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Der Junker Görg auf der Wartburg.

(1521)

In Martin Luther ward das Wort zur That,
Zur kräft'gen That, die aus dem Auge lodert;
Er war der Held, der fest entgegentrat,
Als eine Welt ihn frech herausgefodert.

Beherzt, wie er vor seinem Kaiser stand,
Ob Acht und Bann ihn zu verderben strebte,
Erfaßt' er Roma's Stuhl mit nerv'ger Hand,
Und rüttelte, daß Roma's Löwe bebte.

Dem weisen Kurfürst Friedrich Dank und Preis!
Zum Schein ließ er den Kämpfer überfallen;
Gefangen in verkappter Ritter Kreis
Empfingen schirmend ihn der Wartburg Hallen.

Hier schleudert' er vom schroffen Wolkensitz
Als Junker Görg mit dräuender Geberde
Der Geistesfreiheit lichten Flammenblitz,
Den Herold einer neuen Zeit, zur Erde.

Und dieser Blitz schlug in Europas Herz,
Von Thurm zu Thurm, von Volk zu Volke kletternd.
Er schmolz der Fürstenhäupter Kranz von Erz,
Der Kirche Mutterbusen wild zerschmetternd.

Doch, die ihn warf, die Hand war sanft und gut,
Sie führte statt des Schwertes nur die Feder,
Und jener Blitz – er war voll heil'ger Glut
Mit goldnem Schnitt ein Buch in schwarzem Leder.

*

Die Nacht ist still – es liegt das Buch des Herrn
Vor Luther in der Urschrift aufgeschlagen,
Ein Himmel, dessen Sprüche Stern an Stern
In's Herz den Strahl der Offenbarung tragen.

Die Nacht ist still – es fällt der Lampe Schein
Trüb auf des Pergaments beschriebne Blätter,
Drauf Verse glühn wie eingehaun in Stein,
Süß wie der Lenz, kraftvoll wie Sturmeswetter.

Begeistert dichtete der fromme Mann
Den neuen Bund in deutsche Mutterlaute,
Und emsig schreibt er, – plötzlich hält er an,
Als er dem Kiele just den Vers vertraute:

»Und der Versucher trat zu ihm und sprach:
Bist Gottes Sohn du, sprich, daß diese Steine« –
Die Feder fällt – unheimlich sinnt er nach –
Was stiert sein Blick nach jenem dunklen Schreine?

Ein Schatten tritt vor seiner Seele Licht,
Und zu ihm spricht der Dämon – der Gedanke:
»Laß ab, laß ab, du gehst in dein Gericht!
Nach Sternen greifst du – und dich bannt die Schranke.

Was hilft es dir, wenn du die Schrift des Herrn
Für künft'ge Zeiten suchst heraus zu meißeln,
Wenn sie dich allerorten nur zu gern
Dafür im Leben kreuzigen und geißeln?

Zum Schooß der Kirche geh' zurück und laß
Das Leben würzen dir aus reicher Pfründe!«
Doch Luther warf ergrimmt das Tintenfaß:
»Entweich, Verfluchter! denn dein Nam' ist Sünde.«

*

Triumph, Triumph! der Dämon ist besiegt,
Die grüne Palme schwingt der Gottesfriede;
Die argversuchte Seele jauchzt und wiegt
Auf Melodieenwogen sich im Liede.

Im Busche draußen schlägt die Nachtigall
In langgezognen, süßen Glockentönen,
Als wollte sie mit frischem Jubelschall
Den siegesfrohen frommen Kämpfer krönen.

Fern rauscht der Bergeswasser wilder Fall,
Die Zweige vor dem Fenster plaudern leise –
Die Luft spielt an dem Felsen mit dem Hall,
Der Harfe der Natur, die alte Weise.

In Osten glänzt die Sonn' in dunkler Glut
Und taucht in Purpur die erhabnen Zinnen,
Ein Goldpokal, aus dem die rothe Flut
Wild überschäumt aufs Kleid von Königinnen.

Ihr erster Strahl fällt in des Dichters Brust,
Und gleich der Memnonssäule süßem Klange,
Erweckt in Luther sie die fromme Lust,
Der Seele Gold, den Frieden im Gesange.

Er nimmt sein theures Saitenspiel zur Hand,
Und stimmt das Lied an, das er einst gedichtet,
Als er dem bösen Feind genüber stand
Und andachtvoll Musik ihn aufgerichtet:

Ein' feste Burg ist unser Gott,
Ein' gute Wehr und Waffen
!



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