William Shaekespeare
Shakespeares Sonette
William Shaekespeare

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XCIX

Das freche Veilchen schalt ich: »Süßer Dieb,
wo hast du deinen feinen Duft gestohlen?
Vom Hauch des Liebsten! Wo gewannst du lieb
den Purpur dir? Bekenn es unverhohlen!
Von seiner Wange, daß ihm fast nichts blieb.«

Die Lilie hat von seiner Hand genommen,
der Majoran vom Glanz des Haares keck;
am Strauche standen Rosen recht beklommen,
teils rot vor Scham und teils auch weiß vor Schreck.

Und eine, die nicht rot, nicht weiß erschienen,
die war's, die seinen Hauch von beiden stahl;
dafür wird sie trotz ihrem Stolz verdienen,
von eklem Wurm zu leiden Todesqual.

Noch Blumen gab's; doch keine, der man's glaubt,
daß sie nicht Duft und Farbe dir geraubt.


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