der Prof. Baumgarten sagte einst: Es sind noch acht Tage, denn sterbe ich; und es traf ein. Der Prof Simonis hatte vierzehn Tage vor seinem Ende folgenden Traum; Er fahre von Heyersdorf, wo er sich damals aufhielt, in Gesellschaft einiger Freunde nach Raguhn; wo er am Eingang von den dasigen Predigern, Cantor und Küster empfangen und in feierlicher Procession nach dem Kirchhof begleitet würde; Und alles wurde erfüllt. – Es kommt hier darauf an, ob der Traum die wirkliche Bedeutung des Todes gewesen; oder ob nicht der Traum den Tod der genannten Männer beschleunigt habe, den sie sich nun gewiß dachten? Denn auch grosse Männer sind von Einbildungskraft nicht frei, ja sie sind derselben oft mehr als andere unterworfen, weil ihre Seele stets mit solchen Dingen beschäftigt ist, durch welche sie von der Betrachtung dessen, was ausser ihnen ist, abgezogen werden. Beispiele von Ahndungen und deren Beleuchtung werden über das gesagte noch mehr Licht verbreiten. Der Krieg riß einen Officier aus den Armen seiner Geliebten. Sie hatte von Zeit zu Zeit Nachricht von ihm, und dieß machte die Trennung erträglich. Einst verfiel sie, nachdem sie einen angenehmen Brief durchlesen hatte, in eine Art von Schlummer, aus dem sie plötzlich erwachte und dann bestürzt ausrief: Er ist dahin! den Augenblick habe ich ihn sterben gesehen. Ach! jetzt ist er an der Wasserquelle unter Bäumen gestorben. Ein Officier in einem blauen Kleid bemühte sich, aber vergebens, ihm das Blut zu stillen, und ihn mit einem Trunk Wasser aus seinem Hut zu laben. Man suchte sie zu beruhigen; sie ermattete aber, und verfiel zum zweitenmal in einen tiefern Schlummer, und wurde durch dieselbe Erscheinung erschreckt. Vierzehn Tage verstrichen, dann kam der traurige Bote, und brachte die Bestätigung des Traums. Einst hörte sie in einer Kirche die Messe, erblickte nahe vor ihrem Stuhl einen Officier, that einen Schrei, und fiel in Ohnmacht. Nachdem sie wieder zu sich selber gekommen war, bat sie den Officier zu sich, der jenes schon halb vergessenen Vorfalls sich wieder erinnerte. Ich sahe ihn sterben sprach er, und erwies ihm Beistand. Ihren Namen sprach er noch mit dem letzten Hauch aus, und ich bemühte mich vergebens, nähere Nachricht von ihm zu erhalten.

Wenn man die ganze Erzählung annähme, ohne etwas zu vermuthen, so könnte sie freilich uns anstößlich das beweisen, was sie beweisen soll. Wenn das Frauenzimmer erfahren hätte, daß ein Treffen unvermeidlich oder schon geliefert, oder ihr Gemahl krank sey; so ließ alles sich aus der Einbildungskraft erklären: sie sieht aber eine nie gesehene Gegend, das ganze Aeussere, eines nie gesehenen Mannes und seine Gesichtszüge so genau und richtig! Wer ist der Zeuge, der die Wahrheit des ganzen Vorfalls bestätigt? hat er sich nach der Richtigkeit desselben genau erkundigen können und wollen? Wie hieß der Officier, der so menschenfreundlich handelte? Wie der Erblaßte? Wenn geschah die Begebenheit, und war damals Krieg? Sollte der Verstorbene keine Briefe bei sich gehabt haben, woraus man sein Herkommen hätte erkennen mögen; kannte ihn gar keiner? Frug der mitleidige Officier ihn nicht nach seinem Namen, da er doch den Namen seiner Gemahlin so oft nannte?

Das Ganze möchte also vielleicht darauf hinaus laufen: Ein Officier gieng zu Felde, ließ seine Gemahlin zurück, die oft von ihm träumte, und ihn einst sogar sterben sah. Es fiel ein Treffen vor, der Officier blieb, und der Traum wurde erfüllt. Freilich erzählt man Geschichten als Beispiele, daß Ahndungen gewiß eintreffen; aber wer mag sie untersuchen, ihr Entstehen finden, das Unwahre von dem Wahren absondern; und sie, so wie sie es wohl in den allermeisten Fällen verdienen, als Lügen darstellen?

Die Anzahl der Geschichten, da man den lächerlichen Grund von den Ahndungen fand, ist ohne Zweifel unendlich größer, als die, welche man nach hinlänglichem Untersuchen für außerordentlich halten könnte. Morbine schlummert ein, hört einen dumpfen Fall, und seufzet: Ach was wird das bedeuten? Am Morgen sah man aus Merkmalen auf der Haustreppe, daß die Katze den Rest des Hammelbratens aus der Küche geholt hatte. Ein andermal läutet es an der Hausglocke; sie sieht zu, und findet keinen. Es läutet zum zweiten und dritten mal; nun wagt sie es nicht mehr, darnach hinzusehen; Der Hausherr muß es selbst thun; auch der sieht nichts, und ruft darüber den Nachtwächter an, welcher die junge Katze wegjagt, die mit dem Klockendrath gespielt hatte.

Wer eine Ahndung gehabt zu haben glaubt, der betrübe sich darüber nicht, im Fall er nicht Herzhaftigkeit genug haben sollte, darüber die gehörige Untersuchung anzustellen; sondern glaube fest, daß alles natürlich zugieng, und daß ihm darum kein Uebel begegnen werde. Insbesondere aber bewahre man die Kinder vor dem schädlichen Ahndungsaberglauben, und rede ihnen die Meinungen davon aus, die ein Unverständiger ihnen beigebracht hat.

Manchen Menschen kommt es bisweilen im Schlaf des Nachts vor, als ob etwas schwer auf ihn falle, und ihn stark drücke, so daß er nicht reden oder schreien, sondern nur winseln kann; welchem Zufall man Alpdrücken nennt. Dieser Alp ist nichts anders als ein Krampf in den Füßen und auf der Brust, der besonders aus dem Magen, und von dickem Blut entsteht. Personen, die viel essen, wenig trinken, viel sitzen und sich wenig Bewegung machen, sind diesem Zufall am häufigsten unterworfen. Wenn der Magen schwach ist, und doch stark mit Speiden überladen wird; so wird er aufgebläht; dadurch bekommt das Zwergfell (eine innere Haut, welche die Hölung der Brust, von der Hölung des Unterleibes scheidet) einen Druck, wodurch denn der Kreislauf des Bluts und das Athemholen erschwert, die Sinne betäubt, die Stimme gedämpft wird; und in der Brust eine Beängstigung entsteht, daß der Mensch glaubt, er werde von einer schweren Last gedrückt. Man hat bemerkt, daß die, welche auf dem Rücken zu schlafen pflegen, von dem Alp am häufigsten gedrückt werden. Gewöhnlich finden sich die Personen, wenn der Anfall vorüber ist, in solcher Lage; und daß man darin die schwersten Träume hat, ist bekannt. Sie befinden sich dabei in einem Zustande, daß sie fest glauben, sie hätten gewacht, um so mehr, da sie die Schreckbilder, von denen sie ihrer Meinung nach beunruhigt wurden, beschreiben, und ihre Bewegungen so genau anzugeben wissen. »Da saß, sagt ein solcher, ein kleines schwarzes Männchen auf dem Stuhl. Auf einmal wurde es so groß, daß es bis an die Decke reichte, und auf einmal wurde es wieder klein, kam und legte sich lang über mich hin, und drückte mich bis zum ersticken. Dann verschwand es, und ich konnte um Hülfe rufen.« – Da lag ein Hund neben mir auf der Erde; er stand auf, schüttelte sich fürchterlich, und ward zu einem kleinen Männchen. Das kam wie mit einem Fuß auf meinem Bette heran u.s.w. Es würde fast vergebliche Mühe seyn, dergleichen Leute zu überreden, daß sie nur geträumt hätten; denn so lange noch das Uebel in ihrem Körper ist, dem der Zufall sein Entstehen dankt, werden sie nichts glauben, das ihrer Meinung entgegen ist. Bald denkt der Abergläubische, es sey ein Geist, der von einem andern Menschen, den es Alp oder Mahre nennt, ausfahre, und zu seinem Vergnügen andere drücke. Bald sollen die Hexen einen Geist oder den Teufel dazu beordern, bald es selbst verrichten. Man hat zur Schande des menschlichen Verstandes, Beispiele in der Geschichte, daß Menschen darum, weil man glaubte, sie könnten alpdrücken, vor Gericht gezogen, und weil sie nichts gestehen konnten, so lange gemartert worden sind, bis sie von Schmerzen betäubt, und aus Furcht von größerer Pein Dinge gestanden, wovon sie niemals etwas wirklich wußten.«

Der Vielesser esse in Zukunft weniger unverdauliche Speisen, und trinke mehr dünnes Getränk. Der Müssiggänger beschäftige seine Hände und Füße, und der Vielsitzende mache sich fleisiger Bewegung, und lege sich auf die rechte Seite zum Schlaf; so wird der Alp nicht wieder kommen. Oft mögen die Vorwürfe des verwundeten Gewissens; welches auch bei Schlafenden seine Macht behauptet, die Ursach dessen seyn, was man mit einem albernen Ausdruck Alp nennt.

Mit dem Alpdrücken hat es übrigens in so fern seine Richtigkeit, daß es wirklich einen Zufall giebt, den man so nennt; anders aber ist es vielleicht mit den


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