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Die drei Geplagten

Einmal wurden Ochs, Schaf und Esel ihrer Last überdrüssig und gingen hilfeflehend zum Zeus. Der Ochs, als der Stimmgewaltigste, führte das Wort.

»Vater Zeus,« begann er, »wir haben oft in wunderschönen Märchen gehört, daß die Götter den Menschen erlaubt haben, Tiergestalt anzunehmen. Wer hoch fliegen wollte, ward zum Adler, wenn jemandem nach unbezwinglicher Kraft gelüstete, der durfte sich in einen Löwen verwandeln, und daß einer zum Schwein wird, sieht man noch alle Tage. Nun mach es mit uns einmal umgekehrt: laß uns zu Menschen werden, damit all unsere Bedrängnis und schlimme Plage ein Ende habe.«

»Wenn es euch Vergnügen macht,« sagte Zeus, »könnt ihr euch gern einmal verändern. Aber ich warne euch: auf Erden gibt es kein geplagteres Geschöpf, als der Mensch für gewöhnlich ist.«

»Wir möchten auch nichts Gewöhnliches werden,« wandte der Ochse ein, jeder von uns hat einen ganz besonderen Wunsch. So sehne ich mich vor allem nach Freiheit; ich weiß aber, daß mein Nacken das Joch nicht los wird, wenn ich das Wiederkäuen nicht lassen kann. Laß mich einen Philosophen werden.«

Da winkte Zeus mit der Hand und sprach: »Sei ein Philosoph.«

Als das Schaf nun sah, daß sich die Sache gut anließ, erhob es auch seine Stimme: »Olympier, du weißt, daß ich viel Geduld besitze, aber endlich habe ich es satt bekommen, mich jedes Jahr von neuem scheren zu lassen, und das kommt bloß daher, weil ich all mein Lebtage hinter einem Leithammel hergelaufen bin. Mich verlangt nach Selbständigkeit, nach einer leitenden Stellung.«

»Das ist ein billiger Wunsch,« erwiderte der Gott gelassen, »ich will dich an die Spitze des großen Vereins für moralischen und ethischen Fortschritt stellen. Da wirst du viel Freude erleben.«

Zuletzt kam der Esel und begann mit herzzerbrechender Klage: »Vater Zeus, ich will nicht von der Last reden, die mein Rücken tragen muß, aber ich leide unsagbar unter all dem Schimpf und der Schande, die die Welt auf meinen Namen häuft; ich sehne mich im innersten Herzen nach Ruhm und Ehre.«

Zeus sagte lachend: »Du sollst Ruhm und Ehre haben; ich will dich zum Minister machen.«

Der Empfang war zu Ende, und von Stund an ging mit den dreien eine große Veränderung vor sich: der Ochs ward ein Philosoph, das Schaf Vereinsdirektor und der Esel Minister. Es dauerte aber kein Jahr, und sie waren wieder da und sahen ganz erbärmlich aus: der Philosoph abgemagert bis zum Gerippe, der Leiter des moralischen und ethischen Fortschritts ganz aus der Wolle heraus, und der Minister schien kürzlich furchtbare Prügel bekommen zu haben. Alle drei warfen sich nieder vor des Blitzeschleuderers Thron und riefen wie aus einem Munde: »Vater Zeus, dein Geschenk, nimm es zurück! Bitte, bitte, laß uns wieder Tiere werden!«

»Erzählt mir,« befahl Zeus, und es blitzte schadenfroh aus seinen Augen.

Der Philosoph begann: »Es geht auf keine Kuhhaut hinauf, was ich ausgehalten habe. Ich dachte des Wiederkäuens ledig zu sein und wollte ganz von neuen Gedanken leben. Ich habe mir auch die größte Mühe gegeben: gönnte mir Tag und Nacht keine Ruhe, immer bin ich hinter ihnen her gewesen, aber ich habe auch nicht einen einzigen erwischt. Alles Fleisch habe ich mir von den Knochen gedacht; aber auch gar nichts ist mir eingefallen. So kann das Elend nicht weitergehen: ich sehe ein, daß die Philosophie nichts für einen Ochsen ist.«

Darauf klagte der Vereinsdirektor sein Leid: »O, welche Enttäuschung habe ich erlebt! Früher ward ich bloß geschoren, nun aber hat mir der tagtägliche Ärger alle Haare ausgerupft. Ich dachte zu leiten, zu den Morgentoren wahren Fortschritts zu leiten, aber die Menschen wollten sich nicht leiten lassen; ich hab' es nicht vermocht, ihrer zwei unter einen Hut zu bringen, denn über den Fortschritt hat jeder seine ganz besondere Meinung und über Moral und Ethik jeden Tag eine andere. O, schütze mich vor meinem Verein! Ein großer Verein bringt nach der Reihe alle seine Leiter um; wenigstens ist mir das eine sicher, daß ein Schaf nicht an seine Spitze gehört.«

Zuletzt kam der Minister; er war so matt, daß er kaum noch sprechen konnte; er flüsterte mit heiserer Stimme: »Ja, ja, ich bin ein Esel gewesen, sonst hätte ich wohl nicht darauf hineinfallen können. Was ist ein Minister? Der Prügeljunge der Fürsten und der Stiefelknecht der Parlamente. Lieber will ich wieder Säcke schleppen! Ruhm und Ehre! Täglich ward all mein Tun von den verfluchten Zeitungsschreibern durchgehechelt. Was muß unsereins sich an diesen Leuten ärgern! Kein gutes Haar haben sie an mir gelassen, und jeden Sonntag pflegten sie mich im Bilde zu hängen. Ich sehe jetzt ein, es ist nicht gut, wenn ein Esel –«

»Nein,« sagte Zeus, »aber laß uns das nicht sagen. Ich will euch zum zweiten Male helfen.«

Und alle drei wurden das, was sie gewesen waren, und so war es gut.

*


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