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Gottfried Silbermann.

Der berühmte Orgel- und Klavierbauer ward den 14. Januar 1683 zu Frauenstein geboren. Seine Instrumente waren hochgeschätzt; Friedrich der Große kaufte von ihm sieben Klaviere, und bezahlte jedes mit 700 Thalern. – Silbermanns letzte Arbeit war die Orgel in der katholischen Kirche zu Dresden, deren Vollendung er indeß nicht erlebte. Er starb zu Freiberg, den 4. August 1753. S. war ein Mann von derbem, schlichten Charakter, der gegen Hohe wie Niedere die gleiche Gradheit und Offenheit behauptete. Das Talent des Silbermann'schen Geschlechts scheint wie das der Bachs erblich gewesen zu sein; denn beide Familien haben viele begabte Köpfe in den ihnen eigenen Künsten aufzuweisen.

(1683-1753)

Gedenkend seines Lebens Müh'
Streckte sich im Lehnstuhl Sonntags früh
Im Werksaal Meister Silbermann,
Und brannte sein thönernes Pfeifchen an.

Er, der mit Orgeln klarsten Bau's
Versehn so manches Gotteshaus,
Ging gern zur Kirche nach Christenpflicht,
Doch bannt' ihn an den Stuhl die Gicht;
Sein Herz und Geist mußt ihm allein
Jetzt Prediger und Tröster sein,
Wenn Freibergs helle Kirchenglocken
Zum Dienst des Herrn die Beter locken.

Ernst blickt er vor sich zum Kamin,
Daraus die Flamme behaglich schien,
Indeß ein Kätzlein graugefleckt
Sich ihm zu Füßen dehnt und reckt.
Rings Alles ruhig – es schnarrte nur
Gemeßnen Tact's die Pendeluhr
An der von Ruß geschwärzten Wand,
Auf der mit Kreide das Sprüchlein stand:
»Am glücklichsten, wer da lebt ganz still,
Nicht groß durch Große werden will!« –

Da klinkt die Thüre plötzlich ein
Und stört des Greises Träumerein.
»Grüß Gott euch, Meister!« tönt es hell,
Und vor ihn tritt der Altgesell:
»Was habt ihr sonst noch zu bestellen,
Der Aermchen halber zu den Wellen?«

Der Alte schaut ihn freundlich an:
»Nicht also redet, getreuer Mann!
Die Wochentag' habt ihr genug zu thun,
Heut habt ihr gebetet – nun müßt ihr ruhn.
Legt euer Gesangbuch in den Schrein,
Holt von dem Sims dort Gläser und Wein,
Schenkt ein, und stoßt von Herzen an:
»Hoch lebe! wer rüstig sich rühren kann!«

»»Hoch Meister euer gesegnetes Thun,
Euch schmückt der Lorber – euch ziemt es zu ruhn!
Doch wolltet ihr längst aus eurem Leben
Mir ein Histörchen zum Besten geben,
Wie's euch als Knaben so bös erging,
An der Kunst eure ganze Seele hing.
Thut's heut bei diesem feurigen Blut,
Dann mundet der Trank noch eins so gut!««

Da schmunzelt der Alt' in sich hinein,
Schlürft noch einen Schluck vom edeln Wein
Und beginnt:
»Gar seltsam in der Welt
Ist's mit dem Loos eines Menschen bestellt;
Oft edelt ein Zufall in guten Stunden,
Was lang in der Seele verderblich gekeimt;
Hätt' sonst mein Lebtag Deckel geleimt,
Pergamente geglättet und Bücher gebunden.

Mein Vater, ein armer Zimmermann
In Frauenstein wandt Alles an,
Was ihm und mir brächt' irgend Ehr',
Gab mich einem Buchbinder in die Lehr'.
Ich aber, ein leichter Bursche, trieb
Nur Kurzweil, die der Jugend lieb.
Mich widerte schier die Arbeit an,
Da ich stets auf tolle Streiche nur sann.
So legte mein übermüthiger Sinn
Selbstschüsse dereinst im Schloßgemäuer,
Zog über die Gasse Bindfaden hin,
Ein Tritt darauf – so krachte das Feuer.

Oft wiederholt' ich das Ding mit Behagen,
Bis man zuletzt mich erfaßt beim Kragen.
In's Schloßgefängniß ward ich gebracht,
Doch entfloh ich daraus schon die dritte Nacht.
Nun wußten die Herrn in der Schloßvogtei,
Daß der nahe Müller mein Vetter sei.
Kaum dämmerte drum der Morgen gemach,
So schickten sie mir zwei Boten nach.
Ich seh sie von weitem – in einem Nu
Spring' ich dem nächsten Baume zu,
Erklimm' ihn und bleibe dort unversehrt,
Bis die Männer aus der Mühle gekehrt.
Wie lacht' ich in's Fäustchen, als unter mir
Die Beiden fluchend hinweggezogen!
Ich eilt' in meines Vetters Quartier
Und entdeckt ihm, was mich zur Flucht bewogen.
Was Bitten nicht, hatten Thränen erreicht,
Sein gutes Herz ward bald erweicht.
Des Knaben unerschrockenen Sinn
Zogs nach dem fernen Straßburg hin,
Wo oftmals schon mein Ohm mich gebeten,
Ein Orgelbauer mit Ehren genannt,
Als Bursch bei ihm in die Lehre zu treten;
Flugs macht' ich damit den Vetter bekannt,
Der gab mir das nöthigste Geld und Geleite,
Und hoffnungsvoll wandert' ich in die Weite.

In Straßburg ward ich, den jetzt ihr kennt.
War Tischler vorerst, dann Orgelbauer,
Wofür man lebt und in Lieb' entbrennt,
Dafür ist keine Mühe zu sauer!

Manch Orgelwerk baut' ich und manch Klavier,
Der große Friedrich kauft selbst von mir;
Doch hab' ich auch, wollt' mich ein Werk nicht erbaun,
Manch Instrument mit dem Beil zerhaun!
Jetzt fühl' ich an Allem mein nahes End',
Und wünsche nur – daß der Herr es wend'! –
Als Schlußstein von meinem Schaffen und Baun
Die Orgel in Dresden vollendet zu schaun! –
Nun kennt ihr mein Leben – ihr merket daraus,
Beharrlichkeit führet zu Hof und Haus.
Wer Lieb' und Vertraun hat auf die Kunst,
Der sucht nicht lang erst der Höheren Gunst,
Die müssen, gereicht's doch zu ihrem Frommen,
Von selber herab zu dem Künstler kommen.

Stoßt an! und laßt leben, mein treuer Gesell,
Was dort ich schrieb auf die Mauer grell:
Am glücklichsten, wer da lebt ganz still,
Nicht groß durch Große werden will!«



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