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Christian Thomasius.

Dieser freisinnige Gelehrte ward 1655 zu Leipzig geboren. Sein Vater war ebenfalls als Gelehrter und als Rector der Thomasschule von hohen Verdiensten. Nachdem Thomasius in Frankfurt a. d. O. Philosophie und Jurisprudenz studirt, kehrte er in seine Vaterstadt zurück, machte sich aber durch seine Freimüthigkeit viele Feinde. 1690 war gegen ihn ein Verhaftsbefehl erlassen, dem er aber durch Flüchten aus sächs. Gebiete nach Halle entging. Daselbst las er an der Ritterakademie und gehörte zu den Gründern der Universität. Als solcher ward er 1694 Director derselben. In seinen Vorträgen bediente er sich der Muttersprache; er war durch und durch praktischer Denker. Als Kämpfer gegen Aberglauben und Vorurtheile erwarb er sich das größte Verdienst. Er starb 1728 zu Halle.

(1690)

Das war fürwahr ein deutscher Mann,
Gepriesen sei der Biedre!
Den Schlendrian griff keck er an,
Kämpft gegen Hoh' und Niedre.

Ein echter Sprößling der Natur
Zertrat er giftge Schlangen:
Dem Hexenunfug, der Tortur
Ist er zu Leib gegangen.

Er sprach: »Im Aberglauben ruhn
Der Menschheit grimmste Nesseln,
Denn er beschränkt lebendges Thun,
Schlägt Herz und Haupt in Fesseln.

Er ist das nächtge Schleiertuch,
Das die Tyrannen nützen,
Und hierin liegt der große Fluch,
Vor dem kein Volk zu schützen!«

Ein zweiter Luther sprach er frei;
Mit offnem Herz und Blicke
Trat er zur Pietisterei,
Und brach ihr das Genicke.

Ja! ein Professor war's, der dreist
Abwarf das fremde Wesen,
Der, stolz auf Deutschheit, seinem Geist
Das deutsche Wort erlesen.

Zu Leipzig an das schwarze Brett
Schlug deutsch er seine Sätze.
Entlarvt der Phrase hohl Skelett
Kraft geistig tiefer Schätze.

Da standen die Perücken all
Vom jähen Schreck versteinert:
Sie, die mit Müh den Erdenball
Vergriecht und verlateinert.

»Den Ketzer flugs hinaus zum Thor!«
Schrien die Pedanten alle –
Thomasius schied – und stieg empor,
Sein Stern ging auf in Halle!



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