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Sebastian Bach vor August dem Starken.

Johann Sebastian Bach, geb. den 21. März 1685 zu Eisenach, Hofmusikus zu Weimar, Organist zu Arnstadt, später Concertmeister zu Weimar, woher er 1717 zu dem beregten Wettstreit nach Dresden eingeladen wurde. 1723 ging Bach nach Leipzig als Musikdirector an der Thomasschule, in welcher Stellung er bis zu seinem den 28. Juli 1750 erfolgten Tode verblieb. Bachs hohe Verdienste sind von den größten Musikern erkannt und gewürdigt worden. Wunderbar bleibt, daß seine Zeitgenossen, die ihn allgemein ehrten, nicht der Mühe werth hielten, den Ort, wo seine sterbliche Hülle ruht, zu bezeichnen – doch dies ist ein Schicksal, das den Großen beschieden – ihr geistiges Wirken lebt edler ohne irdische Spur!

(1717)

Die Staatskarosse hält zu Dresden am Palaste,
Lakai'n und Kutscher in Livree mit Treff' und Quaste
Stehn harrend an dem Thor, das Gaffer dicht umringen,
Indessen droben noch leichtfertige Weisen klingen.

Jetzt rauscht es in dem Hof – ein Zischeln rings und Gucken, –
Es theilt die Menge sich vor prunkenden Heiducken:
Ein zierlicher Galant geht tänzelnd durch die Reihn,
Eilt auf den Wagen zu und springt behend hinein.

Ein überselger Manu, den in der Gallatracht
So selbstgefällig heut ein Königslob gemacht:
Marchand, der Komponist, der lächelnde Franzos,
Erspielte vor August sich Kränz' als Virtuos.

Der Wagen rollt' entlang, das Glückskind in der Mitten;
Indessen aus dem Schloß zwei Männer plaudernd schritten,
Der Eine schlank und fest, der Andre drall und feist,
Aus Beider Stirnen doch glänzt' ein erweckter Geist.

Der Erste sprach: »Wie nun, mein Freund Sebastian,
Ihr habt ihn selbst gehört – hab' ich nicht recht gethan,
Daß ich von Weimars Hof, wo ihr zu emsig hockt,
Zu musikalischem Kampf nach Dresden euch gelockt?« –

Der Untersetzte drauf: »»Volumier, mein College,
Wißt, daß vor dem Turnier ich ein Bedenken hege;
Es scheint, der Majestät behagt des Fremden Spiel,
Wie, wenn dem König drum der Handschuh nicht gefiel?««

»Beruhigt euch darob, August hat selbst befohlen,
Zum Wettkampf der Musik nach Dresden euch zu holen,
Ihr solltet unerkannt erst den Franzosen hören,
Und hättet Muth ihr, ihm als Deutscher Rache schwören.

Habt ihr denn Furcht vor ihm?« – Sebastian drauf voll Ruhe:
»»Wer deutsche Stiefeln trägt, zagt nicht vor welschem Schuhe.
's ist ein Klavierhusar, nett spielt er als ein Franke,
Doch leer ist sein Gemüth und kraftlos sein Gedanke!««

»So fordr' ich Marchand denn zum Wettkampf blitzesschnell –
Die Zeit acht Uhr – der Ort: Marschall Flemmings Hotel.
Im Stegreif führt ihr aus, was er zu lösen gibt,
Und fodert, daß sodann ihm gleiche Kunst beliebt.

»Graf Flemming freut sich schon auf des Franzosen Dampf,
Und König August kommt als Richter zu dem Kampf,
Auf rechte Wage selbst der Künstler Werth zu legen!«
Bach schüttelt mit dem Kopf: »»Ich habe nichts dagegen!««

– In Graf Flemmings Palais harrt zur beraumten Stunde
Der Hof der Residenz in glänzender Rotunde,
Wie glitzern in dem Saal die Stern' und Gallahosen,
Fontangen und Toupé's, Spitzdegen und Pretiosen!

Marchand hat unverzagt die Fordrung angenommen,
Jetzt schlägt die Thurmuhr acht – wohlan! jetzt wird er kommen.
Die Thür geht auf – ein Herr – Marchand? – o nein! es ist
Im grünen Sammthabit Thüringens Componist.

Entlang die Damenreihn, die Reihn der Cavaliere
Geht er bescheidnen Gangs und stellt sich zum Claviere.
Es öffnen wieder sich der Thüre Flügel weit:
Stolz naht die Majestät, die Königin im Geleit.

Schon viertelt neun die Uhr – noch harrt man auf Marchand –
Da eilt der Hofmarschall ernst durch den Mittelgang:
»Eur Majestät! Marchand ist ein verzagter Geist,
Er ist mit Extrapost heut Mittag abgereist!«

Der König lacht – es geht ein Flüstern durch die Reihn;
Man staunt, – man schüttelt, – lacht, blickt achselzuckend drein.
August winkt Volumier: »Bach laß ich gratuliren,
Sagt ihm, er soll mit sich vor uns jetzt concertiren!«

– Und der Meister verneigt sich gemächlichen Blicks,
Rückt näher sodann sich den Stuhl ans Clavier,
Sitzt nieder und lockt aus den Saiten den Klang,
Mit begeistertem Sinn
Verloren in's magische Tonmeer.

Das Präludium steigt in gemessenem Takt,
Mit verdoppeltem Griff so gewaltig und hehr,
Und die feindlichsten Gäng' umschlingen sich traut,
Daß im Saal es erschallt,
Als wären die Stimmen nur Eine.

Unermüdlich bewegt sind die Finger im Spiel,
Leicht schwebend, als glitt sanft Perle zu Perl',
Als verschlänge sich Well' in der Welle behend –
Doch den Tasten entrauscht
Der Zauber melodischer Rede.

Nun wechselt der Takt – Allemande, Menuett,
Sie umschmeicheln das Ohr mit harmonischem Reiz;
Unbegreiflich dem Geist, wie der Meister zugleich
Mit der trillernden Hand
Die liebliche Melodie fortführt.

Der letzte Ton verstummt – beendet ist das Spiel,
Bach steht vom Sessel auf, sorglos ob er gefiel.
Das Unerhörte doch reißt fort mit Allgewalt,
Daß die Begeistrung laut im Saale wiederhallt.

August der Starke winkt Beifall und Dank ihm zu,
Naht sich ihm selber dann voll majestätscher Ruh:
»Sprecht, Zauberkünstler Bach, wie mußt' es euch gelingen,
Die Tiefe der Musik so kunstvoll zu erringen?«

Bach lächelt scheu, als wollt' ihm derlei Lob nicht passen
Verlegen wie ein Kind erwiedert er gelassen:
»»Eur' Majestät! durch Fleiß ward mir die Fertigkeit,
Wer auch so fleißig ist, der bringt es auch so weit!««



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